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Syrien: Ansprüche an die Gesundheitsversorgung ändern sich
Syrien 6 Min.
Die Rückkehr der Menschen in ihre Heimat bringt vieles mit sich: chronische Krankheiten, unterbrochene Behandlungen, dringende Bedürfnisse bei der Mutter-Kind-Versorgung, psychische Traumata und eine zusätzliche Belastung für bereits geschwächte und unterfinanzierte Gesundheitssysteme. Der Schwerpunkt verlagert sich zunehmend von temporären Hilfsangeboten in den Geflüchtetencamps hin zu dauerhaften Einrichtungen in den Städten – und erfordert neue Ansätze, wie und wo medizinische Hilfe geleistet wird.
Ich kehrte gleich am Tag nach der Befreiung nach Hause zurück. Ich schaute nach, was noch übrig war. Ich versuchte, die Schäden an meinem Haus so gut wie möglich zu reparieren, und seitdem lebe ich hier. Vorher [während des Krieges] fielen Granaten und in Khalediya kam es zu Massakern. Es hatte Scharfschützen und unsere Kinder konnten nicht zur Schule gehen. Manchmal konnten wir uns nicht einmal Brot beschaffen. Auch jetzt kann ich meinen Kindern nicht alles geben.
Durch die jahrelangen Kämpfe wurden in Homs ganze Stadtteile zerstört. Im Viertel rund um das Gesundheitszentrum Khalediya prägen nach wie vor Trümmer und beschädigte Gebäude das Bild. Viele kommen in Häuser zurück, die nur teilweise wieder instandgesetzt wurden oder noch immer schwer beschädigt sind – denn wo sollten sie sonst hingehen? Einige haben sich in Gebäuden niedergelassen, die baulich unsicher sind, und setzen sich und ihre Kinder damit ernsthaften Gefahren aus. Doch der Wunsch, nach Hause zu gehen und eine gewisse Normalität herzustellen, ist so stark, dass sie dies in Kauf nehmen.
Allmählich kehrt auch wieder mehr Leben in die Ortschaften zurück. In den einst leeren Strassen sind wieder Menschen unterwegs, in der Nachbarschaft wird wieder Kontakt untereinander hergestellt. Doch eine spürbare Erholung der Wirtschaftslage ist noch in weiter Ferne. Die meisten Familien haben kein regelmässiges Einkommen und können sich nur mit Mühe über Wasser halten.
Viele müssen wegen fehlender finanzieller Mittel jeden Tag schwierige Entscheidungen treffen: Sollen sie zuerst die Arztkosten für ihr krankes Kind oder die Reparaturen an den Fenstern und Türen ihres Hauses bezahlen?
Dies macht deutlich, unter welchen Bedingungen sich die Menschen hier ein neues Leben aufbauen.
Ansprüche an Gesundheitsversorgung werden komplexer
Während der jahrelangen Vertreibung waren insbesondere in den Camps rund um Homs die medizinischen Dienste in erster Linie dazu da, um auf akute Bedürfnisse zu reagieren. Dazu gehörten etwa Massnahmen bei ansteckenden Krankheiten oder Notfall-Geburtshilfe, etwas, das von humanitären Organisationen kurzfristig abgedeckt werden konnte.
Jetzt, da die Menschen wieder in städtische Gebiete wie Homs zurückkehren, werden die gesundheitlichen Herausforderungen immer komplexer und erfordern langfristigere Lösungen. Oftmals erhielten Menschen mit chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes jahrelang keine Medikamente mehr. Andere haben mit unbehandelten Verletzungen, körperlichen Beeinträchtigungen und den anhaltenden psychischen Auswirkungen des Krieges und des Lebens als Vertriebene zu kämpfen.
Es ist wichtig, dass die Menschen wieder ihre regulären Gesundheitsleistungen erhalten. So benötigen Kinder oftmals Nachholimpfungen oder Ernährungsunterstützung, während schwangere Frauen wieder regelmässige Kontrolluntersuchungen erhalten sollten, was während der Vertreibung kaum möglich war.
Die lokalen Gesundheitsdienste, die sich vom jahrelangen Krieg und der Zerstörung noch nicht erholt haben, sind jedoch kaum in der Lage, die wachsenden und zunehmend komplexeren Bedürfnisse abzudecken. Tatsächlich ist an vielen Orten der Mangel an funktionsfähigen medizinischen Einrichtungen eines der Hauptprobleme des syrischen Gesundheitswesens.
Wir wurden gewaltsam aus unseren Häusern vertrieben und landeten schliesslich in Idlib. Wir lebten in Zelten auf bergigem Gelände. Viele andere vertriebene Familien hatten sich dort schon vor uns niedergelassen. Acht Jahre lang lebten wir unter diesen Bedingungen. Einige Menschen blieben sogar zehn oder zwölf Jahre dort.
Von den Camps in Idlib nach Homs: Die medizinischen Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen
Ärzte ohne Grenzen leistet seit mehr als einem Jahrzehnt medizinische und humanitäre Hilfe für Vertriebene in Camps wie Termanin und Kafr Boni und unterstützt Gesundheitseinrichtungen in Idlib und im Nordwesten Syriens.
In den Vertriebenencamps und in abgelegenen Gebieten sind unsere Teams gemeinsam mit Partnerorganisationen mit mobilen Kliniken unterwegs, wo sie medizinische Grundversorgung, Mutter-Kind- und reproduktive Versorgung, die Behandlung ansteckender Krankheiten sowie die Versorgung chronischer Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck anbieten. Die Organisation beteiligt sich auch an Impfaktivitäten und unterstützt psychologische Hilfsangebote und die Überweisung von Patient:innen an spezialisierte Einrichtungen. Während Krankheitsausbrüchen und nach dem Erdbeben 2023 belieferte Ärzte ohne Grenzen auch überlastete Spitäler mit medizinischem Notfallmaterial, half in der Traumaversorgung mit und leistete logistische Unterstützung.
Von Januar 2024 bis Februar 2026 unterstützte die Organisation die Al-Kindy-Geburtsklinik und die Gesundheitszentren in den Camps Termanin und Kafr Boni sowie in Mashhad Ruhin. Unsere Teams hielten insgesamt 59 918 ambulante Sprechstunden für Kinder, 29 413 Notfallkonsultationen sowie 6 051 psychologische Einzel- und 4 512 Gruppenberatungen ab.
Nun arbeiten sie weiterhin mit der Gesundheitsbehörde von Idlib zusammen, um in verschiedenen medizinischen Einrichtungen spezialisierte Behandlungen anzubieten, so etwa im Verbrennungszentrum in Athmeh, dem Spital in Salqin, in den Kliniken von Abu Adh Dhuhur und Maasaran sowie in der Klinik für nichtübertragbare Krankheiten in Tal Al Karam. Die Unterstützung umfasst auch den fachlichen Austausch mit den Teams der Gesundheitsbehörde, die Bereitstellung technischer Unterstützung sowie die Verwaltung und Sanierung von Teilen dieser Einrichtungen.
Um ein besseres Bild der Bedürfnisse und Versorgungslücken in Syrien zu erhalten, führte Ärzte ohne Grenzen in verschiedenen Provinzen eine Evaluation durch und passte die Aktivitäten im Anschluss entsprechend an. Aktuell ist die Organisation in 12 von 14 Gouvernements tätig und unterstützt Vertriebene bei ihrer Rückkehr. Das Ziel ist, dass die Menschen Zugang zu einer zuverlässigen medizinischen Versorgung erhalten, während sie ihre Häuser und ihr Leben wieder aufbauen. Seit Juli 2025 unterstützt Ärzte ohne Grenzen in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium auch das Gesundheitszentrum in Khalediya. Die Einrichtung bietet nun umfassende Leistungen für zurückkehrende Familien an, darunter pädiatrische Sprechstunden, Notfallversorgung, Mutter-Kind-Versorgung, psychologische und psychosoziale Unterstützung sowie die Bereitstellung wichtiger Medikamente. Auch das Zentrum für Blutkrankheiten und die einzige Blutbank in Homs werden unterstützt; dies geschieht durch Schulungen, Verbesserungen der Infrastruktur und Massnahmen zur Sicherung der Versorgungsqualität.
Seit Juli 2025 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen im Gesundheitszentrum in Khalediya gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde von Homs über 6 930 pädiatrische Sprechstunden, 3 678 Notfallkonsultationen sowie 248 psychologische Einzel- und Gruppenberatungen durchgeführt und so zahlreichen Familien einen Zugang zu grundlegenden Gesundheitsleistungen verschafft.