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Angriffe auf Zivilbevölkerung und Spitäler, Vergewaltigungen und Hunger: Der Südsudan am Rande des Abgrunds
Südsudan 4 Min.
Im Bericht «They killed them while we were running» beschreibt Ärzte ohne Grenzen die eskalierende Gewalt im Südsudan, die sich in zahlreichen Verletzten niederschlägt. So ist 2025 die Zahl der Menschen, die allein aufgrund von Schussverletzungen versorgt werden mussten, gegenüber 2024 um 77 Prozent gestiegen. Zudem wurden 2025 138 Luftangriffe gezählt – im Vorjahr waren es erst zwei. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachteten neben einer deutlichen Zunahme von Schussverletzungen auch vermehrt Verletzungen durch Explosionen sowie mehr Fälle von sexualisierter und geschlechtsbezogener Gewalt (6 095 Personen wurden 2025 in diesem Zusammenhang insgesamt versorgt, gegenüber 4 765 im Jahr 2024). Von Januar bis April 2026 behandelten die Teams bereits mehr als 1 800 Gewaltopfer, von denen 885 sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt erlebt hatten. Dies zeigt, wie sehr das Leid der Zivilbevölkerung zugenommen hat.
Ich floh mit meinem Kind. Ich sah aus der Ferne, wie unser Dorf in Flammen aufging. Sie haben die Häuser in Brand gesteckt, meine Grossmutter verbrannte bei lebendigem Leib in unserem Tukul [traditionelle Lehmhütte]. Alle, die nicht fliehen konnten, weil sie zu alt und gebrechlich waren, wurden getötet.
Seit Januar 2025 behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen im Durchschnitt täglich 16 Verletzte aufgrund von Gewalttaten – in sechs Bundesstaaten (Jonglei, Upper Nile, Central Equatoria, Lakes, Warrap und Western Equatoria) und in zwei Verwaltungszonen (Abyei und Greater Pibor)
In diesen Regionen werden Zivilist:innen Ziel von Luftschlägen und Bodenoffensiven, Zwangsrekrutierung, Entführungen sowie weit verbreiteter sexualisierter und geschlechtsbezogener Gewalt.
Medizinische Einrichtungen werden bombardiert und geplündert
Während die Bevölkerung extremer Gewalt ausgesetzt ist, nehmen die Konfliktparteien den Gesundheitssektor willentlich unter Beschuss. Seit Januar 2025 kam es zu insgesamt zwölf Angriffen auf Personal und Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen, darunter Entführungen und Plünderungen. Das von uns unterstützte Spital von Old Fangak wurde im Mai 2025 von den Regierungsstreitkräften vorsätzlich bombardiert. Dieselben Streitkräfte bombardierten im Februar 2026 auch das von uns geleitete Spital von Lankien. Die Gesundheitseinrichtungen in Ulang, Pieri und Akobo wurden unabhängig voneinander von Unbekannten geplündert.
Zugleich wird der Handlungsspielraum für humanitäre Organisationen immer kleiner.
Die allgemein herrschende Unsicherheit, der erschwerte Zugang zu notleidenden Menschen und die Instrumentalisierung der humanitären Hilfe hindern immer mehr Hilfsorganisationen daran, die Menschen zu erreichen, die dringend versorgt werden müssten. Wir beobachten beunruhigende Entwicklungen: Der Zugang zu Hilfe wird immer häufiger blockiert, Zivilist:innen sowie Mitarbeitende humanitärer Organisationen werden zwangsumgesiedelt.
Humanitäre Hilfe wird von allen Konfliktparteien auch zu militärischen und politischen Zwecken instrumentalisiert. Man versucht, NGOs dazu zu zwingen, Hilfsgüter in bestimmte Gebiete zu bringen. Dadurch werden ganze Bevölkerungsgruppen von lebenswichtiger Versorgung abgeschnitten und adäquate humanitäre Hilfe wird praktisch unmöglich gemacht – insbesondere in Gebieten in Jonglei und Upper Nile, die von der Oppositionsgruppe kontrolliert werden.
Die Not der Zivilbevölkerung verschärft sich zunehmend. Die Gründe dafür sind Zwangsvertreibungen, bleibende körperliche und psychische Schäden, ein steigendes Risiko für Mangelernährung und Erkrankungen sowie der Verlust der Lebensgrundlage. Die Menschen müssen gezwungenermassen weite Strecken ohne ausreichende Nahrungsmittel- oder Wasserversorgung zurücklegen. All dies macht sie anfälliger für Krankheiten, zumal die humanitäre Hilfe nur beschränkt verfügbar und die Versorgung mit Grundgütern weitgehend unterbrochen ist.
Ärzte ohne Grenzen fordert die südsudanesische Regierung, die bewaffnete Oppositionsgruppe (SPLA-IO) und alle weiteren Konfliktparteien auf, den Schutz der Zivilbevölkerung und der zivilen Infrastruktur zu gewährleisten. Gemäss dem humanitären Völkerrecht sind alle Parteien dazu verpflichtet, die Zivilbevölkerung zu schützen sowie willkürliche oder unverhältnismässige Gewalt zu vermeiden. Dies gilt insbesondere für Luftangriffe und den Einsatz von Brandwaffen in bevölkerten Gebieten. Ärzte ohne Grenzen erinnert daran, dass humanitären Organisationen ein ungehinderter Zugang zu Menschen in Not zu gewähren ist, damit die Hilfe auch all jene erreicht, die sie am dringendsten brauchen.
Ärzte ohne Grenzen ist seit 1983 im Südsudan tätig. Das Land bleibt eines der Haupteinsatzgebiete der Organisation weltweit. Seit Anfang 2025 haben sich die Kämpfe im ganzen Land verschärft. Dabei stehen die Streitkräfte der Regierung, die «South Sudanese People’s Defence Forces» (SSPDF) und ihre Verbündeten (darunter die «Ugandan People’s Defence Forces», UPDF) einer zersplitterten Koalition oppositioneller Gruppen gegenüber. Zu diesen gehören insbesondere die SPLA-IO, die «National Salvation Front» (NAS), die «Nuer White Army» und verbündete Milizen. Der Konflikt lässt sich nicht auf eine Rivalität zwischen zwei Lagern reduzieren: Es handelt sich um einen von ethnischen, regionalen und politischen Spannungen geprägten Krieg mit vielen Beteiligten und wechselnden Allianzen.
Der vollständige Bericht über die Eskalation der Gewalt im Südsudan mit dem Titel «They killed them while we were running» und eine Zusammenfassung sind hier verfügbar.