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Südsudan: Zehntausende Menschen nach Massenvertreibungen obdachlos
Südsudan 5 Min.
Ich habe schon viele Kriege erlebt, aber so eine Massenvertreibung noch nie. Ganze Dörfer wurden komplett niedergebrannt. Jetzt leben wir unter Bäumen.
Die eskalierende Gewalt zwischen Regierungstruppen und Oppositionsgruppen rund um Lankien sowie entlang des Sobat-Flusses im Bundesstaat Upper Nile im Nordosten des Landes zwang zehntausende Menschen zur Flucht. Viele Familien waren tagelang zu Fuss unterwegs, um den Angriffen zu entkommen. Mindestens 25 000 Menschen suchten in der Stadt Chuil in Jonglei Zuflucht, Tausende weitere halten sich in den umliegenden Dörfern und Sumpfgebieten auf. Andere flohen nach Nyangore und Barmach im Bezirk Ulang (Upper Nile). Rund 28 000 Menschen begaben sich nach Minkaman im Bundesstaat Lakes. Viele wurden mehrfach vertrieben. Sie sind vollkommen mittellos und leben im Freien oder in behelfsmässigen Unterkünften.
Zahlreiche Vertriebene stehen Schlange, um von den Teams von Ärzte ohne Grenzen in Chuil im Bundesstaat Jonglei im Südsudan verteilte Non-Food-Hilfsgüter zu erhalten.
«Hier geht es um Leben und Tod. Zeitweise haben wir uns von gekochten Blättern ernährt, weil wir nichts anderes hatten. Wir brauchen nicht nur medizinische Hilfe, sondern Essen, Wasser und Unterkünfte. Sonst können wir nicht überleben.»
Porträt von Nyamai Ruot, die durch die jüngsten Gewalttaten aus ihrer Heimat vertrieben wurde, in Chuil im Bundesstaat Jonglei im Südsudan.
Ausweitung der Hilfsmassnahmen
Ärzte ohne Grenzen baut ihre medizinische und humanitäre Hilfe für Vertriebene im Bezirk Ulang und in Chuil derzeit deutlich aus. In Chuil haben wir die Kapazität des Gesundheitszentrums auf 60 Betten erhöht, um Notfälle zu versorgen, Mangelernährung zu behandeln, Geburtshilfe zu leisten und Traumapatient:innen zu stabilisieren. Seit Ende Februar haben unsere Teams 2200 Konsultationen durchgeführt, 172 Patient:innen im Gesundheitszentrum aufgenommen und 16 Personen zu weiterführenden Behandlungen überwiesen. Ausserdem haben sie über 1500 Familien mit Hilfsgütern wie Moskitonetzen, Decken, Seife, Kanistern, Hygieneartikeln, Plastikplanen und Sandsäcken versorgt. Weitere Verteilungen sind geplant. Zur Verbesserung der Wasser- und Sanitärversorgung errichten unsere Mitarbeitenden zudem 300 Toiletten und eine Wasseraufbereitungsanlage.
Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen laden Hilfsgüter (außer Lebensmitteln) aus, die von einem Hubschrauber der Vereinten Nationen nach Chuil im Bundesstaat Jonglei im Südsudan transportiert wurden.
Unsere Teams sind auch in schwer erreichbaren Gebieten rund um Chuil im Einsatz. Sie fahren mit Booten durch Sumpfgebiete und Flüsse, um mobile Kliniken in Yakuach, Tanakuacha und Pathiel zu betreiben. Dort haben sie insgesamt 1349 Konsultationen angeboten und Patient:innen für weitergehende Behandlungen ins Gesundheitszentrum nach Chuil transportiert. Über 70 Mitarbeitende, die selbst aus Lankien vertrieben wurden, unterstützen inzwischen unseren Nothilfe-Einsatz in Chuil. In den kommenden Wochen werden wir in Tanakuacha einen Gesundheitsposten einrichten. Unsere mobilen Kliniken in Yakuach und Pathiel werden wir weiterführen und dort psychologische Betreuung, ambulante Sprechstunden sowie Behandlungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit anbieten und Patient:innen bei Bedarf nach Chuil überweisen.
Joon Hyun, ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, hält eine Infusion für einen Patienten, der per Boot in das Zentrum für medizinische Grundversorgung in Chuil gebracht wurde, um dort weitere Behandlung zu erhalten.
In Minkaman im Bundesstaat Lakes haben wir in unseren mobilen Kliniken seit Anfang März 2210 Konsultationen für Vertriebene aus Jonglei durchgeführt. Zudem haben wir medizinische Hilfsgüter an das lokale Gesundheitszentrum geliefert und bauen dessen Kapazität aus, um auf Krankheitsausbrüche reagieren zu können. Unsere Wasser- und Sanitärteams haben zwei Brunnen gebohrt, defekte Handpumpen repariert und arbeiten an der Instandsetzung der Wasseraufbereitungsanlage und am Bau von Notlatrinen.
Von humanitärer Hilfe abgeschnitten
Humanitäre Organisationen bauen ihre Unterstützung in der Region um Chuil und in Minkaman zwar aus, doch das reicht bei Weitem nicht. Viele abgelegene Gemeinden haben nach wie vor keinen Zugang zu lebensrettender Hilfe. Wir rufen andere humanitäre Akteure dazu auf, ihre Einsätze rasch und koordiniert auszuweiten, um die Menschen in den am stärksten betroffenen Gebieten zu erreichen – besonders jene, die von Hilfe abgeschnitten sind. Ohne nachhaltige Unterstützung drohen Krankheitsausbrüche und weitere Vertreibungen, die sich rasch zu einer humanitären Katastrophe ausweiten könnten.
Es fehlt nach wie vor an Nahrungsmitteln und Wasser und die Sanitär- und Hygienesituation ist kritisch. Entsprechend steigt auch das Risiko für Cholera und andere durch Wasser übertragene Krankheiten. Unsere Untersuchungen in Chuil zeigen ein alarmierendes Ausmass an Mangelernährung: Von 1263 untersuchten Kindern unter fünf Jahren waren 54 Prozent akut mangelernährt. Bei den 609 untersuchten schwangeren und stillenden Frauen lag der Anteil bei 21,5 Prozent. Die Überweisung schwerer Fälle stellt weiterhin eine Herausforderung dar.
Anhaltende Angriffe auf Zivilpersonen und Gesundheitseinrichtungen
Der Zugang zu medizinischer Versorgung war in der Region bereits stark eingeschränkt. Durch die Krise verschärft sich die Lage weiter. 2025 wurde das von uns unterstützte Spital in Ulang geplündert und zerstört. Im Februar wurde das Spital in Lankien bombardiert. Damit sind die beiden wichtigsten Spitäler der Region ausser Betrieb.
Wir beobachten eine sehr beunruhigende Entwicklung: Immer häufiger werden Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal angegriffen. Gleichzeitig nimmt die Gewalt gegen Zivilpersonen zu. Zahlreiche Menschen suchen in Chuil Zuflucht, vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen. Es ist einer der wenigen Orte in der Region mit einer noch funktionsfähigen Gesundheitseinrichtung. Viele Hilfsorganisationen koordinieren von dort aus ihre Einsätze. Es ist wichtig, dass diese Hilfe für die Menschen zugänglich bleibt und dass humanitäre und medizinische Teams sicher und ohne Einschränkungen arbeiten können.
Eine Frau trägt nach einer Lebensmittelabwurfaktion des Welternährungsprogramms in der Nähe von Chuil Säcke mit Lebensmitteln auf dem Kopf.
In den Sumpfgebieten rund um Lankien warten immer noch Tausende unter prekären Bedingungen auf Hilfe. Und jeden Tag kommen weitere Menschen an. Unsere Mitarbeitenden vor Ort, die selbst vertrieben wurden, tun, was sie können. Doch weil es an Medikamenten fehlt, sterben immer wieder Patient:innen. Wir haben bei den lokalen Behörden ungehinderten Zugang gefordert, bislang jedoch vergeblich.
Wir rufen alle Konfliktparteien dazu auf, die Zivilbevölkerung zu schützen. Angriffe auf Zivilpersonen und zivile Infrastruktur, besonders Gesundheitseinrichtungen, stellen schwere Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht dar. Eine weitere Eskalation der Kämpfe rund um Chuil hätte verheerende Folgen für die dort Schutz suchenden Menschen und würde lebensrettende Hilfe massiv behindern.