Nasser-Spital ausser Betrieb: Noch weniger Möglichkeiten zur medizinischen Versorgung im südlichen Gazastreifen

Behelfsmässiges Camp vor dem Nasser-Spital, in dem die meisten Abteilungen heute nicht mehr funktionsfähig sind. Südlicher Gazastreifen, 24. November 2023.

Palästinensische Autonomiegebiete3 Min.

Die schweren Kämpfe und Luftangriffe in Khan Yunis im Süden des Gazastreifens reissen nicht ab. Nun sind im Nasser-Spital, der grössten noch funktionierenden Gesundheitseinrichtung in der Enklave, lebenswichtige medizinische Dienste zusammengebrochen. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) zeigt sich besorgt angesichts der schwindenden Möglichkeiten der Bevölkerung, sich medizinisch behandeln zu lassen. Dies gilt insbesondere im Fall eines grossen Zustroms von Kriegsverletzten.

Die Mehrheit der Spital-Mitarbeitenden sowie tausende Vertriebene, die dort Zuflucht gesucht hatten, flohen in den Tagen vor der von Israels Armee angeordneten Evakuierung der umliegenden Gebiete. Es können praktisch keine chirurgischen Eingriffe mehr durchgeführt werden. Das restliche im Spital verbliebene Personal muss mit sehr wenig Material auskommen – für eine grosse Anzahl Verletzter ist es nicht ausreichend.

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© MSF

Es sind noch immer zwischen 300 und 350 Patient:innen im Spital, für die eine Evakuierung zu gefährlich ist. Ausserdem gibt es keine Ambulanzen mehr. Diese Menschen haben kriegsbedingte Verletzungen wie offene Wunden, Schnittwunden durch Explosionen, Knochenbrüche und Verbrennungen. Am 24. Januar ist mindestens eine Person gestorben, weil kein chirurgisches Personal verfügbar war.

«Das Leben der Menschen ist wegen der fehlenden medizinischen Versorgung gefährdet. Das Nasser-Spital und das European Hospital in Gaza sind praktisch unzugänglich. Damit gibt es in Gaza kein Gesundheitssystem mehr», so Guillemette Thomas, unsere medizinische Koordinatorin in Palästina. «Diese gezielten Angriffe gegen die Gesundheitsversorgung sind inakzeptabel und müssen sofort ein Ende haben, sodass Verletzte Hilfe aufsuchen können. Das gesamte Gesundheitssystem wurde ausser Gefecht gesetzt.»

Rami, Pflegefachmann bei Ärzte ohne Grenzen, war im Nasser-Spital, als am 25. Januar 50 Verletzte und fünf Tote auf der Notaufnahme eingeliefert wurden. Er beschreibt sein Gefühl der Hilflosigkeit:

«Es war kein Personal mehr auf der Notaufnahme des Nasser-Spitals. Es hatte keine Betten, nur ein paar Stühle. Es gab kein Personal, ausser einigen Pflegekräften», so Rami. «Wir brachten die Patient:innen auf die Notaufnahme, um Erste Hilfe zu leisten. Wir versuchten, Blutungen zu stoppen und irgendwie zurechtzukommen, mit dem, was wir hatten. Es war furchtbar und hat mich psychisch sehr mitgenommen.»

«Ich ging an jenem Tag in den Operationssaal, ich brauchte Kompressen für den Bauch eines Patienten. Die wenigen Mitarbeitenden, die noch dort sind, sagten, sie hätten keine übrig. Alle, die sie noch hätten, seien bereits in Gebrauch.»

Rami erklärt: «Sie verwenden die Kompressen einmal, drücken das Blut aus, waschen und sterilisieren sie und brauchen sie für die nächsten Patient:innen. So ist die Lage im OP des Nasser-Spitals, können Sie sich das vorstellen?»

Das European Gaza Hospital ist nach dem Nasser-Spital die zweitgrösste Einrichtung im Süden des Gazastreifens, das über eine grosse Chirurgie-Abteilung verfügt. Heute ist auch dieses unzugänglich, weil in den umliegenden Gebieten die Evakuierung angeordnet wurde.

Spitäler müssen geschützte Orte bleiben, und die Bevölkerung sowie medizinische Mitarbeitende müssen in der Lage sein, dort medizinische Hilfe zu erhalten oder diese anzubieten.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat am 26. Januar mehrere vorläufige Massnahmen erlassen. So muss Israel umgehend alle erforderlichen Massnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass ein Völkermord an den Palästinenser:innen stattfindet. Weiter wird Israel angehalten, die Versorgung der Bevölkerung in Gaza mit humanitärer Hilfe sicherzustellen. Dies ist zwar ein bedeutender Schritt, doch nur ein dauerhafter Waffenstillstand kann den Tod weiterer Zivilisten verhindern und ermöglichen, dass humanitäre Hilfe und lebenswichtige Güter zu den 2.2 Millionen Menschen in der Enklave gelangen.

*Aus Sicherheitsgründen wird Ramis Nachname nicht genannt.