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Iran: Ärzte ohne Grenzen baut die medizinische Versorgung für marginalisierte Menschen aus
Iran 4 Min.
Zwischen Januar und Juni 2026 führten unsere Teams 84 615 medizinische Sprechstunden durch, was einem Anstieg von 80 Prozent gegenüber dem Gesamtjahr 2025 entspricht. Zudem verzeichneten sie eine Zunahme psychologischer Konsultationen um 50 Prozent aufgrund von Depressionen, Angststörungen sowie posttraumatischen Belastungsstörungen. Diese ist auf den wachsenden Bedarf von Geflüchteten, Migrant:innen und anderen besonders gefährdeten Menschen sowie auf die Hürden zurückzuführen, die ihnen den Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung erschweren.
Ob während intensiver Kampfhandlungen oder in Zeiten einer Waffenruhe – die Menschen, die wir unterstützen, haben oft nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Deshalb haben wir unsere medizinischen und psychologischen Angebote rasch ausgebaut, um dem stetig wachsenden Bedarf zu decken.
«In Konfliktsituationen konzentriert sich die Gesundheitsversorgung vor allem auf lebensrettende Massnahmen und die Behandlung von Traumata. Doch auch schwangere Frauen benötigen weiterhin Vorsorgeuntersuchungen, und ältere Menschen sind auf die Behandlung nicht übertragbarer Krankheiten angewiesen. Dies gilt insbesondere für gefährdete Menschen, die ohnehin bereits eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung haben.»
Angepasste medizinische Versorgung während der Eskalation
Seit Jahresbeginn haben wiederholte Gewalteskalationen das iranische Gesundheitssystem zusätzlich belastet, und die kontinuierliche medizinische Grundversorgung wurde unterbrochen. Darunter leiden insbesondere die Menschen, die schon zuvor nur eingeschränkten Zugang dazu hatten. Zwischen Januar und Juni 2026 war Ärzte ohne Grenzen mit vier Projekten im Iran tätig: in Teheran, Maschhad und Kerman. Im Süden Teherans stellten unsere Teams die medizinische Grundversorgung über stationäre Einrichtungen und mobile Kliniken sicher. Zum Angebot gehörten medizinische Konsultationen, psychologische Beratung, psychiatrische Betreuung sowie Leistungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und die Diagnose und Behandlung von Hepatitis C.
In Maschhad, nahe der Grenze zu Afghanistan, unterstützten wir in einem Gesundheitszentrum sowie mit mobilen Kliniken weiterhin Geflüchtete und marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Zudem führten unsere Teams in von der Regierung eingerichteten Entzugszentren Informations- und Aufklärungsveranstaltungen durch. Darüber hinaus boten sie medizinische und psychologische Sprechstunden an, behandelten chronische Krankheiten, überwiesen Patient:innen bei Bedarf an andere Gesundheitseinrichtungen, organisierten Massnahmen zur Gesundheitsförderung und boten Hochrisikogruppen – darunter Menschen, die sich Drogen injizieren – die Behandlung von Hepatitis C an. Kürzlich weiteten wir unser Angebot auch auf ein Zentrum aus, das besonders gefährdeten Menschen medizinische und psychologische Beratung sowie Überweisungen an geeignete Gesundheitseinrichtungen ermöglicht.
In Kerman im Südosten des Landes eröffneten wir eine neue Klinik für medizinische Grundversorgung. Ziel ist es, den Zugang zu Gesundheitsversorgung für Geflüchtete und Migrant:innen zu verbessern. Das Angebot umfasst medizinische Sprechstunden, Leistungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit, psychologische Betreuung sowie Überweisungen an Spitäler in der Region.
Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitsversorgung und Stärkung der Notfallvorsorge
Im Februar unterzeichnete Ärzte ohne Grenzen mit den iranischen Behörden eine Vereinbarung zur Notfallvorsorge und -hilfe, um die Einsatzkräfte bei Bedarf zu unterstützen. Angesichts des wachsenden Bedarfs lancierten wir Ende April ein zweites Projekt im Südwesten Teherans. Es konzentriert sich auf die medizinische Grundversorgung der gesamten Bevölkerung. Während das iranische Gesundheitsministerium und der Iranische Rote Halbmond die Notfallversorgung und die Behandlung von Traumapatient:innen sicherstellten, bestand bei der medizinischen Grundversorgung und der gemeindenahen Gesundheitsversorgung zusätzlicher Unterstützungsbedarf. Im Rahmen der Nothilfe stellte Ärzte ohne Grenzen dem Iranischen Roten Halbmond zudem grundlegende Hilfsgüter und medizinisches Material zur Verfügung, darunter Kits für ambulante Behandlungen, die pädiatrische Versorgung, die Behandlung von Brandverletzungen sowie die Notfallversorgung und chirurgische Eingriffe.
Derzeit schliessen unsere Team die Bedarfsanalyse für ein mögliches fünftes Projekt in Minab in der Provinz Hormozgan ab. Geplant sind Angebote im Bereich der medizinischen Grundversorgung und der psychischen Gesundheit. Gleichzeitig führen wir mit den zuständigen Behörden in Teheran Gespräche über weitere Hilfsmassnahmen.
Ärzte ohne Grenzen wird ihre Hilfe in enger Abstimmung mit den Behörden auch weiterhin an die sich verändernden Bedürfnisse anpassen und gegebenenfalls ausbauen. «Der medizinische Bedarf nimmt weiter zu, und wir sind bereit, unsere Aktivitäten auszubauen, damit besonders gefährdete Menschen weiterhin Zugang zu kostenloser und unabhängiger Versorgung haben», sagt Grigor Simonyan abschliessend.