Les besoins critiques des personnes déplacées au Soudan du Sud
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© © Nicolò Filippo Rosso

Vergessen im Niemandsland: Die humanitäre Notlage von Vertriebenen im Südsudan

Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 2011 wird der Südsudan immer wieder von Krisen gebeutelt. Bewaffnete Konflikte, anhaltende Gewalt, Unsicherheit und der mangelnde Zugang zu medizinischer Versorgung bestimmen den Alltag der Bevölkerung. Der Krieg im Nachbarland Sudan, der mittlerweile seit fast drei Jahren andauert, hat die Lage weiter verschärft. Hunderttausende Menschen suchten im Südsudan Zuflucht, was das Land an seine Belastungsgrenze bringt. Um auf diese Krise aufmerksam zu machen, die in den Medien kaum Beachtung findet, haben wir mit dem renommierten Fotografen Nicolò Filippo Rosso zusammengearbeitet, der für seine ausdrucksstarken Bilder bekannt ist. Für seine Reportage reiste er in das Grenzgebiet zwischen Sudan und Südsudan, um das Schicksal der Menschen zu dokumentieren.

«Ich verfolge den Konflikt im Sudan schon seit Längerem. Ich war für mehrere Reportagen im Osten des Tschad. Dort bin ich vor allem Frauen und Kindern in völlig überfüllten Geflüchtetencamps begegnet, die vor der Gewalt im Sudan geflohen sind. Im Südsudan ist die Krise anders gelagert. Das Gesundheitssystem ist völlig zusammengebrochen und die humanitäre Lage ist sowohl für sudanesische Geflüchtete als auch für Binnenvertriebene extrem komplex», so Nicolò.

Eine schmale Strasse verbindet Abyei mit Mayen-Abun. Sie führt durch Buschland und verbrannte Weideflächen und ist Fluchtroute für tausende Menschen, die vor dem Krieg im Sudan und vor der Gewalt im Südsudan fliehen

Eine schmale Strasse verbindet Abyei mit Mayen-Abun. Sie führt durch Buschland und verbrannte Weideflächen und ist Fluchtroute für tausende Menschen, die vor dem Krieg im Sudan und vor der Gewalt im Südsudan fliehen.

© Nicolò Filippo Rosso

Fluchtroute aus dem Sudan

Nach seiner Ankunft in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, und mehreren Lagebesprechungen mit den Teams von Ärzte ohne Grenzen reiste Nicolò weiter in die Sonderverwaltungszone Abyei. Um dieses Gebiet streiten sich Sudan und Südsudan seit Langem. Binnenvertriebene, die vor der Gewalt in anderen Landesteilen geflohen sind, finden dort bereits seit Jahren Zuflucht. Mit Kriegsausbruch im Sudan hat sich die Lage jedoch dramatisch zugespitzt.

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Was mich in Abyei besonders erschüttert hat, waren die vielen Verletzten. Ich sah im Spital Menschen mit Schusswunden und schweren Verbrennungen. Was heisst das für die Menschen, die nicht geflohen sind? Unter welchen Bedingungen müssen sie leben?

Nicolò Filippo Rosso

 

Der Krieg im Sudan dauert inzwischen seit über 1000 Tagen an und hat sich bis nach Darfur und in die Kordofan-Bundesstaaten ausgeweitet. Ein Ende ist nicht in Sicht. Abyei ist zu einer wichtigen Fluchtroute für Menschen aus dem Sudan, aber auch aus anderen Regionen des Südsudan geworden, die seit Jahren von Gewalt und Vertreibung erschüttert werden. Diese Fluchtbewegungen setzen die Gesundheitseinrichtungen massiv unter Druck.

«Bei meiner Reportage traf ich Regina. Sie war schwer an Tuberkulose erkrankt und hatte grosse Angst, zu sterben. Sie hatte nicht mehr die Kraft, ihre Kinder mit ins Spital zu tragen. Deshalb liess sie sie mit ein paar Habseligkeiten und etwas Essen beim Markt unter einem Baum zurück und bat eine bekannte Person, auf sie aufzupassen. Sie ging ohne Telefon und somit ohne jegliche Kontaktmöglichkeit ins Spital. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass sie in ein paar Wochen zurückkehren und ihre Kinder wiederfinden würde. Ihre Geschichte hat mich zutiefst erschüttert», erzählt Nicolò.

Regina Jame Liah (50) nach wochenlanger Tuberkulose-Behandlung im Spital Ameth Bek in Abyei, Südsudan.

Regina Jame Liah (50) nach wochenlanger Tuberkulose-Behandlung im Spital Ameth Bek in Abyei, Südsudan.

© Nicolò Filippo Rosso

Das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Ameth-Bek-Spital ist die einzige noch funktionsfähige medizinische Einrichtung der Region. Sie stösst jedoch zunehmend an ihre Grenzen. Der Fokus des Spitals liegt auf der Notfallversorgung, auf Operationen, der stationären Betreuung und Geburtshilfe. Von Januar bis September 2025 operierten unsere Teams 1240 Patient:innen, darunter auch solche mit gewaltbedingten Verletzungen.

Operation eines Patienten mit einer Schussverletzung und Trümmerbruch in Abyei, Südsudan.

Operation eines Patienten mit einer Schussverletzung und Trümmerbruch in Abyei, Südsudan.

© Nicolò Filippo Rosso

Was mich an der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen so fasziniert, ist, dass die Teams direkt etwas bewirken. Das kann man mit eigenen Augen sehen. Nach der Behandlung geht es den Patient:innen innert Stunden bereits besser. Genau das spiegelt sich auch in meinen Reportagen wider.

Nicolò Filippo Rosso

Betreuung entlegener Gemeinden

Neben dem Spital unterhält Ärzte ohne Grenzen neun lokale Anlaufstellen, die von geschulten freiwilligen Helfer:innen in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden betrieben werden. Unsere Teams legen weite Strecken zu den Gesundheitsposten in den Dörfern zurück, um Medikamente zu liefern und die Helfer:innen vor Ort zu unterstützen.

« Einige Gemeinden sind sehr isoliert und daher auf lokale Anlaufstellen angewiesen», erklärt Nicolò. «Dort erhalten die Menschen Hilfe von geschulten Gesundheitshelfer:innen. Ayom Deng zum Beispiel verbrannte sich beim Kochen schwer. Als sich der Zustand der Wunde verschlechterte, brachte ihre Mutter das kleine Mädchen zur lokalen Anlaufstelle. Dort wurde die Wunde versorgt und die Gesundheitshelfer erklärten Ayoms Mutter, wie sie diese weiterbehandeln muss. So erhalten auch die Menschen in abgelegenen Dörfern Zugang zu medizinischer Grundversorgung. » 

Ayom Deng wird in der lokalen Anlaufstelle im Dorf Makuei Wut von Gesundheitshelfern behandelt.

Ayom Deng wird in der lokalen Anlaufstelle im Dorf Makuei Wut von Gesundheitshelfern behandelt.

© Nicolò Filippo Rosso

Medizinische Versorgung für geflüchtete Familien

Nach mehreren Tagen in Abyei reiste Nicolò weiter nach Mayen-Abun. Auch dort gehören Vertreibungen zum Alltag. Jahrelange Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen – eine Spirale aus Viehdiebstahl, Landnutzungskonflikten und daraus resultierender Gewalt – und die Klimakrise zwingen Familien immer wieder zur Flucht. Das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Spital bietet den Menschen eine umfassende medizinische Versorgung an, von ambulanten Konsultationen über Notfallbehandlungen bis hin zur Geburtshilfe.

«Ich konnte Abuk von ihrer Aufnahme im Spital bis zur Entbindung begleiten», erzählt Nicolò. «Geburten sind sehr emotional. Die meisten Mütter haben jedoch nichts dagegen, dass ich ihre Geburt mit der Kamera begleite. Es war ein sehr intimer Moment. Am Ende hat sie mir sogar High Five gegeben.»

In den ländlichen Gemeinden rund um Mayen-Abun haben die Menschen kaum Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Kliniken sind rar und aufgrund der angespannten Sicherheitslage ist es für Familien häufig unmöglich, sie zu erreichen. Die Entfernungen zwischen den Dörfern sind gross und bis zum nächsten Gesundheitsposten ist es oft ein stundenlanger Fussmarsch. Wie in Abyei arbeiten wir auch in Mayen-Abun eng mit den Gemeinden zusammen, damit die Menschen in entlegenen Orten grundlegende medizinische Hilfe erhalten.

Die von Ärzte ohne Grenzen geschulte Gesundheitshelferin Mam Bol (38) testet die dreijährige Achuel Dutm auf Malaria.

Die von Ärzte ohne Grenzen geschulte Gesundheitshelferin Mam Bol (38) testet die dreijährige Achuel Dutm auf Malaria.

© Nicolò Filippo Rosso

Südsudans Gesundheitssystem am Limit

Die Lage im Südsudan wird durch strukturelle Probleme verschärft. Das Land ist stark von humanitärer Hilfe abhängig. Über 80 Prozent der grundlegenden Gesundheitsversorgung wird von Hilfsorganisationen erbracht.

Die Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit treffen den Südsudan daher besonders hart, wie auch das Beispiel des Health Sector Transformation Project (HSTP) zeigt. Dabei handelt es sich um eine Initiative mehrerer Geber, unter anderem der Weltbank, die im Juli 2024 gestartet wurde, um die Gesundheits- und Nahrungsversorgung zu verbessern und die Notfallvorsorge zu stärken. Das Projekt wird von der Regierung in Zusammenarbeit mit der WHO, UNICEF und Partnerorganisationen durchgeführt. Ursprünglich sollten drei Jahre lang 1158 Gesundheitseinrichtungen in den zehn Bundesstaaten und den drei Sonderverwaltungszonen unterstützt werden. Aufgrund von Budgetkürzungen sind es nun bis 2027 nur noch 816 Einrichtungen, was spürbare Versorgungslücken zur Folge hat.

Manche Organisationen mussten wegen des massiven Rückgangs internationaler Hilfsgelder ihre Arbeit einstellen, andere aufgrund der wachsenden Unsicherheit oder eskalierenden Gewalt. Das gesamte Gesundheitssystem droht zusammenzubrechen. Für unsere Patient:innen bedeutet das, dass sie nach ihrer Behandlung kaum oder keine alternative Anlaufstellen haben.

Welche Folgen dies hat, beobachten unsere Teams Tag für Tag. Viele medizinische Einrichtungen sind nicht funktionsfähig, es fehlt an lebenswichtigen Medikamenten, die Mitarbeitenden werden verspätet bezahlt und Spitäler vernachlässigt. Menschen, die lebensrettende Operationen oder Notfall-Geburtshilfe benötigen, haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten.

Ein leeres Zelt mit verrosteten Bettgestellen auf dem Gelände des Mother-Teresa-Spitals in Turalei, Twic County, dient als Notfallstation bei hohem Patientenandrang.

Ein leeres Zelt mit verrosteten Bettgestellen auf dem Gelände des Mother-Teresa-Spitals in Turalei, Twic County, dient als Notfallstation bei hohem Patientenandrang.

© Nicolò Filippo Rosso

Teilweise werden die Menschen erst Tage nach einer Verletzung behandelt. Danach haben sie praktisch keine Anlaufstelle. Es gibt fast keine anderen Organisationen mehr und keine Camps, die ihnen Schutz bieten könnten.

Nicolò Filippo Rosso

Der humanitären Krise im Südsudan muss weltweit mehr Beachtung geschenkt werden. Wir fordern ein international koordiniertes Vorgehen, um die Bevölkerung zu unterstützen, die mit mehreren sich überlagernden Krisen konfrontiert ist.

«Im Unterschied zu anderen Ländern, in denen ich gearbeitet habe, musste ich im Südsudan für meine Reportage kaum recherchieren», so Nicolò. «Normalerweise muss man die Geschichten erst aufspüren. Im Südsudan drängen sie sich förmlich auf. Gewalt, Leid und Konflikte spielen sich vor aller Augen ab.»