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Ukraine: In Kyjiw bringen wir praktische Hilfe direkt in die Wohnungen
Ukraine 2 Min.
Ich habe den ganzen Winter meine Wohnung nicht verlassen, weil ich im 11. Stock bin. Ich habe vor Kälte ständig gezittert.
Die Situation ist besonders schwierig für ältere Menschen, Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen, Kinder und alleinlebende Personen. In zahlreichen Hochhäusern in Kyjiw funktionieren die Aufzüge aufgrund der Stromausfälle oder der instabilen Stromversorgung häufig nicht. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist es oft unmöglich, mehrere Stockwerke ohne Aufzug zu bewältigen. Viele sind daher in ihren kalten Wohnungen ohne funktionierende Heizung eingeschlossen.
Die Temperatur in meiner Wohnung lag im Januar und Februar bei +4 Grad. Ich schlief in einer Winterjacke mit Kapuze und mit einer alten Daunendecke, die ich wie einen Schlafsack um mich wickelte.
Um die Menschen zu unterstützen, die am meisten unter der Situation leiden, gehen unsere Teams gemeinsam mit den staatlichen Sozialdiensten von Kyjiw und lokalen Freiwilligen von Tür zu Tür. Dabei ermitteln sie die konkreten Bedürfnisse der besonders gefährdeten Bewohner:innen und verteilen sogenannte Basis-Versorgungssets, die ihnen helfen sollen, den Alltag während der Stromausfälle zu bewältigen.
Der erste Besuch dient in der Regel dem Kennenlernen und der Abgabe eines solchen Sets. Gleichzeitig erhalten die Teams dabei einen Eindruck der Bedürfnisse und können dann gezielte Unterstützung bieten. «Das Set enthält eine warme Decke, wiederverwendbare Thermopads (die man auch in die Tasche stecken kann), eine Powerbank, eine Thermoskanne, eine grosse Taschenlampe sowie Tee, Instant-Suppe und Kekse», erklärt Olha Osmukha, unsere medizinische Projektreferentin in Kyjiw.
Ohne meine Stirnlampe geht es nicht. In der Wohnung ist es nämlich ständig dunkel. Ich bin schon mehrmals gestürzt. Das ist sehr gefährlich. Jetzt trage ich die Lampe auf der Stirn, habe die Hände frei und sehe alles um mich herum. Am Morgen giesse ich mir mit der Thermoskanne heissen Kräutertee auf.
Die 80-jährige Inna Litvinova bei einem Hausbesuch in Kyjiw.
Bei ihren Besuchen führen unsere Teams zudem grundlegende medizinische Kontrollen durch. Denn viele der Betroffenen leiden an mehreren chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Arthritis, Parkinson oder haben einen Schlaganfall erlitten. Gemessen werden Blutdruck, Temperatur, Sauerstoffsättigung und Blutzucker.
Ich leide an einer schweren Form von Schuppenflechte und sehe auf einem Auge kaum noch. Bei ständigem Stress verschlimmern sich natürlich chronische Krankheiten. Doch wie könnte man auch ruhig bleiben, nachdem eine Rakete beim Hauseingang des Nachbargebäudes eingeschlagen hat. In meiner Wohnung entstanden dadurch Risse in Decke und Wänden, und Plastikfolien ersetzen immer noch die geborstenen Balkonfensterscheiben. Als ich an jenem Morgen aufwachte, war die ganze Wohnung voller Glassplitter. Aber ich gebe nicht auf. Das Leben muss weitergehen.
Obwohl langsam der Frühling kommt und die Temperaturen steigen, bleibt die Stromversorgung in Kyjiw instabil, und viele Menschen sind täglich von stundenlangen Stromausfällen betroffen. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen besuchen nach wie vor besonders gefährdete Personen und helfen ihnen, mit den Folgen des Krieges umzugehen.