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Waffenruhe nur auf dem Papier: Im Südlibanon sterben weiter Menschen durch israelische Angriffe
Libanon 4 Min.
Jeden Tag kommt es zu Luftschlägen der israelischen Armee, bei denen bereits hunderte von Menschen verletzt oder getötet wurden. Immer wieder werden Evakuierungsbefehle erteilt, in deren Folge Tausende gewaltsam aus ihrem Zuhause vertrieben werden. Auch die Zerstörung von Häusern und ganzen Dörfern hielt in den vergangenen Wochen unvermindert an.
In den Spitälern im Süden Libanons, wo Teams von Ärzte ohne Grenzen mit dem Gesundheitsministerium zusammenarbeiten, treffen nach wie vor Menschen mit Verletzungen ein.
Seit Beginn des formellen Waffenstillstands hatten wir mehrere Patient:innen mit schweren Verletzungen. Wir hatten aus derselben Familie ein Kleinkind mit Schnittwunden im Gesicht und die vierjährige Schwester mit einem offenen Schädelbruch, Gliedmassenfrakturen und Lungenquetschungen. Auch ihr Vater hatte verschiedene Verletzungen, und die Mutter war unter den Trümmern ihres Hauses begraben.
«In beiden Spitälern arbeiten die Teams rund um die Uhr, um diese Patient:innen mit unterschiedlich schweren Verletzungen zu versorgen, von denen einige auch komplexere Operationen erfordern», so Dr. Dinh.
Im Zeitraum vom 18. April bis zum 3. Mai wurden 173 Verletzte im Spital in Jabal Amel aufgenommen, von denen 145 ihren Verletzungen erlagen.
Ähnlich ergeht es auch unseren Teams in den beiden Spitälern, die wir nur wenige Kilometer entfernt im Gouvernement Nabatäa unterstützen. Dort wurden vom 26. April bis zum 3. Mai 65 Verletzte aufgenommen, von denen zwei später starben, sowie 26 Menschen, die schon bei ihrer Ankunft tot waren.
Trotz der anhaltenden Unterstützung, die auch zusätzliche Kapazitäten für die Notfallversorgung und Krankentransporte umfasst, kommt es immer wieder vor, dass Menschen aufgrund der unsicheren Lage und der weiten Wege erst spät oder in kritischem Zustand eintreffen. Auch Überweisungen von einem Spital ins andere bergen Risiken, weil die Verkehrslage nicht sicher ist. Doch den Mitarbeitenden bleibt oftmals nichts anderes übrig, als Patient:innen an andere Einrichtungen zu überweisen, da bei ihnen unverzichtbare Hilfsmittel wie Blutkonserven fehlen. So sollten beispielsweise letzte Woche zwei schwerverletzte Patient:innen in ein anderes Spital verlegt werden, weil es im Najdeh-Al-Shaabiyeh-Spital, in dem sie behandelt wurden, an Blut fehlte. Doch sie starben noch während des Transports.
Der enorme Bedarf und die Schwere der Verletzungen zwingen das medizinische Personal im Südlibanon, bis zu 36 Stunden am Stück unter hohem Druck zu arbeiten und manchmal gleichzeitig mehrere chirurgische Eingriffe an einer Person zu koordinieren.
Die Mitarbeitenden in den Spitälern sind nach zwei Monaten andauernder Proteste erschöpft – auch der vermeintliche Waffenstillstand hat keine Erleichterung gebracht. Um sie zu unterstützen, hat Ärzte ohne Grenzen die Aktivitäten entsprechend angepasst. So übernehmen unsere Teams die Nachtschichten im Spital in Qana, im Distrikt Tyros, und im Najdeh-Al-Shaabiyeh-Spital in Nabatäa, um den Betrieb rund um die Uhr zu gewährleisten und gleichzeitig die lokalen Ärzt:innen zu entlasten.
Psychische Probleme werden verschlimmert
Wir trauen diesem Waffenstillstand nicht, er hat uns jegliche Hoffnung genommen. Es ging mir schon vor dem Waffenstillstand nicht gut, doch jetzt ist alles noch hundertmal schlimmer geworden.
Samia*, eine Vertriebene aus dem Süden, die nun in Barja lebt, einer Stadt im Distrikt Chouf, die wenige Kilometer oberhalb des Flusses Litani liegt. Sie kehrte gleich nach der Ankündigung des Waffenstillstands nach Hause zurück – nur um festzustellen, dass ihr Haus schwer beschädigt war.
Als Reaktion auf den steigenden Bedarf an psychologischer Unterstützung sind unsere Teams in den Gouvernements Nabatäa und Süd-Libanon häufiger und mit zusätzlichen mobilen Kliniken im Einsatz. So erreichen sie auch abgelegene Dörfer und Familien, die sich nach der Verkündung des Waffenstillstands zur Rückkehr entschlossen und deren psychischer Zustand sich nun zunehmend verschlechtert.
Eine syrische Geflüchtete, die vor wenigen Wochen bei einem Luftangriff beide Beine verlor, erfuhr beim Aufwachen, dass ihr achtjähriger Sohn bei einem Luftangriff ums Leben gekommen war und ihre Tochter durch Granatsplitter eine Darmperforation erlitten hatte. Wie soll eine Mutter mit einer solchen Situation zurechtkommen?
Viele dachten, die vor drei Wochen verkündete Waffenruhe würde ihnen etwas Erleichterung bringen, doch dem ist nicht so.
Zwei Monate nach Beginn der Eskalation im Nahen Osten wird die Lage immer komplexer, und die Gewalt wirkt sich langfristig auf die Menschen aus. Ohne wirksamen Schutz und uneingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung sind die Menschen auch an ihrem neuen Zufluchtsort nicht sicher.
*Name zum Schutz der Identität geändert