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Stille Gesundheitskrise in der Ukraine: Wenn chronische Krankheiten lebensbedrohlich werden
Ukraine 3 Min.
Seit Monaten beobachtet Ärzte ohne Grenzen eine beunruhigende Entwicklung. Viele Patient:innen, besonders ältere Menschen, die unsere Teams für eine Routineuntersuchung aufsuchen, müssen hospitalisiert werden. Grund dafür sind eigentlich gut behandelbare chronische Erkrankungen, die sich schleichend verschlechtern und schliesslich zu Notfällen werden.
So erging es auch der 64-jährigen Vira aus Mykolajiw, die an Diabetes leidet. Nach den russischen Angriffen floh sie aus der Stadt und lebt nun im Dorf Ostriwka.
Meine Wohnung und die meiner Tochter und meines Sohnes wurden zerstört. Deshalb sind wir hierhergekommen. Aber wirklich sicher ist es hier auch nicht. Vor Kurzem wurde ein Bauernhof bei einem Angriff getroffen. Dabei starben viele Kühe. Ich hatte Angst, fühlte mich schwach und sah plötzlich doppelt. Weil ich keinen Hausarzt fand, ging ich zum Glück direkt ins Spital.
Nachdem unsere Mitarbeitenden sie untersucht hatten, wurde sie rasch stationär aufgenommen.
Seit Anfang Jahr haben wir über 3200 Patient:innen, die unsere Sprechstunden in Spitälern nahe der Front aufgesucht haben, zur Stabilisierung ihrer chronischen Erkrankungen direkt an Fachabteilungen überwiesen. Das sind über 75 Prozent aller in der Triage erfassten Fälle. Zu den häufigsten Diagnosen gehören Bluthochdruck, Diabetes und koronare Herzkrankheiten.
Unsere mobilen Teams, die in Unterkünften für Vertriebene und in abgelegenen Gemeinden nahe der Front im Einsatz sind, teilen diese Beobachtung. Teilweise kommen Patient:innen in so kritischem Zustand an, dass sofort ein Rettungswagen gerufen werden muss.
Die Menschen stehen unter Dauerstress. Angriffe, Stromausfälle und anhaltende Unsicherheit gehören zu ihrem Alltag. Dadurch erkennen viele nicht rechtzeitig, wie ernst ihr Zustand ist. Gut behandelbare chronische Krankheiten werden so lebensbedrohlich.
Viele unserer Patient:innen sind ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Asthma. Weil die ambulante Versorgung nicht mehr gewährleistet ist, haben sie teils lebensbedrohliche Komplikationen entwickelt. In der Stadt Cherson etwa sind die Patient:innen auf der von uns unterstützten Intensivstation im Schnitt 63 Jahre alt.
Wenn sie medizinische Hilfe suchen, sind sie oft bereits in kritischem Zustand. Manchmal ist es auch zu spät.
Medizinische Hilfe da, wo sie gebraucht wird
Der Zugang zur Gesundheitsversorgung bleibt schwierig. Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 wurden zahlreiche lokale Kliniken beschädigt oder zerstört, medizinisches Personal ist geflohen und Apotheken sind häufig geschlossen. Wer ärztliche Hilfe braucht, muss teils lange Strecken zurücklegen – manchmal 20, 30 oder sogar bis zu 100 Kilometer – über beschädigte Strassen und unter der ständigen Gefahr von Drohnenangriffen. Der öffentliche Verkehr ist weitgehend zusammengebrochen.
Auch Patient:innen mit Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten trifft dies hart. Viele müssen für ihre Behandlung lange Wege auf sich nehmen. Gleichzeitig führt der eingeschränkte Zugang zu Diagnostik dazu, dass Fälle unerkannt bleiben.
Um diese Versorgungslücken zu schliessen, unterstützen wir Spitäler nahe der Front und betreiben mobile Kliniken in den Oblasten Donezk, Dnipropetrowsk, Cherson, Mykolajiw und Saporischschja.
Wir versuchen, gezielt Orte zu erreichen, in denen die Menschen von medizinischer Versorgung abgeschnitten sind. Aufgrund der Angriffe auf zivile Infrastruktur, Bahnhöfe und Busse trauen sich viele Menschen nicht mehr aus dem Haus. Auch humanitäre Helfer:innen sind bei ihrer Arbeit ständiger Bedrohung ausgesetzt. Wir mussten unsere Aktivitäten an Dutzenden Orten nahe der Front wegen Raketen- und Drohnenangriffen aussetzen.
In Gebieten, die aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich sind, stellen unsere Teams per Video-Konsultationen zumindest eine medizinische Grundversorgung sicher. Geschulte Freiwillige aus den betroffenen Gemeinden messen dabei die Vitalwerte und gewährleisten die Interaktion zwischen Patient:innen und Ärzt:innen.
Je länger der Krieg dauert, desto deutlicher wird: Es reicht nicht, Notfälle zu behandeln – sie müssen verhindert werden. Ohne entsprechende Versorgung verschlechtert sich der Gesundheitszustand chronisch kranker Menschen zunehmend, oft mit lebensbedrohlichen Folgen.