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Vier Jahre Krieg: Überleben im Schatten der Front
Ukraine 3 Min.
Damir ist zwei Monate alt. Seine Mutter, Kateryna Murashkina, ist 17. Seit seiner Geburt wurde er erst zweimal gebadet – einmal im Spital und einmal an einem der seltenen Tage, an denen es vorübergehend Strom gab.
Wir benutzen jetzt einfach Feuchttücher, weil es so kalt ist. Der Raum wird nicht schnell genug warm, damit ich ihn baden kann. Und ich habe Angst, dass er sich erkältet.
Kateryna und Damir leben in einem ehemaligen wissenschaftlichen Institut in Dnipro, das 2022 zu einer Notunterkunft umfunktioniert wurde und in dem Teams von Ärzte ohne Grenzen für die Menschen vor Ort nun medizinische Sprechstunden anbieten. Aktuell befinden sich dort rund 270 Menschen, die aus besetzten Gebieten oder zerstörten Städten vertrieben wurden. Durch die wiederholten Angriffe der russischen Streitkräfte auf die Energieinfrastruktur sind die Menschen tagelang ohne Heizung, Wasser oder Strom – und das bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad.
Die anhaltenden Gefechte treiben die Menschen aus Städten und Dörfern und führen zu einem immer grösseren Versorgungsbedarf. Deshalb sind wir mit unseren mobilen medizinischen Teams auch vermehrt in solchen Unterkünften tätig. Die Zahl der von diesen Teams angebotenen Konsultationen hat sich 2025 im Vergleich zum Vorjahr von 4 327 auf 9 500 mehr als verdoppelt.
Wer nahe der Front lebt, kämpft oft lange mit der Entscheidung, seine Heimat zu verlassen, auch wenn die Bedrohung immer näherkommt. Aus Mangel an finanziellen Mitteln und Ausweichmöglichkeiten harren besonders ältere und chronisch kranke Menschen aus, bis der Dauerbeschuss und der Zusammenbruch von Infrastruktur und Versorgung sie zur Flucht zwingen.
Das Ausmass der Zerstörung in der Ukraine ist enorm und wird seit dem Einmarsch der russischen Truppen im Jahr 2022 immer schlimmer. Der Einsatz von Artillerie, Drohnen und Raketen an der Front macht die Lage unberechenbar. Nichts und niemand bleibt verschont, wenn die Frontlinie sich verschiebt. Auch unsere Teams müssen immer wieder auf die sich verändernde Situation reagieren. So waren sie gezwungen, sich aus sieben Spitälern und von über 40 mobilen Einsatzorten zurückzuziehen, als die Lage zu gefährlich wurde.
Wir waren etwa in der Stadt Lyman, in der Oblast Donezk, mit mobilen medizinischen Teams vor Ort, bevor die wachsende Unsicherheit unsere Arbeit immer schwieriger machte. Im Juni 2024 mussten wir unsere Aktivitäten dann vollständig einstellen. Heute leben noch etwa 2 000 Einwohner:innen in der Stadt, die täglich unter Beschuss steht.
Lyman war auch das Zuhause der 67-jährigen Zinaida Babisheva, die jetzt in der Notunterkunft in Dnipro lebt. Sie erinnert sich an das Leben vor der Grossoffensive. Daran, wie sie an Feiertagen Tische auf die Strasse stellte, um gemeinsam mit den Nachbarn zu essen. Sie erinnert sich an ihren Garten:
Wir hatten Äpfel, Pflaumen, Kirschen, Birnen und Pfirsiche sowie unzählige Rosen und Lilien. Jetzt pflanzt meine Tochter Blumen an. Aber ich selbst habe für nichts mehr Energie.
Liubov Kuzmenko, 65, aus Siverskodonetsk lebt ebenfalls mit Zinaida, Kateryna und Damir in der Unterkunft. Sie sagt, ihre Wohnung sei nach der Übernahme der Kontrolle durch die russischen Streitkräfte geplündert worden. Was sie jedoch am meisten belastet, ist die Trennung von ihrer Familie.
Meine Eltern sind im besetzten Gebiet geblieben. Mein Vater starb 2024, und ich konnte nicht einmal zurückkehren, um ihn zu beerdigen. Mit meiner Mutter spreche ich nur per Videocall – die Distanz schmerzt.
Der anhaltende Krieg hinterlässt zerstörte Spitäler, geschlossene Apotheken, leerstehende Schulen und Geschäfte. Ganze Ortschaften sind unbewohnbar geworden. Während die Gefechte weitergehen, wächst die Zahl der Vertriebenen. Die humanitären Bedürfnisse nehmen an Komplexität zu und werden auf lange Sicht fortbestehen.
Ärzte ohne Grenzen leistet in der gesamten Ukraine weiterhin medizinische und psychologische Hilfe: Wir unterstützen Spitäler nahe der Frontlinie, betreiben Ambulanzdienste für Kriegsverletzte und führen mobile Sprechstunden in Notunterkünften und Aufnahmegemeinden durch.