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Gazastreifen: Einschränkung der Lebensmittelversorgung hatte verheerende Folgen für Schwangere und Neugeborene
Palästinensische Autonomiegebiete 3 Min.
Die Mangelernährungskrise ist vollständig menschengemacht. Vor dem Krieg war Mangelernährung im Gazastreifen nahezu nicht vorhanden. Seit 2.5 Jahren schränkt die systematische Blockade humanitärer Hilfe und kommerzieller Güter den Zugang zu Nahrungsmitteln und sauberem Wasser massiv ein.
Ärzte ohne Grenzen hat Daten von 201 Müttern ausgewertet, deren Neugeborene zwischen Juni 2025 und Januar 2026 auf den Neugeborenen-Intensivstationen der Spitäler Al-Nasser und Al-Helou in Chan Junis und Gaza-Stadt behandelt wurden. Mehr als die Hälfte der Frauen war während der Schwangerschaft zeitweise von Mangelernährung betroffen, bei einem Viertel bestand diese noch bei der Entbindung.
Die Folgen für die Kinder waren gravierend: 90 Prozent wurden zu früh geboren, 84 Prozent hatten ein niedriges Geburtsgewicht. Die Sterblichkeit war bei den Neugeborenen von mangelernährten Müttern doppelt so hoch wie bei Kindern von Müttern ohne Mangelernährung.
Vertreibung und Unsicherheit verhindern Behandlung
Zwischen Oktober 2024 und Dezember 2025 nahmen Teams von Ärzte ohne Grenzen in den Gesundheitseinrichtungen Al-Mawasi und Al-Attar in Chan Junis 513 Säuglinge unter sechs Monaten in ambulante Ernährungsprogramme auf. 91 Prozent waren in ihrer Entwicklung gefährdet. Von den 200 Kindern, die die Programme wieder verliessen, waren nur 48 Prozent wieder gesund. Sieben Prozent verstarben, weitere sieben Prozent wurden in Programmen für ältere Kinder weiterbehandelt und 32 Prozent hatten die Behandlung vorzeitig abgebrochen – vor allem wegen der Unsicherheit und Vertreibung.
Eine menschengemachte Mangelernährungskrise
Vor dem Krieg existierten im Gazastreifen keine speziellen therapeutischen Ernährungsstationen. Die ersten Fälle kindlicher Mangelernährung identifizierten Teams von Ärzte ohne Grenzen im Januar 2024.
Nach dem Ende des Waffenstillstands im März 2025 wurde die Zahl der Lebensmittelverteilstellen bis Ende Mai von rund 400 auf nur noch vier unter der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) reduziert. Gleichzeitig blockierten die israelischen Behörden weite Teile der kommerziellen Lebensmittelzufuhr. In den folgenden Monaten suchten deutlich mehr Menschen medizinische Hilfe – nach Gewalt an GHF-Verteilstellen sowie infolge von Hunger.
Die Verteilstellen waren militarisiert, tödlich und kaum funktionsfähig.
Viele Frauen berichteten damals von extremem Stress und Angst angesichts der Risiken für männliche Familienmitglieder bei der Nahrungsbeschaffung, der anhaltenden Luftangriffe und wiederholter Vertreibung. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachteten in dieser Zeit eine hohe Zahl an Fehlgeburten, wobei Stress als mit auslösender Faktor identifiziert wurde.
Beispielloses Ausmass von Mangelernährung
Zwischen dem 16. Oktober und dem 30. November 2025 waren Schätzungen der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) zufolge rund drei Viertel der Bevölkerung im Gazastreifen von akutem Hunger betroffen. Im August stellte die IPC eine Hungersnot fest – die erste jemals in der Region Naher Osten.
Israels gezielte Beschränkungen bei der Lebensmitteleinfuhr, die Militarisierung von Hilfskorridoren und Angriffe auf essenzielle Infrastruktur haben ein Umfeld geschaffen, in dem Hunger bewusst als Mittel der Kontrolle über die Bevölkerung eingesetzt wird.
Trotz des sogenannten Waffenstillstands bleibt die Lage im Gazastreifen äusserst fragil. Ärzte ohne Grenzen fordert die israelische Regierung auf, unverzüglich ungehinderten und kontinuierlichen Zugang zu lebensrettenden Hilfsgütern zu ermöglichen. Zugleich appelliert die Organisation an verbündete Staaten, ihren Einfluss zu nutzen, um alle Einschränkungen des humanitären Zugangs unverzüglich zu beenden.