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Wie die Stimme einer Dolmetscherin (werdenden) Müttern Hoffnung gibt
Tansania 9 Min.
Im Herzen von Liwale, wo sich der rote Staub der Region Lindi über jeden Quadratmeter Erde legt, kann Stille zum Risiko werden. Im Bezirksspital zeigt sich oft ein Paradox mit potenziell lebensgefährlichen Folgen: Umgeben von medizinischen Expert:innen bleiben viele Frauen in einem Vakuum des Schweigens gefangen. Denn allzu oft fehlen die Sprachkenntnisse, die es bräuchte, um die eigene Behandlung nachvollziehen zu können.
Mein Name ist Jackline John, und ich arbeite als medizinische Dolmetscherin bei Ärzte ohne Grenzen. Meine Aufgabe ist es, die Worte der Patientinnen für das englischsprachige medizinische Team zu übersetzen – und umgekehrt. Ursprünglich bin ich Fachperson für Wasser- und Sanitärversorgung. Doch ich habe gelernt, dass auch die fortschrittlichste Medizin nicht heilen kann, wenn sie die Patient:innen mit Worten nicht erreicht.
Porträt von Jackline John, medizinische Dolmetscherin bei Ärzte ohne Grenzen in Liwale.
Indem ich die Sprachbarriere zwischen englischsprachigen Ärzt:innen und Suaheli sprechenden Müttern überbrücke, sorge ich dafür, dass keine Frau sich als Fremde im Gebärsaal fühlen muss. Besonders wichtig wird Sprache in lebensbedrohlichen Situationen. Als Dolmetscherin bei Ärzte ohne Grenzen habe ich gelernt, dass die Fähigkeiten einer Ärztin oder eines Arztes und die Technologie eines Spitals nur dann greifen, wenn die Patientin dem Behandlungsablauf folgen kann. Ich schlage eine Brücke zwischen den beiden Welten zwischen dem komplizierten medizinischen englischen Fachjargon und dem sanften Suaheli einer (werdenden) Mutter.
In dieser ländlichen Region Tansanias, wo für eine medizinische Versorgung kilometerlange, beschwerliche Wege überwunden werden müssen und kulturelle Barrieren den Zugang zusätzlich erschweren, ist meine Stimme mehr als nur eine Übersetzung. Sie verleiht den Patientinnen ein Stück Würde und stellt sicher, dass die Frauen an ihrer eigenen Heilung aktiv mitwirken können.
Dass ich aus einem technischen Bereich in die Gesundheitsversorgung wechselte, hatte mit einer festen Überzeugung zu tun: Bei der Gesundheitsversorgung geht es nicht nur um eine klinische Dienstleistung. Es geht vor allem auch um den Kontakt zwischen Menschen. Ich liess mich beim «National Council for Kiswahili Tanania» als Suaheli-Dolmetscherin zertifizieren und stiess im Februar 2025 zu Ärzte ohne Grenzen. Meine Aufgabe bei der Organisation ist es, dafür zu sorgen, dass sich unsere Patientinnen und das medizinische Team auch wirklich verstehen.
Mein Tag beginnt meist im Wirbel der Morgenvisiten. Ich begleite ein eingespieltes Team aus Gynäkolog:innen, Kinderärzt:innen und Hebammen von Ärzte ohne Grenzen, die Hand in Hand mit unseren lokalen Gesundheitsteams arbeiten. Mit ihnen gehe ich von Bett zu Bett und sorge für Verbindung und Verständigung. Meine Arbeit ermöglicht den Ärzt:innen eine direkte Kommunikation mit den Patientinnen. Dies ist entscheidend, denn so erhält das Team von Ärzte ohne Grenzen vollständige und präzise Informationen aus erster Hand. Ausserdem spart mein Einsatz dem lokalen Personal, das mit zahlreichen Patient:innen und viel Dokumentationsarbeit oft bereits stark ausgelastet ist, wertvolle Zeit und ermöglicht gleichzeitig eine persönlichere und qualitativ bessere Konsultation. Wir besuchen schwangere Frauen und junge Mütter nach Operationen und kümmern uns um Neugeborene auf der Neonatologie.
Oberflächlich betrachtet, übersetze ich bloss Worte. Doch in Wahrheit schaffe ich Vertrauen. Die Patientinnen, mit denen ich arbeite, kommen oft aus abgelegenen Dörfern; viele haben noch nie mit einer ausländischen Ärztin oder einem ausländischen Arzt gesprochen. Der Anblick eines «Mzungu» (weisse Person) im weissen Kittel kann einschüchternd sein. Ich beobachte ihre Gesichter genau, bemerke die Furcht oder die angespannte Kieferpartie. Noch bevor die medizinische Konsultation beginnt, schlage ich eine wichtige kulturelle Brücke: Ich begrüsse die Patientin auf traditionelle Weise. In unserer Kultur ist diese Begrüssung ein Zeichen von Respekt. Ich zeige dem medizinischen Team, wie man eine ältere Frau oder eine junge Mutter anspricht. Es sind kleine Gesten, die dazu beitragen, eine entspannte und geschützte Atmosphäre für die Behandlung zu schaffen.
Im Gebärsaal ist die Stimmung oft angespannt. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem eine Frau in kritischem Zustand zu uns überwiesen wurde. Die Gynäkologin und die Pflegefachpersonen gaben alles, um ihr Leben zu retten; es ging hektisch zu und her. Die Patientin geriet in Panik, schrie und wand sich vor Schmerzen. Sie verstand die schnellen englischen Anweisungen nicht.
Da ich keine medizinische Aufgabe ausführte, konnte ich ihr in dem Moment Halt geben. Ich beugte mich zu ihr hin und beruhigte sie auf Suaheli. Gleichzeitig übersetzte ich die wichtigen Anweisungen des Arztes. «Atme mit mir», sagte ich. «Für den Arzt ist es wichtig, dass du ganz still liegst, damit er dir helfen kann.» In diesem Moment legte sich die Panik. Sie entspannte sich, der Eingriff konnte durchgeführt werden – und ein Leben wurde gerettet. Das ist der Kern meiner Arbeit. Ohne Dolmetscher:innen sind Ärzt:innen oft gezwungen, auf das ohnehin stark beanspruchte lokale Personal zurückzugreifen. Das führt zu Verzögerungen und Missverständnissen. Ich vermittle den Verantwortlichen ein vollständiges Bild der Situation – und verleihe den Patientinnen eine Stimme.
Liwale ist weitläufig, und die Herausforderungen haben auch mit der Landschaft zu tun. Viele Frauen arbeiten auf weit entfernten landwirtschaftlichen Betrieben und müssen lange Strecken zurücklegen – oft über Strassen, die in der Regenzeit unpassierbar werden. Als Ärzte ohne Grenzen in der Region aktiv wurde, mussten wir erst das Vertrauen der Menschen vor Ort gewinnen. Als lokale Dolmetscherin kann ich eine direkte Verbindung zu den Menschen herstellen. Wenn junge Mütter mich treffen – jemanden, der ihre Sprache spricht und ihre Kultur versteht – trauen sie sich, mir alle ihre Fragen zu stellen.
Ich habe einen Wandel beobachtet: Frauen kommen heute früher ins Spital, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt, und halten ihre Nachkontrollen ein. Besonders schön ist es für mich zum Beispiel, Ultraschalluntersuchungen zu erklären. Für eine Frau, die noch nie ein Bild vom Inneren ihres Körpers gesehen hat, kann das eine surreale Erfahrung sein. Ich erkläre, wozu das Gel dient, warum sie auf dem Rücken liegen muss und was der flackernde Herzschlag ihres Babys bedeutet. Das Gefühl, wenn ich die Erleichterung im Gesicht einer Mutter sehe, die versteht, dass es ihrem Kind gut geht, ist unbeschreiblich.
Die Arbeit bringt emotionale und fachliche Herausforderungen mit sich. Manchmal treffe ich Patientinnen aus sehr abgelegenen Regionen, die lokale Dialekte sprechen und deren Suaheli-Kenntnisse begrenzt sind. Dann müssen wir uns mit Gesten behelfen und zeigen, wo es schmerzt. Zudem diskutieren Ärzt:innen untereinander manchmal komplexe Behandlungspläne in schnellem Tempo. Dann muss ich selbstbewusst eingreifen und sie bitten, kurz zu warten, damit ich alle Informationen korrekt weitergeben kann.
Notfälle können emotional belasten. Ärzte ohne Grenzen bietet zwar psychologische Unterstützung an, doch ich stelle mir oft vor, wie wertvoll ein Austausch unter Kolleg:innen wäre. Dolmetscher:innen tauchen bei ihrer Tätigkeit in das Trauma der Patient:innen ein. Gleichzeitig überträgt sich auch der Stress der Ärzt:innen auf uns. Diese Erfahrungen miteinander zu teilen, könnte helfen, langfristig resilient zu bleiben.
Ich bin stolz auf das, was wir im Bezirksspital in Liwale erreicht haben. Doch ich sehe auch, was noch fehlt. Viele Patientinnen legen weite Wege zurück. Ihre Angehörigen haben aber keinen Ort, wo sie übernachten könnten. Ich habe erlebt, wie Familienangehörige das Spital um eine vorzeitige Entlassung einer Patientin baten, weil sie keinen Platz zum Schlafen oder Kochen hatten. Ich träume von einem «Wartehaus für Mütter» und eigenen Bereichen für Angehörige. Gesundheitsversorgung sollte ganzheitlich angegangen werden. Schliesslich ist die Familie der Patientin mitbetroffen.
Seit ich diese Arbeit mache, betrachte ich die Medizin aus einem anderen Blickwinkel. Ich habe gelernt, dass ein Stethoskop nur so wirksam ist wie das Gespräch, das ihm vorausgeht. Sprache ist ein klinisches Instrument – so wichtig wie das Skalpell. Wenn eine Mutter das Spital verlässt, ihr gesundes, in eine bunte «Kanga» gehülltes Baby im Arm, macht mich das sehr glücklich. Zwar bin ich keine Ärztin, aber ich habe dazu beigetragen, dass die Patientin überhaupt Zugang zur Behandlung erhält.
Die Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen zeigt mir, dass selbst die beste medizinische Ausrüstung ihren Zweck verfehlt, wenn Patientinnen nicht mit eingebunden werden. Ich sorge mit meiner Arbeit dafür, dass die Frauen nachvollziehen können, was mit ihnen geschieht, und dass aus Stille Hoffnung wird. Im ländlichen Tansania sollte jede Mutter die Protagonistin ihrer eigenen Geschichte sein dürfen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sie gehört, respektiert und mit Würde behandelt wird.
Ich bin keine Ärztin, aber ich sorge dafür, dass (werdende) Mütter gehört werden. Und manchmal entscheidet meine Arbeit über Leben und Tod.