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Masernausbruch im Jemen: Fehlender Impfschutz ist für Kinder lebensbedrohlich
Jemen 4 Min.
In einem Vertriebenencamp im Distrikt Tuban im Südwesten des Landes lässt die 35-jährige Zubaida Ali ihre zweijährige Tochter Asmaa gegen Masern impfen. Ohne das mobile Impfteam wäre das nicht möglich gewesen, sagt Zubaida. Die nächstgelegene Gesundheitseinrichtung ist weit entfernt und das Geld der Familie reicht kaum für Lebensmittel und andere Grundbedürfnisse.
Die zweijährige Asmaa Abdo hält ihren Impfpass in den Händen, während sie zusammen mit ihrer Mutter Zubaida Ali bei einer Masern-Impfaktion in Ateera im Bezirk Tuban im Gouvernement Lahj im Jemen am 5. Mai 2026 wartet. Ärzte ohne Grenzen hat diese Kampagne in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium unterstützt, damit mehr Kinder in der Nähe ihres Wohnortes geimpft werden können.
Der Jemen verzeichnete 2026, wie bereits in den Jahren zuvor, einen starken Anstieg der Masernfälle. Gemäss vorläufigen Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden dort zwischen Oktober 2025 und März 2026 insgesamt 11 354 Masernfälle registriert – die zweithöchste Zahl weltweit in diesem Zeitraum.
Eine vermeidbare Krankheit
Masern sind hochansteckend und breiten sich rasant aus, wenn die Impfrate nicht hoch genug ist. Armut, weite Wege, hohe Transportkosten, Vertreibung, Fehlinformationen und das geschwächte Gesundheitssystem führen dazu, dass viele Kinder im Jemen ungeimpft bleiben – mit teils gravierenden Folgen. Masern können tödlich enden und Komplikationen wie Lungenentzündungen, Durchfall oder Augeninfektionen verursachen. Besonders gefährdet sind mangelernährte Kinder. Sie schwächen zudem das Immunsystem, sodass betroffene Kinder auch anfälliger für andere Krankheiten sind.
Kinder stehen draußen und beobachten ein Impfteam, das am 5. Mai 2026 in einem Vertriebenenlager in Ateera 2 im Bezirk Tuban im Gouvernement Lahj im Jemen eingetroffen ist. Das Lager liegt weit entfernt vom nächsten Gesundheitszentrum, und viele seiner Bewohner sind vertriebene Familien, die unter sehr schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen leben.
Gesundheitseinrichtungen am Limit
Die Folgen des Masernausbruchs erleben wir hautnah in den von uns unterstützten Gesundheitseinrichtungen an der Westküste des Jemen und im Gouvernement Lahj.
Allein im Spital von Mocha im Gouvernement Taiz wurden von Januar bis April 2026 314 an Masern erkrankte Personen behandelt.
Eine Impfdosis schützt zwar bereits, für einen vollständigen Schutz sind jedoch zwei Dosen erforderlich. Familien, die so schon kaum über die Runden kommen, können es sich aber oft nicht leisten, zweimal in eine Gesundheitseinrichtung zu reisen. Dass sie ihr weniges Geld für Essen statt für eine mögliche Erkrankung ausgeben, ist nur verständlich. Keine Familie sollte eine solche Entscheidung treffen müssen.
Für medizinische Teams stellt ein Masernausbruch eine akute Notsituation dar. Es braucht zusätzliche Betten, mehr Personal und Massnahmen zur Infektionsprävention. Kinder, bei denen Komplikationen auftreten, müssen intensiv betreut werden. Deshalb erweiterten wir im April 2026 die Isolationskapazitäten im Spital von Mocha.
Passanten vor dem Eingang des Allgemeinen Krankenhauses von Mocha in Mocha, im Gouvernement Ta’iz, im Jemen, am 14. Mai 2026. Im April 2026 hat Ärzte ohne Grenzen die Isolationskapazitäten dieses Krankenhauses ausgebaut, um der steigenden Zahl von Kindern gerecht zu werden, die wegen Masern behandelt werden müssen.
Mit der Behandlung erkrankter Kinder ist es nicht getan. Wir müssen auch Ansteckungen verhindern. Deshalb isolieren wir Patient:innen mit Verdacht auf Masern. Ausserdem müssen Kinder, bei denen Komplikationen auftreten, eng überwacht werden. Das stellt für unsere Teams eine erhebliche Zusatzbelastung dar und erhöht den Druck auf unsere Gesundheitseinrichtungen weiter.
Besonders spürbar ist dies in den Grundversorgungszentren, an die sich viele Familien zuerst wenden. Im Gesundheitszentrum Mafraq Al Mokha im Distrikt Mawza (Taiz) behandeln die Teams Kinder aus drei verschiedenen Distrikten, darunter viele aus vertriebenen Familien. Weil immer wieder neue Familien ankommen und andere vertrieben werden oder weiterziehen, lässt sich die Impfrate schwer bestimmen.
Im Gesundheitszentrum Al-Khawkhah im Gouvernement al-Hudaida zeigt sich ein ähnliches Bild. Dort kommen viele der erkrankten Kinder aus Gemeinden, in denen die Familien kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Im Gesundheitszentrum Al-Mafraq im benachbarten Gouvernement Taiz werden ebenfalls zahlreiche Kinder mit Masern behandelt. Das Zentrum versorgt Menschen aus drei Distrikten und stösst während der Masernausbrüche regelmässig an seine Kapazitätsgrenzen.
Impfungen direkt vor Ort
Um Kinder zu erreichen, die sonst wahrscheinlich ungeimpft blieben, setzen unsere Teams verstärkt auf mobile Einsätze. «Bei hochansteckenden Krankheiten wie Masern ist eine hohe Durchimpfungsrate entscheidend. Mindestens 95 Prozent der Kinder müssen geimpft sein, um Ausbrüche zu verhindern. Am besten gelingt das, wenn wir in die Gemeinden gehen und die Impfungen direkt vor Ort anbieten», so Itta Helland-Hansen.
Im April und Mai 2026 unterstützten wir Impfkampagnen des Gesundheitsministeriums im Distrikt Tuban sowie rund um Mocha. Innert zwei Wochen wurden so über 3300 Kinder in abgelegenen Regionen geimpft.
Begleitpersonen und Kinder warten am 18. Mai 2026 im Wartezimmer des Gesundheitszentrums von Al-Mafraq im Bezirk Mawza in der Provinz Taiz im Jemen. Die von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Teams dieses Gesundheitszentrums nehmen Familien aus Gemeinden dreier Bezirke auf, darunter auch Menschen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen.
Unsere Teams behandeln und isolieren Erkrankte, organisieren Überweisungen und leisten medizinische Grundversorgung. Sie helfen ausserdem bei der Gesundheitsförderung, der Impfung und der Früherkennung von Masernfällen und informieren Familien darüber, wann sie medizinische Hilfe suchen müssen und wo sie diese bekommen.
Der tatsächliche Hilfebedarf übersteigt jedoch unsere Möglichkeiten.
Eltern bringen ihre Kinder am 5. Mai 2026 zu einer Masern-Impfstelle in Ateera im Bezirk Tuban im Gouvernement Lahj im Jemen.
Ein strukturelles Problem
Dass Masern im Jemen immer wieder ausbrechen, ist Ausdruck eines strukturellen Problems. Routineimpfungen und Gesundheitsversorgung sind für viele Familien nicht zugänglich, es mangelt an Gesundheitsförderung und die Krankheitsüberwachung weist zahlreiche Lücken auf. Hinzu kommen die Kürzungen bei humanitärer Hilfe. Der Jemen benötigt dringend langfristige Unterstützung, damit mehr Kinder geimpft und behandelt werden können.
Ein 5-jähriges Mädchen hält stolz ihren Impfpass in der Hand, nachdem sie am 5. Mai 2026 an einer Masern-Impfkampagne in Ateera im Bezirk Tuban in der Provinz Lahj im Jemen teilgenommen hat. Die wiederholten Masernausbrüche im Jemen verdeutlichen erhebliche Defizite bei der systematischen Impfung, der medizinischen Grundversorgung und dem schnellen Zugang zu medizinischer Versorgung.