msf.navigation.breadcrumb_title
- Startseite
- Artikel
- msf.navigation.breadcrumb_current_page:Krieg im Sudan: Zeichnungen ge...
Krieg im Sudan: Zeichnungen gegen das Vergessen
Sudan 5 Min.
Als wir einem sudanesischen Kollegen diese Frage stellten, antwortete er sofort:
Wir, die Sudanes:innen, können der Welt unsere Geschichte erzählen.
Der Krieg im Sudan dauert mittlerweile seit über 1200 Tagen an – mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Es handelt sich um eine der grössten humanitären Krisen unserer Zeit und doch findet sie in der internationalen Berichterstattung kaum Beachtung.
Einer unserer sudanesischen Kollegen brachte es auf den Punkt:
Es zeigt die internationale Gleichgültigkeit gegenüber dem Krieg im Sudan.
Um die Realität im Sudan aus der Perspektive seiner eigenen Bevölkerung zu erzählen, haben wir mit sudanesischen Illustrator:innen des Khartoon Magazine zusammengearbeitet. Auch einige von ihnen wurden im Krieg vertrieben und mussten ihre Heimat verlassen.
Mit ihren Zeichnungen machen sie die Lebensrealität im Sudan sichtbar. Sie verwenden dabei Bilder und Worte, die direkt zu den Sudanes:innen sprechen – auch zu jenen, die das Land verlassen haben.
Kunst hilft den Menschen, weil sie ihnen das Gefühl gibt, dass jemand sie versteht und dass sie nicht allein sind.
Eine einfache Zeichnung bringt manchmal besser zum Ausdruck, wozu grosse internationale Konferenzen nicht in der Lage sind. Kunst kann für jemanden irgendwo auf der Welt eine Tragödie erträglicher machen. Genau das treibt mich an.
Im Sudan spielen Künstler:innen wie Cartoonist:innen eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben. Ihre Zeichnungen schaffen es, Gefühle und Erfahrungen zu veranschaulichen, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Sie sind kein dekoratives Beiwerk, sondern dienen vielmehr dazu, gesellschaftliche Zustände aufzuzeigen.
In der Cartoon-Reihe für Ärzte ohne Grenzen setzen sich die Illustrator:innen des Khartoon Magazine mit Hunger, Krankheiten, psychischer Belastung und fehlender medizinischer Versorgung als Folgen des Kriegs auseinander. Sie greifen dabei auf sudanesische Sprichwörter und Redewendungen wie «Zuspruch ist die halbe Heilung» und «Geduld ist der erste Schritt zur Genesung» zurück. Ausserdem verwenden sie Begriffe, die im Sudan geläufig sind und mit denen sich die Menschen identifizieren können, wie Hakim («die weise Person») und Baseer (jemand, der klar sieht) als Bezeichnung für einen Arzt.
Jede Zeichnung widmet sich einem humanitären Thema und stützt sich auf Daten und Beobachtungen aus unseren Projekten im Sudan. Als der Krieg 2023 ausbrach, weiteten wir unsere Aktivitäten aus, um auf den wachsenden Hilfsbedarf zu reagieren. Dazu gehören die Betreuung von Schwangeren und Müttern, die Behandlung von Mangelernährung, sexuelle und reproduktive Gesundheitsversorgung sowie psychologische Unterstützung.
Kunst kann humanitäre Bedürfnisse eindrucksvoll vermitteln. Sie übersetzt Leid und Zahlen in allgemein verständliche Bilder und Gefühle. Als sudanesischer Künstler bin ich davon überzeugt, dass Kunst einfach und lebensnah auf Themen wie Cholera und Mangelernährung aufmerksam machen kann.
Illustration von sudanesischen Zeichnern aus dem Netzwerk der Zeitschrift „Khartoon“.
Wie wird die Geschichte des Sudan erzählt?
Kunst ist eine universelle Sprache, die Grenzen überwindet. Auch einige unserer Mitarbeitenden nutzen Kunst als Ausdrucksform, so wie Narin Fandoglu, die im vergangenen Jahr zweimal für uns im Sudan war. Ihre Eindrücke hielt sie in Zeichnungen fest.
Das Zeichnen hilft mir dabei, innezuhalten, meine Gefühle zu verarbeiten und weiterzumachen.
Narin wählt ihre Motive spontan: einen Strassenmarkt, einen Kaffeestand vor einem teilweise zerstörten Haus, einen Tonkrug, den die Nachbarschaft für Passant:innen mit Wasser auffüllt, oder die Pyramiden des Sudan, die ausserhalb des Landes kaum jemand kennt.
Mit ihren Zeichnungen führt sie uns vor Augen, dass der Sudan mehr ist als Krieg und dass das Land dringend mehr humanitäre Hilfe und dafür mehr öffentliche Aufmerksamkeit benötigt.
Narin betont, wie wichtig es ist, dass sudanesische Künstler:innen zu Wort kommen:
Der Krieg hat Künstler:innen den Raum genommen, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wenn Menschen von ausserhalb für sie sprechen, zeichnen sie in der Regel das Bild von Opfern. Deshalb ist die Zusammenarbeit von Ärzte ohne Grenzen mit den Illustrator:innen des Khartoon Magazine auch so wichtig. Dadurch bekommen sie den Raum zurück, den der Krieg ihnen genommen hat.
Illustration réalisée par des dessinateurs soudanais du réseau du magazine Khartoon.
Die Realität hinter den Zeichnungen
Im Sudan bleibt niemand vor dem Krieg verschont. Nach Angaben des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) wurden knapp 12 Millionen Menschen innerhalb des Sudan oder in Nachbarländer vertrieben. Rund 33,7 Millionen Menschen sind laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) auf humanitäre Hilfe angewiesen. Über ein Drittel (37 Prozent) der Gesundheitseinrichtungen im Sudan sind gemäss WHO immer noch ausser Betrieb. Ein Grossteil der Bevölkerung hat daher keinen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung.
Viele internationale Organisationen haben sich wegen der Gewalteskalation und Budgetkürzungen aus dem Sudan zurückgezogen. Die medizinische Versorgung hat sich dadurch weiter verschlechtert.
Mit unseren Zeichnungen können wir Hoffnung vermitteln, selbst wenn es darin um Krankheit, Vertreibung und Krieg geht. Ich möchte mit meiner Arbeit die Menschen im Sudan erreichen, ein Zeichen für Hoffnung setzen und ihr Leid lindern.
Ein Bild kann die Welt vielleicht nicht verändern. Es kann aber die Not der Menschen aufzeigen und möglicherweise diejenigen erreichen, die bislang weggesehen haben.
Kunst kann zwar nicht alle Probleme lösen, sie kann diese aber sichtbar machen. Mit Kunst lassen sich humanitäre Botschaften vermitteln.
Wer erzählt also die Geschichte des Sudan?
Dass so wenig über den Krieg im Sudan berichtet wird, spricht Bände. Es zeigt, wie wenig Mitgefühl die Menschen im Sudan international erfahren.
Durch unsere Zusammenarbeit mit dem Khartoon Magazine wollen wir sudanesischen Illustrator:innen die Möglichkeit geben, ihr Land – das Leid der Bevölkerung, aber auch ihre Widerstandskraft und ihre Menschlichkeit – aus ihrer Perspektive zu zeigen.
Wir können den Krieg nicht mit Zeichnungen beenden. Aber wir können uns weigern, wegzuschauen.