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Mangelernährung in Somalia: Ernährungsstationen im Baidoa-Spital sind voll
Somalia / Somaliland 4 Min.
Zwischen März und Mai wurden im intensiv-therapeutischen Ernährungszentrum im Bay Regional Hospital fast 1400 Patient:innen aufgenommen. Trotz der Aufstockung der Bettenzahl von 50 auf 125 läuft die Einrichtung am Limit, da der Zustrom mangelernährter Personen nicht abreisst. Ärzte ohne Grenzen ruft zu einer sofortigen Ausweitung der Hilfsmassnahmen auf, um zu vermeiden, dass weitere Menschenleben in Gefahr geraten. Es braucht insbesondere eine Aufstockung bei der Lebensmittelverteilung, Unterstützung zur Existenzsicherung und bei der Wasserversorgung sowie Ernährungshilfe.
Spitalaufnahmen haben sich zwischen März und April verdoppelt
Im April wurden in den von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Ernährungsstationen 572 mangelernährte Kinder aufgenommen – doppelt so viele wie noch im März. Mit mehr als 500 Einweisungen blieb die Zahl auch im Mai erschreckend hoch. Zum Vergleich: Die Zahl der aufgenommenen Patient:innen im April war dreimal so hoch wie im Vorjahr. Seit März haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen mehr als 4000 Kinder untersucht. Dabei zeigte sich, dass jedes zweite Kind unter fünf Jahren akut mangelernährt ist. Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass die Mangelernährungsraten in der kritischen Zeit zwischen zwei Ernten ansteigen, doch die diesjährigen Werte sind so hoch wie seit 2023 nicht mehr.
Unsere Ernährungsstationen in Baidoa sind voll. Wir haben jeden erdenklichen Raum – andere Abteilungen, Zelte, Büros – zu Behandlungsstationen umfunktioniert. Doch jede Woche treffen weitere Kinder in noch kritischerem Zustand ein. Die Familien wissen nach dem Verlust ihres Viehs und ihrer Lebensgrundlage nicht mehr wie weiter. Viele verkauften ihre letzten Habseligkeiten und waren auf der Suche nach Hilfe tagelang unterwegs. Es braucht daher dringend mehr Ernährungshilfe, Unterstützung bei der Wasserversorgung und Massnahmen zur Existenzsicherung wie etwa die Bereitstellung von Bargeld. Nur so kann vermieden werden, dass die Krise weitere Menschenleben fordert, wie dies leider bereits geschehen ist.
Anhaltende Dürre und fehlende Hilfsgelder
Schuld für die Hungerkrise und die kritische humanitäre Situation in Somalia ist unter anderem eine anhaltende Dürre. Landesweit sind 6,5 Millionen Menschen, fast ein Drittel der somalischen Bevölkerung, von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Besonders schwierig ist die Lage für die Menschen in ländlichen Gebieten und für vertriebene Bevölkerungsgruppen in Bay sowie in den umliegenden Regionen. Die Folgen zeigen sich nun in den steigenden Mangelernährungsraten, insbesondere bei Kindern sowie schwangeren und stillenden Frauen. Aufgrund der Kürzungen der Hilfsgelder erhalten Familien nahezu keine Unterstützung mehr.
Abgesehen von der Ernährungskrise kämpft Somalia bereits seit Längerem mit Masern- und Diphtherie-Ausbrüchen. So haben unsere Teams in Baidoa seit April 2025 insgesamt mehr als 3200 Verdachtsfälle von Masern versorgt; mindestens 33 Kinder sind gestorben. Über 90 Prozent der eingewiesenen Patient:innen waren nie geimpft worden. In die Gesundheitseinrichtungen kommen auch immer wieder schwangere und stillende Frauen mit Anämie und Mangelernährung. Von Januar bis Mai dieses Jahres wurden 11 800 Kinder mit mittelschwerer oder schwerer akuter Mangelernährung im ambulanten therapeutischen Ernährungszentrum in Baidoa aufgenommen. Anfang Juni waren fast 6000 von ihnen in Behandlung, und 251 schwangere und stillende Frauen wurden ernährungstherapeutisch versorgt.
Adegay, eine fünffache Mutter aus dem 30 Kilometer entfernten Gofgaduud, brachte ihre kleine Tochter zum ersten Mal ins Bay Regional Hospital, nachdem das Kind bereits seit zwei Monaten krank war.
Wir hatten zwei Jahre Dürre, unsere Farm brachte uns nichts ein. Nun haben wir gar nichts mehr. Als meine Tochter hohes Fieber und Schwellungen am Körper bekam, probierte ich zuerst, sie zu Hause zu behandeln. Dann brachte ich sie hierher. Seit einem Jahr haben wir keinerlei Hilfe mehr erhalten.
Ärzte ohne Grenzen baut Hilfe aus – doch es braucht auch andere Akteur:innen
Ärzte ohne Grenzen hat sowohl die Behandlungskapazitäten als auch die Massnahmen in den Bereichen Wasserversorgung, sanitäre Anlagen und Hygiene ausgebaut, um die Auswirkungen der Dürre abzumildern. Unsere Teams liefern täglich rund 170 000 Liter Wasser per Lastwagen an 17 Standorte in Baidoa. Der Bau von 150 Toiletten ist im Gang, und es sind Verteilungen von Hilfsgütern wie Kanister und Menstruationshygiene-Kits geplant. Diese Aktivitäten bringen zwar Erleichterung, vermögen aber die Lage nicht zu ändern. Kinder werden aus dem Spital entlassen, doch zu Hause gibt es weiterhin nicht genug zu essen. Es besteht das Risiko eines Rückfalls. Schwere Mangelernährung ist zwar behandelbar, doch zu viele Kinder kommen erst in kritischem Zustand ins Spital oder wurden schon mit Untergewicht geboren und kämpfen mit Infektionen oder anderen Komplikationen, sodass für manche jede Hilfe zu spät kommt. Bereits geschwächte und ungeimpfte Kinder sind zudem besonders anfällig für Krankheiten wie Masern oder Diphtherie. «Wir sind rund um die Uhr im Einsatz, um Kinder zu behandeln, aber das allein reicht nicht», betont Frida Athanassiadis, medizinische Koordinatorin in Somalia.
Wir rufen deshalb Geldgeber:innen und andere Hilfsorganisationen dazu auf, Massnahmen wie Ernährungshilfe, Unterstützung bei der Wasserversorgung und Bargeldhilfe für von der Dürre betroffene Haushalte dringend zu verstärken. Grosser Handlungsbedarf besteht auch bei der ernährungstherapeutischen Versorgung von Kindern oder schwangeren und stillenden Frauen, bei den Behandlungskapazitäten und bei Impfmassnahmen. Je länger man wartet, desto mehr Menschenleben stehen auf dem Spiel.