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DR Kongo: Zwischen Gewalt, Vertreibung und Ebola-Epidemie – das Ringen ums Überleben in Plaine Savo
Demokratische Republik Kongo 5 Min.
Unsere Häuser wurden in Brand gesteckt. Als wir aufbrachen, wurde überall geschossen. Die Menschen flüchteten, ohne etwas mitzunehmen. Einige wurden getötet, andere vergewaltigt oder entführt. Bis heute wissen wir nicht, wo die Verschwundenen sind – ob sie tot sind, gefangen gehalten werden oder noch leben.
Im vergangenen Dezember wurde das Nachbardorf Bule, in dem sie lebte, zum Schauplatz heftiger Gefechte zwischen der bewaffneten Gruppierung Convention for the Popular Revolution (CRP) und den Streitkräften der DR Kongo (FARDC). Aufgrund der Kämpfe verliess die Bevölkerung den Ort. Für Antoinette war es bereits das zweite Mal in den letzten Jahren, dass sie gewaltsam vertrieben wurde.
Die meisten Vertriebenen liessen sich in der Nähe eines Stützpunkts der ugandischen Armee nieder, die im Rahmen eines Kooperationsabkommens mit der kongolesischen Regierung in Ituri stationiert ist. Sie hofften, dort Schutz zu finden. Antoinette erinnert sich noch gut an ihre ersten Tage an diesem Ort, der bald zu einem Camp für zehntausende Vertriebene werden sollte.
Als wir hier ankamen, verbrachten wir rund zwei Wochen ohne Unterkunft und waren dem Regen schutzlos ausgeliefert, da wir keine Plastikplanen hatten. Schliesslich bauten wir kleine Hütten aus Holzstücken, Plastik und Stroh.
Seither haben sich die Lebensbedingungen kaum verbessert. Das Camp ist überfüllt und wird von bewaffneten Männern umstellt. Diese hinderten die Menschen bis vor Kurzem daran, das Gelände zu verlassen, um zu ihren Feldern, den Märkten und den Wasserstellen zu gelangen. Die meisten trauen sich noch immer nicht hinaus und haben daher keinerlei Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aufgrund der unsicheren Lage und der Zugangsbeschränkungen sind auch kaum humanitäre Organisationen vor Ort. Seit Dezember fanden nur zwei Nahrungsmittelverteilungen statt.
Blick auf eine der von Ärzte ohne Grenzen im Lager Plaine Savo eingerichteten Wasserstellen; dort sind etwa 76.000 Vertriebene untergebracht.
Die Vorräte sind aufgebraucht, und wir warten noch immer auf die nächste Verteilung. Wir haben fast nichts zu essen, und die Kinder leiden. Das Leben hier ist sehr hart.
Im Februar richtete Ärzte ohne Grenzen einen Gesundheitsposten ein, um eine grundlegende medizinische Versorgung sicherzustellen. Damals gehörten wir zu den wenigen humanitären Organisationen vor Ort. Alphonsine, die als leitende Pflegefachfrau im Gesundheitsposten arbeitet, war zuvor in Bule tätig, musste dann aber wegen der Gewalt selbst flüchten. Sie erinnert sich daran, wie schnell sich nach ihrer Ankunft in Plaine Savo Durchfallerkrankungen, Krätze, Typhus und parasitäre Infektionen ausbreiteten – vor allem, weil sauberes Wasser fehlte.
«Viele Menschen erkrankten und starben. Seit Ärzte ohne Grenzen hier ist, sind die Todesfälle deutlich zurückgegangen», sagt sie.
Heute bietet der Gesundheitsposten allgemeine Gesundheitsleistungen, Mutter-Kind-Versorgung und psychologische Betreuung. Zudem behandeln unsere Teams täglich Fälle von sexualisierter Gewalt und akuter Mangelernährung.
Wie viel Gewalt die Menschen in Plaine Savo erleben, zeigt sich in den Aufzeichnungen des Gesundheitspostens. In den vergangenen sechs Monaten wurden dort im Durchschnitt 60 Überlebende sexualisierter Gewalt pro Monat sowie sieben Menschen pro Woche mit Schuss- oder Stichverletzungen versorgt. In den meisten Fällen wurden die Betroffenen angegriffen oder verletzt, als sie versuchten, das Camp zu verlassen. Pro Woche behandeln unsere Mitarbeitenden zudem durchschnittlich neun Fälle von Mangelernährung.
Die Menschen haben nicht genug zu essen, weil sie ihre Felder nicht erreichen und deshalb nichts anbauen können. Wenn es hier sicherer wäre, könnten sie ihre Felder bestellen und wir müssten nicht mit Hunger kämpfen.
Der 12-jährige Isaac soll mit einem Krankenwagen von „Ärzte ohne Grenzen“ vom Vertriebenenlager Plaine Savo ins etwa 15 Kilometer entfernte Allgemeine Krankenhaus von Fataki gebracht werden.
Ärzte ohne Grenzen hat die Erlaubnis erhalten, Patient:innen, die dringend operiert werden müssen, mit dem eigenen Krankenwagen von Plaine Savo ins rund 15 Kilometer entfernte Referenzspital von Fataki zu bringen, das wir ebenfalls unterstützen. Gerade für Menschen mit Schussverletzungen und für Schwangere kann das lebensrettend sein.
Im Camp starben viele Mütter, weil wir sie nicht ins Spital bringen konnten. Seit der Krankenwagen von Ärzte ohne Grenzen sie jederzeit nach Fataki transportieren kann, gab es keinen einzigen solchen Todesfall mehr.
Die im Mai von den nationalen Behörden ausgerufene Ebola-Epidemie hat die angespannte Gesundheitslage in Ituri weiter verschärft. In den vergangenen Monaten wurden 36 bestätigte Fälle in die Ebola-Behandlungsstation überwiesen, die Ärzte ohne Grenzen kürzlich im Spital von Fataki eingerichtet hat. Die Station soll bald von 24 auf 32 Betten erweitert werden. Doch das hohe Ansteckungsrisiko für das Personal zwang unsere Teams, den chirurgischen Betrieb im Spital einzustellen – ein trauriges Beispiel dafür, wie sich diese Epidemie auf das gesamte Gesundheitssystem der Region auswirkt.
In Plaine Savo wurden bislang drei bestätigte Ebola-Fälle verzeichnet. Dank der Mithilfe der Bevölkerung und der Unterstützung durch unsere Teams konnten alle frühzeitig überwiesen, diagnostiziert und im Spital von Fataki behandelt werden. Doch die Gefahr bleibt bestehen. Die Vertriebenen in Plaine Savo wissen alle um die verheerenden Folgen, die das Virus hätte, wenn es sich im Camp weiter ausbreiten würde.
Wir haben grosse Angst. Einige von uns haben Familienangehörige, die in Mongbwalu und Bunia gestorben sind. Die Notunterkünfte in Plaine Savo sind überfüllt, und die Menschen leben auf engstem Raum. Wenn die Krankheit hier ausbräche, könnten sehr viele sterben. Deshalb leisten wir Aufklärungsarbeit.
Um die Ausbreitung der durch direkten Kontakt mit Schweiss, Ausscheidungen oder anderen Körperflüssigkeiten übertragbaren Ebola-Krankheit zu verhindern, sind sauberes Wasser, sanitäre Anlagen und Hygiene entscheidend. Seit Februar arbeiten unsere Teams unermüdlich daran, die Lage im Camp in dieser Hinsicht zu verbessern. So wurden 311 Toiletten gebaut, und bis zur Fertigstellung von neun neuen Bohrlöchern wird die Bevölkerung mit Tanklastwagen mit grösseren Wassermengen versorgt.
Doch das reicht nicht. Sowohl die Zahl der Toiletten als auch die täglich verfügbare Menge an Trinkwasser pro Person sind noch immer erschreckend gering. Ausserdem sind regelmässigere Verteilungen von Hilfsgütern und Nahrungsmitteln sowie Schutzmassnahmen notwendig, um die am stärksten gefährdeten Menschen vor Übergriffen zu bewahren.
Das ist die schlimmste humanitäre Situation, die ich seit Jahren erlebt habe. Um das Leben, die Würde und die Sicherheit der Vertriebenen in Plaine Savo zu wahren und sie besser vor der Ebola-Krankheit zu schützen, muss die humanitäre Hilfe dringend ausgebaut werden. Wir brauchen mehr Hilfsorganisationen mit grösseren Einsatzkapazitäten vor Ort.