01.11.2005 - Honduras

Ich will meine Tochter wieder sehen

Nancy kommt ins Zentrum in Begleitung ihres Bruders, den wir bereits kennen. Sie ist gross und schlank, trägt Jeans und eine ärmellose Bluse. Die schwarzen Haare fallen ihr über die Schultern. Sie will mit dem Psychologen sprechen.

"Hallo, wie heisst du?"
"Nancy."

"Und wie alt bist du?"
"Einundzwanzig. Mein Bruder hat mir gesagt, ich soll bei Ihnen vorbeikommen."

"Und warum?"
"Wegen den Drogen."

"Welche Drogen? Lösungsmittel, Leim?"
"Nein, nein, wegen den "Steinen", Crack... Ich komme nicht weg davon. Und… ich habe zwei Kinder…". Nancy fängt an zu weinen. "Ja, das erste ist sechs Jahre alt und das andere 16 Monate. Sie sind von verschiedenen Vätern. Seit mehr als einem Jahr schon sehe ich meinen Sohn nicht mehr, den Grossen. Er lebt ausserhalb von Tegucigalpa, bei seinen Grosseltern, den Eltern des Vaters." Nancy weint noch immer.
"Aber am meisten schmerzt mich, dass ich auch meine Tochter nicht mehr sehe, die Kleine. Sie lebt bei den Eltern meines zweiten Freunds. Sie sind sehr "perfektionistisch"…".

"Perfektionistisch? Was meinst du damit?"
"Sie sind schrecklich, sie sagen mir immer gemeine Dinge…"

"Wie was zum Beispiel?"
"Sie sagen, wenn es nach ihnen ginge, würde ich meine Tochter nicht mehr sehen. Oder sie greifen mich an und sagen, nur eine Hündin kann ihre Kinder so im Stich lassen… " Nancy weint immer noch.

"Ja, es ist nicht einfach, sich so etwas anhören zu müssen. Aber wann hast du deine Tochter zum letzten Mal gesehen?"
"Am vierten Februar, das ist schon drei Monate her. Und ich habe niemanden, der mich unterstützt. Niemanden, an den ich mich wenden könnte."

"Und deine Eltern?"
"Mit meinem Vater habe ich keinen Kontakt mehr. Er hat uns allein gelassen und interessiert sich überhaupt nicht für mich. Meine Mama ist gestorben, als ich 16 war."

"Das ist sehr traurig, du warst sehr jung."

Ich hänge völlig drin, in den Drogen

Nancy zeigt ihren Bauch, Tränen in den Augen: "Und jetzt kommt noch ein drittes Kind. Ich weiss wirklich nicht, wie das passieren konnte; wir waren schon getrennt, aber an einem Fest, der Alkohol... jetzt ist es geschehen! Letzten Juli war ich auch schwanger, aber ich habe abgetrieben."

"Wie kam es dazu?"
"Eigentlich wollte ich noch ein Kind, aber eines Tages hatte ich starke Schmerzen. Ich verlor viel Blut und ging zum Arzt. Ich sagte mir, dass ich das Baby verloren habe. Das jetzt, sagt sie und zeigt auf ihren Bauch, ist also das dritte Kind von meinem Freund…"

"Aber warst du dieses Mal schon beim Arzt? Wenn du willst, kannst du nachher im Zentrum bei einem vorbeigehen. Einverstanden?"
"Ja. Gern. Aber ich möchte vor allem mit den Drogen aufhören, ich möchte ein Zuhause haben, wo ich mit meiner Tochter und dem neuen Baby leben kann. Ich möchte nach Mexiko gehen und ein neues Leben anfangen. Nur hänge ich jetzt völlig in den Drogen drin. Ich weiss, dass ich mit dem Crack aufhören sollte, aber das ist so schwer. Ich brauche wirklich Hilfe und niemand ist da. Letzten Oktober habe ich mich so schlecht gefühlt, dass ich rückfällig geworden bin…"

"Und dein Freund, kann er dir nicht helfen?"
"Ich habe ihn verlassen. Wegen den Drogen. Er ist nicht abhängig. Er ist erst 20 und arbeitet auf dem Markt... Ich habe sogar Angst, ihm das wenige Geld, das er verdient, für Drogen wegzunehmen. Einmal hat er mir hundert Lempiras (5 Euro) gegeben und gesagt: "Kauf dir deinen Stoff, wenn du dich dann besser fühlst." Und ich habe es getan; ich habe mit seinem Geld Crack gekauft. Dann habe ich mich so vor mir geekelt, dass ich dieses Crack gar nicht rauchen konnte. Ich konnte doch das Geld meines Freunds nicht so vergeuden. Am Schluss habe ich die Steine weggeworfen..."

"Wie kommst du also an die Drogen?"
"Auf die schlimmste Art… durch Prostitution. Und dabei ist das nicht mein Leben!"

"Aber du machst es trotzdem?"
"Ja, es ist die einzige Möglichkeit für mich, an genügend Geld für Stoff zu kommen, aber auch, um die Nacht nicht auf der Strasse, sondern in einem Hotel verbringen zu können. Vorher wohnte ich bei meinem Freund. Wir hatten ein Zuhause, es war einfach, aber immerhin ein Zuhause. Jetzt habe ich wegen den Drogen alles aufgegeben."

Der Tod meiner Mutter hat mir das Rückgrat gebrochen

Nancy scheint am Ende ihrer Kräfte, nachdem sie so viel von sich erzählt hat, aber sie fährt weiter: "Und jetzt, ja, fühle ich mich am Boden. Aber ich war noch mehr am Boden, als Mama starb. Ich war erst 16."

Nancy scheint nicht zu wissen, woran ihre Mutter gestorben ist:
"Ich weiss es nicht. Es war ganz abrupt. Sie fing an, Blut zu spucken, und wir brachten sie ins Spital. Sie kam nie wieder nachhause zurück. Sie war erst 34.
Damals wohnte ich schon nicht mehr bei ihr. Ich lebte mit meinem ersten Freund zusammen, dem Vater meines ersten Kinds, und mit meinem Sohn. Oh ja, ihr Schicksal hat mir das Rückgrat gebrochen. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, auf meinen Sohn aufzupassen. Darum hat ihn mein Freund zu seinen Eltern gebracht. Ich sah keine Lösung mehr für meine Probleme. Ich habe oft daran gedacht, einfach Schluss zu machen. Ich habe sogar richtige Selbstmordversuche hinter mir. Dann fing ich an, Leim zu schnüffeln, Resistol.
Dann verliess mich mein Freund, und ich lebte auf der Strasse. Ich war lange auf Resistol. Aufgehört habe ich, als ich den Vater meiner Tochter kennen lernte. Mit ihm fühlte ich mich sofort gut."

"Und jetzt, was willst du tun? Kannst du dir vorstellen, zu ihm zurückzugehen?"
"Ja, wenn ich ihn suche und ihn frage, ob wir wieder zusammen sein wollen, stehen die Chancen, dass er Ja sagt, 80%. Er weiss, was ich jetzt mache. Er weiss alles über mich. Er weiss auch, dass ich wieder schwanger bin. Letztes Mal, als er mich auf dem Markt sah, war er guter Laune. Er sagte sogar, dass unser Sohn grösser wird, als er meinen Bauch sah. Ja, jetzt will auch ich dieses Baby haben und ich würde gern mit ihm zusammen leben, mit meiner kleinen Tochter und meinem Freund."
Nancy schweigt, ihre Tränen sind getrocknet. "Kann ich jetzt den Arzt sehen?", fragt sie.

"Gewiss!"

Seit ich meine kleine Tochter gesehen habe, fühle ich mich wieder am Leben

Einige Wochen sind seit diesem ersten Gespräch vergangen. Nancy ist jede Woche zum Psychologen gekommen und hat alle vorgesehenen medizinischen Tests für ihre Schwangerschaft absolviert. Sie scheint selbstsicherer geworden zu sein:

"Heute fühle ich mich viel besser als beim ersten Mal, als ich hierher kam. Ich spüre wieder Hoffnung. Mit dem Crack habe ich fast aufgehört und muss mich deshalb auch nicht mehr prostituieren. Ich lebe wieder mit meinem Freund zusammen. Es ist ganz klein bei uns; wir leben zu viert in einem Zimmer, mit meinem Bruder und einem Freund. Ich kümmere mich um den Haushalt, das Putzen, die Wäsche, und sie verkaufen ihre Ware auf dem Markt. Es stimmt schon, dass ich mich ziemlich müde fühle und keine Energie habe. Das ist der Crack-Entzug.

Auf jeden Fall ist es ein anderes Leben, viel ruhiger. Ausserdem hatte ich ein ganz wichtiges Erlebnis. Ich bin mit meinem Verlobten zu seinen Eltern mitgegangen und habe mein Töchterchen gesehen. Es ist alles gut gelaufen, und seine Eltern waren überhaupt nicht gemein zu mir. Ich war so froh, meine kleine Tochter wieder zu sehen; seit vier Monaten hatte ich keinen Kontakt mehr."

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