01.01.2006 - Honduras

Ich bin ständig grundlos am Weinen

Karla betritt das Büro der Psychologin. Sie ist 21 Jahre alt, sehr gross und schlank. Aus ihrem stark geschminkten Gesicht blickt tiefe Trauer.
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"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative means of expression to child...

"Ich fühle mich sehr traurig. Am liebsten würde ich immer weinen. Dabei weiss ich nicht einmal warum. Im Gesundheitszentrum haben sie gesagt, ich sei Diabetikerin. Das hat mir gerade noch gefehlt. Vor lauter Wut habe ich jemandem einen Leimtopf über den Kopf gehauen.

Ich werde nicht ins Spital gehen. Spitäler machen mir Angst. Ich war drei Wochen im Psychiatriespital Mario Mendoza, wo sie mich mit Medikamenten vollgestopft haben. Das war schrecklich. Es stimmt, ich war damals deprimiert und sah keinen Sinn mehr im Leben. Ich wäre am liebsten eingeschlafen und nie mehr aufgewacht.
Hier geben Sie mir keine Medikamente, nicht wahr?

Heute möchte ich nicht mehr weitersprechen. Ich gehe jetzt. Aber ich möchte gerne wiederkommen, einverstanden?"

Karla geht. Sie weint nicht mehr.
Wie abgemacht steht sie eine Woche später wieder vor der Türe und betritt entschlossen das Büro der Psychologin.

"Ich habe meinen Vater kaum gekannt. Er ging in die Vereinigten Staaten, als ich noch ganz klein war. Nachher wurde nie mehr von ihm gesprochen.
Zusammen mit meiner Mutter lebte ich bei meiner Grossmutter. Meine Kindheit war schön, auch wenn mir mein Vater fehlte. Dann..."

Eines Tages...

Peinlich berührt schweigt Karla einen Augenblick, bevor sie weiterspricht: "Es ging bis zu dem Tag, als mich mein Onkel mütterlicherseits... Ich war neun Jahre alt und ging zur Schule. Ich war noch so jung... Er berührte mich überall - ich verstand gar nicht, was er wollte. Dann vergewaltigte er mich. Es tat sehr weh - ich hatte schreckliche Angst. Ich verstand nicht, was passiert war. Er kam wieder... und wieder... und wieder... Ich lernte wie besessen, um nicht daran denken zu müssen. In der Schule hatte ich gute Noten. Aber wenn ich zu Hause war, verfolgte mich mein Onkel. Er lebte bei uns und ich konnte ihm nicht entkommen. Er behauptete, was wir machten, sei ‚normal'. Für mich war es aber schrecklich. Der reine Horror..."

Als ich die Vorfälle meiner Mutter erzählte, glaubte sie mir nicht. Ich hatte sogar das Gefühl, es interessiere sie gar nicht. Das hat mich sehr enttäuscht. Ich sagte nichts mehr und liess alles über mich ergehen.

Es machte mich sehr wütend, dass ich im Haushalt helfen und für alle kochen musste - auch für meinen Onkel. Ich musste ihn sogar bedienen. Er kommandierte mich herum: ‚Hol mir Salz, bring mir das!' Das war hart, zu hart für mich.

Ich war verzweifelt und sah keinen Ausweg mehr. Er vergewaltigte mich über mehr als drei Jahre. Ich war zwölfeinhalb Jahre alt und furchtbar traurig. Am liebsten wäre ich gestorben.

Eines Abends schüttete ich ihm aus lauter Hass Rattengift in die Mahlzeit. Er ass alles auf. Mitten in der Nacht wurde ihm furchtbar schlecht. Die Nachbarn brachten ihn ins Spital und er kam mit dem Leben davon.

Meine Grossmutter merkte, was geschehen war, und zeigte mich an. Ich kam vor den Jugendrichter und wurde zu einem Jahr Erziehungsanstalt verurteilt. Meine Mutter und meine Grossmutter besuchten mich kein einziges Mal.

Die Anstalt gehörte zum Frauengefängnis von Tamara. Ich befand mich also im gleichen Gefängnis wie die Erwachsenen - mit dem einzigen Unterschied, dass ich mit gleichaltrigen Mädchen zusammen war. Wenigstens hatte ich von meinem Onkel nichts mehr zu befürchten. Ich konnte wieder zur Schule gehen und fand rasch einige Freundinnen. Eine erhielt regelmässig Besuch von ihrem Bruder. Ich verliebte mich in ihn.

Als ich aus dem Gefängnis kam, war ich vierzehn Jahre alt. Ich wohnte bei meinem Freund. Er war vier Jahre älter als ich und hatte etwas Arbeit. Wir lebten sehr bescheiden. Ich ging wieder zur Schule und hatte gute Noten. Mein Traum war, Medizin zu studieren und als Ärztin zu arbeiten. Daran glaubte ich.

Zwei Jahre später wurde mein Freund umgebracht. Jemand schoss ihm bei einem Streit in den Kopf. Er starb, einfach so...

Ich lebte auf der Strasse

Ich konnte nicht mehr aufstehen und nicht mehr weinen. Ich hatte keine Gefühle mehr. Sie brachten mich ins Psychiatriespital, von wo ich nach drei Wochen abhaute.

Ich lebte auf der Strasse und begann, Leim zu schnüffeln. Resistol. Ich war mit anderen Strassenkindern zusammen und schlief unter Kartons auf dem Trottoir. Manchmal durfte ich bei jemandem übernachten oder ich schaffte es auf diese oder jene Weise, zu etwas Geld zu kommen. Ich verkaufte Wasser in Plastiksäcken.
Ein recht gewalttätiger Junge wurde mein "Verlobter". Man nannte ihn "Käsehand". Wegen meinen weissen Flecken auf der Haut war ich die "Dalmatinerin". Da mein Freund von allen respektiert wurde, liess man mich in Ruhe.

Mit siebzehn Jahren bekam ich von ihm ein Baby. Meine Mutter kümmert sich um das Kind. Es ist nun vier Jahre alt und ich sehe es von Zeit zu Zeit. Zu "Käsehand" habe ich keinen Kontakt mehr - er hat mich verlassen und lebt nun mit einer anderen Freundin zusammen.

Von meinem Wasserverkauf legte ich so viel Geld wie möglich auf die Seite. Nach einigen Jahren konnte ich mir Holz kaufen und eine kleine Hütte bauen. Das war in La Bolsa nahe am Fluss. Dort will niemand wohnen, weil das Überschwemmungsrisiko gross ist. Nur arme Leute wie ich leben dort in Hütten aus Holz und Karton.

Um vor Regen und Kälte sicher zu sein, verkleidete ich die Wände meiner Hütte mit alten Zeitungen. Ich musste nicht mehr auf der Strasse schlafen. Das war ein kleiner Trost. Dann brachen heftige Streitereien aus und ich machte mich auf und davon.

Nun lebe ich wieder auf der Strasse - diesmal in der Nähe des Flughafens.

Ich möchte wirklich vom Leim loskommen, aber ich schaffe es einfach nicht. Ich werde immer wieder rückfällig. Mit den Lösungsmitteln vergisst man all seine Probleme. Das ist aber genau das Problem...

Wenn ich alleine bin, denke ich oft an früher zurück und erinnere mich an alles, was ich erlebt habe. Alle schlimmen Erinnerungen steigen in mir hoch. Dann werde ich traurig, sehr traurig sogar. Ich möchte nicht mehr leben, sondern einschlafen und nicht mehr aufwachen.

Wenn ich auf dem Markt per Zufall meinem Onkel begegne, werde ich wütend. Er hat vielleicht vergessen, was er mir angetan hat. Ich nicht - ich kann es einfach nicht vergessen. Er lebt in einer Wohnung, hat eine Arbeit und hat sich nie dafür entschuldigt, was er mir alles angetan hat.
Ich lebe auf der Strasse und arbeite den ganzen Tag, um überleben zu können. Ich achte stets darauf, sauber zu sein, und wasche mich an einem kaputten Rohr, aus dem etwas Wasser fliesst. Es läuft in den Schlamm neben dem Fluss. Ich möchte gut aussehen. Das hilft mir, mich besser zu fühlen.

Es hilft mir auch ein wenig, dir hier meine Geschichte erzählen zu können. Es tut mir gut, dass jemand zuhört.

Die Zukunft... ich weiss nicht. Ich kenne einen Wächter, der ein Haus bewacht und mit dem ich oft spreche. Er macht mir Komplimente. Aber ich bin noch nicht so weit...

P.S. Um die Jugendlichen in diesem Bericht zu schützen, wurden alle Namen geändert.

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