01.10.2005 - Honduras

Die Geschichte von Kenia und Alfredo

Der Psychiater Alessandro und die Erzieherin Charlotte führen das MSF-Tageszentrum in Tegucigalpa als Anlaufstelle für Strassenkinder. Sie erleben oft dramatische Situationen, für die es manchmal keine wirkliche Lösung gibt. Diese Situationen können das Team stark belasten. Andererseits gibt es auch Momente voller Optimismus, die dieser Arbeit ihren Sinn geben und das ganze Pflegeteam motivieren.

Kenia, 16 Jahre, Strassenkind, ist im siebten Monat schwanger. Wie immer kommt sie provozierend gekleidet ins Zentrum, mit grossem Ausschnitt und einem für ihren dicken Bauch zu engen Kleid. An den Füssen trägt sie abgewetzte Sandalen.

Heute spricht sie zum ersten Mal länger mit der Erzieherin. Die beiden sitzen auf dem Treppenabsatz und Kenia macht einen traurigen Eindruck: Sie scheint weniger selbstsicher zu sein als sonst. Es geht um ihren Freund, Alfredo:

«Er schlägt mich die ganze Zeit, immer wieder, es ist ihm wohl egal, dass ich schwanger bin. Er sagt, es ist normal, Frauen zu schlagen, denn alle Frauen sind Schlampen wie seine Mutter, die ihn verlassen hat, als er klein war. Er schlägt mich wegen jeder Kleinigkeit. Ich kann nicht mehr.»

Mit gesenktem Kopf murmelt Kenia: «Komm näher. Wenn du willst, sage ich dir, warum ich meine Familie verlassen habe und auf der Strasse gelandet bin: Als ich elf war, hat mich mein Stiefvater vergewaltigt. Mit elf ist man noch sehr klein. Mein richtiger Vater hatte meine Mutter mit fünf Kindern allein gelassen. Dann tat sich meine Mutter, Carolina, mit diesem neuen Mann zusammen. Als sie im Spital war, nutzte er die Situation aus und missbrauchte mich. Das ging auch danach weiter. Ich konnte nicht mehr und habe ihn angezeigt. Er wurde verurteilt und verbrachte ein Jahr im Gefängnis.

Bei seiner Freilassung kam er nachhause zurück. Ich verstand nicht, warum er zu uns kam. Und doch nahm meine Mutter ihn auf, nur ich habe ihn nicht akzeptiert. Damals schien mir die Strasse der einzige Ausweg. Ich konnte nicht mehr mit ihm zusammen unter einem Dach leben. Jetzt fürchte ich um meine Schwester, die elf ist. Sie fängt an, sich zu entwickeln, weisst du, die Brüste und alles. Ich habe Angst, dass es er mit ihr dasselbe macht wie mit mir.»

Wenn sie über ihr Leben auf der Strasse redet, klingen ihre Aussagen manchmal widersprüchlich: «Ich mag das Leben auf der Strasse, die Freundinnen, wir haben viel Spass zusammen. Und doch, wenn du eine neue Freundin wärst und auf die Strasse kommen wolltest, würde ich dir sagen, geh nachhause zurück, zu deiner Familie, mach alles, damit du in deinem Haus bleiben kannst, weil auf der Strasse gibt es viele Gefahren, viel Gewalt, Gewalt einfach so, wegen nichts...»

Am nächsten Morgen kommt ihr Freund Alfredo ins Zentrum. Er ist am Kopf verletzt und Blut rinnt seinen Hals hinunter. Nachdem der Arzt die Wunde genäht hat, unterhält sich Alfredo mit dem Psychologen.

«Meine Verlobte Kenia hat mit dem Messer auf mich eingestochen, nicht nur hier auf dem Kopf, sondern auch hier, auf der Brust, und schau, sie hat mich an der Hand verletzt, als ich ihr das Messer wegnehmen wollte. Das war gestern Abend, auf der Strasse. Gut, einverstanden, wir haben gestritten, ich habe sie geschlagen, ich war betrunken, sogar sehr betrunken, aber davor hat sie mir gemeine Sachen gesagt, dass das Kind, das sie erwartet, nicht von mir ist. Da wurde ich wütend und habe sie geschlagen. Sie hatte plötzlich dieses Messer in der Hand und wollte mich niederstechen. Letztendlich konnte ich es ihr entreissen, aber das Blut tropfte nur so an mir herunter. Ich musste sogar mein Hemd wegwerfen.»

Alfredo möchte heute noch mehr erzählen: «Ich habe vor ihr schon andere Frauen gehabt, ich bin schon zwanzig. Aber Kenia ist besonders, ich liebe sie wirklich. Die anderen Frauen... Es gab eine davor, Karen, die schwanger wurde, aber sie hat abgetrieben und ich war dabei. Auch Kenia war schon schwanger, von anderen Männern, zwei Mal schon. Sie nahm starke Medikamente um abzutreiben, und es funktionierte. Dieses Mal ist es anders, dieses Kind ist von mir und ich will es haben. Sie auch... Wenn sie nur den Leim lassen könnte. Sie "snifft" den ganzen Tag und ich mag es nicht, wenn sie Drogen nimmt. Davor habe ich das auch gemacht, aber ich habe damit aufgehört. Nur manchmal...»

Dann erzählt Alfredo dem Psychologen, wie er auf der Strasse gelandet ist: «Ich lebe schon lange auf der Strasse. Meine Mutter hat mich ausgesetzt, als ich eineinhalb war; sie ging in die USA. Als ich zwölf war, verschaffte mir eine sehr nette Frau, die in der Notunterkunft Casa Alianza arbeitete, alle nötigen Papiere für eine Einreise in die USA. Ich traf meine Mutter mit einem Halbbruder, der jünger ist als ich. Aber sie nahm mich nicht mit. Sie ging weg, mit meinem kleinen Bruder und ohne mich.»

Etwas später kommt Kenia im Zentrum an, auch sie an Hand und Kopf verletzt. Sie kann nicht mehr:

«Ich will diese Beziehung mit ihm nicht mehr weiterführen, es ist aus. Ich ertrage es nicht mehr, die ganze Zeit geschlagen zu werden. Ich will ihn nicht mehr sehen, es ist Schluss.» Sie zeigt auf ihren Bauch. «Dieses Kind braucht keine Schläge, es darf nicht geschlagen werden. Ich war so froh, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin. Aber jetzt... Warum sollten wir ein Kind zusammen haben, wenn er mich wie den letzten Dreck behandelt? Er sagt, dass er mich nicht auf den Bauch schlägt, und das stimmt vielleicht. Aber er schlägt mich sonst überallhin.»

Kenia ist ganz durcheinander: «Es stimmt vielleicht, dass ich noch etwas empfinde für Alfredo. Ich kann ihn nicht einfach von heute auf morgen vergessen. Kannst du Alfredo sagen, er soll mir einen Saft bringen, damit wir wieder miteinander reden? Du findest, das ist keine gute Idee? Ja, vielleicht hast du recht. Er hasst alle Frauen, es ist schwierig mit ihm. Zu schwierig...» Kenias Blick verliert sich im Unendlichen, hinter den Mauern des Zentrums.

Schliesslich kommt auch noch Carolina, Kenias Mutter. Sie will mit dem Psychologen sprechen. Ihre jüngste, acht Jahre alte Tochter Marjorie ist bei ihr.

Sie spricht ganz leise, ihre Stimme ist voll Bitterkeit und Trauer: «Mit meinen Kindern habe ich viele Probleme. Ich habe vier weitere, die noch bei mir leben. Es ist zu viel für mich, das schaffe ich nicht. Schauen sie sich zum Beispiel Marjorie an: Der dritte und vierte Finger ihrer rechten Hand sind seit der Geburt zusammengewachsen. Das müsste operiert werden. Aber ich habe kein Geld. Im Spital muss man zahlen und das kann ich nicht. Um ein wenig Geld zu verdienen, arbeite ich als Wäscherin. Aber mit vier Kindern plus Miete, Wasser, Elektrizität... Und Marjorie geht es schlecht in der Schule; sie kommt nicht nach...»

Carolina möchte auch von Kenia erzählen. Es ist spürbar, wie sie das aufwühlt. «Meine älteste Tochter Kenia war gut in der Schule. Sie ist sehr intelligent. Trotzdem musste ich sie von der Schule wegnehmen, damit sie mir bei der Arbeit hilft... Mit Kindern, die keinen Vater haben... Der erste Vater, der von Kenia, ging weg, als ich mit meinem fünften Kind schwanger war, und ich habe nie mehr etwas von ihm gehört.»

Damit Kenia, ihre Mutter Carolina und ihr Freund Alfredo sich ihre Geschichten von der Seele reden können, müssen zuerst Barrieren des Leids überwunden werden, denn sie leben unter sehr schwierigen Umständen, in der täglichen Not des Strassenlebens, oft unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Die Arbeit des therapeutischen Teams besteht darin, ihr Leid zu kanalisieren. Es soll das Gespräch nicht hemmen, sondern zeigen, wie man es anders machen könnte.

 

P.S. Zum Schutz der Jugendlichen wurden alle Namen geändert.

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