04.09.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Danke, Mama Africa!

Seit dem Beginn der Regenzeit explodiert die Vegetation hier richtiggehend. Jeden Tag scheint das Gras einen Kopf höher zu sein und Mutter Natur zeigt sich von ihrer farbigsten Seite. Mein Lieblingsbaum trägt zurzeit knallrosa Blüten und beherbergt unter anderem zitronengelbe Vögel.
Dingila, DR Kongo, 12.02.2012
Die Arbeit im Spital ist anspruchsvoll. Schlangenbisse, akute Malaria und die Schlafkrankheit gehörten bis anhin nicht zu meinen Spezialgebieten.
Wo ist das?
DR Kongo
Dieser Inhalt ist...
Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Ich lausche dem Rascheln der Blätter und beobachte die Tierwelt um mich herum. Ein rosa Ferkel – kaum grösser als ein Sparschwein – wühlt sich Schnauze voran durch den Schlamm. Eine ockerblaue Eidechse huscht von Stein zu Stein. Ihr Kopf ist grasgrün, der Schwanz rotorange. Eine Schönheit unter den Reptilien, die nicht nur mir, sondern auch anderen Echsen Eindruck macht. Sie suchen das Weite, wenn sie sich nähert.

Ich verbringe die letzte Woche vor meinen Ferien in Ango, einem kleinen Ort nördlich von Dingila, wo wir ebenfalls die Schlafkrankheit behandeln. Im Spital herrscht reges Treiben. Unser Laborteam ist soeben von einem Aussenquartier zurückgekehrt und hat sieben neue Patienten mitgebracht. Vier von ihnen befinden sich im zweiten Stadium, ihnen wird ein Bett zugeteilt. Die restlichen drei befinden sich im ersten Stadium, sie werden in einem grossen Zelt neben dem Spital ambulant behandelt. Jeden Morgen kommen sie für die intramuskuläre Injektion vorbei und gehen nach einer einstündigen Überwachung wieder nach Hause. Wenn sie von weit her kommen, werden sie während der einwöchigen Therapie von Gastfamilien beherbergt – umsonst. Solidarität wird im Kongo gross geschrieben. Das passt. Auch MSF beruht auf dem Prinzip der Solidarität. Wenn ich daran denke, dass unsere Projekte durch Spendengelder finanziert werden, kriege ich Hühnerhaut. Seit meiner Ankunft haben wir Tausende Personen auf die Schlafkrankheit getestet. Hunderte wurden behandelt und somit vor dem Tod bewahrt. Doch die Arbeit ist noch lange nicht getan. Mittels Erkundungstouren werden bereits die nächsten Einsatzorte geplant.

Ango ist noch ein bisschen isolierter, noch ein bisschen anstrengender und die Lebensbedingungen noch ein bisschen einfacher als in Dingila. Auf dem Markt gibt es nebst Reis und getrocknetem Fleisch nicht viel Essbares. Nachts bringen mich die Fledermäuse im Dachgeschoss um den Schlaf. Das Wasser in unseren Kanistern ist erdfarben. Ich stürze mich ins Duschvergnügen – ein gutes Peeling hat schliesslich noch keinem geschadet. Abends lassen wir den Tag bei einem feinen Gläschen Zitronenliquer ausklingen. Eine Spezialität aus dem Kloster nebenan – ein echter Geheimtipp!

Nach drei Monaten Einsatz merke ich, wie meine Kraftreserven allmählich nachlassen. Wo ich denn meine Ferien verbringe, fragt mich ein kongolesischer Krankenpfleger. Auf Sansibar, antworte ich. „Ah, auf der Sklaveninsel,“ erwidert er. Was für unsereins als Ferienparadies gilt, ist in der afrikanischen Geschichte ein trauriges Kapitel. Von hier aus wurden früher Sklaven gehandelt und verschifft. Ich freue mich aufs Meer. Wenn ich hier etwas vermisse, so ist es das Wasser.

Heute schreibe ich meinen letzten Blog. Freizeit ist auf einem Einsatz ein kostbares Gut. Ich möchte sie nutzen, um Musik zu machen, Lingala zu lernen und noch mehr über die kongolesische Kultur zu erfahren. Es war mir eine Freude, meine Erfahrung in Sätze zu verpacken. Hinter den Worten ruht eine tiefe Dankbarkeit. Danke fürs Mitlesen und Mitfiebern in der Schweiz, danke für die moralische wie auch finanzielle Unterstützung unserer Projekte. Und danke Dingila, dass du mich mit offenen Armen empfangen hast.

Publizieren
Newsletter
Newsletter abonnieren
Immer informiert bleiben

abonnieren