19.08.2011 - Äthiopien

Äthiopien: „Der Zustand der eintreffenden somalischen Flüchtlinge ist schockierend“

Alice Gude ist als MSF-Pflegefachfrau im Lager Liben in Äthiopien im Einsatz, wo die somalischen Flüchtlinge auf der Flucht vor Dürre und Gewalt zu Tausenden eintreffen. In einem ergreifenden Bericht erzählt sie von ihren Erfahrungen.
Äthiopien, 27.07.2011
Jeden Tag kommen bis zu 1’000 neue Flüchtlinge über die Grenze aus Somalia zu uns.
Wo ist das?
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Der Autor / Die Autorin
Alice Gude

Ich schreibe euch aus der sehr staubigen Somali-Region in Äthiopien. Die Situation hier ist schwierig: Dass eine akute Notsituation herrscht, war seit März offensichtlich, aber sie hat nun Ausmasse angenommen, die ich mir niemals hätte vorstellen können.

Jeden Tag kommen bis zu 1’000 neue Flüchtlinge über die Grenze aus Somalia zu uns. Die beiden Lager sind mittlerweile mit doppelt so vielen Flüchtlingen (jeweils 40’000 Personen) belegt, als bei der Errichtung vorgesehen war. Ein drittes Lager mit einer Kapazität von 24’000 Personen war innerhalb von drei Wochen voll. Mittlerweile leben mehr als 104’000 Flüchtlinge in den Lagern, 14’000 weitere an der Grenze. Wir behandeln 9’500 Kinder in unserem Ernährungsprogramm und 200 stationär in zwei Ernährungszentren. Insgesamt sind 120 Pflegefachpersonen, 40 internationale Mitarbeiter und unzählige lokale Mitarbeiter im Einsatz.

Zwischen Freude und Verzweiflung

Die Lage der Flüchtlinge ist ernst. Es ist die schlimmste Dürre seit vielen Jahren in Somalia. Viele Menschen sterben. Ihre Ernten sind bereits mehrmals ausgefallen und die Vorräte gehen aus. Die Flüchtlinge kommen aus vielen verschiedenen Regionen, sie laufen 12, manchmal 16 Tage, um die Grenze zu erreichen, mit einem Minimum an Nahrung und Wasser. Zeitweise war der Zustrom so gross, dass die Grenzposten bei der Registrierung der Menschen völlig überfordert waren. Wasser war knapp, Nahrung oder Unterkünfte erst gar nicht vorhanden.

Von der Grenze werden die Flüchtlinge in Transitzentren gebracht, in denen die Lebensbedingungen ebenfalls schlecht sind. Schliesslich gelangen sie in die Flüchtlingslager, die immer noch nicht für die volle Auslastung bereit sind. Die ganze Reise dauert an die sechs Wochen, was ausreicht, um auch die hartgesottensten Somalier an den Abgrund zu bringen, ganz zu schweigen von den Kindern. Viele Familien erzählen von Kindern und Erwachsenen, die irgendwann auf dem Weg in die Flüchtlingslager gestorben sind.

Der Zustand der Neuankömmlinge ist schockierend: Man gewöhnt sich daran, abgemagerte Kinder zu sehen. Aber wenn sie Gesichter haben wie ein Greis, typisch beim Marasmus, einer Folge massiver Mangelernährung; wenn man den Po sieht, der an Elefantenhaut erinnert, mit nichts als Falten, dann ist das kaum auszuhalten. Es bricht mir das Herz.

20 Prozent von ihnen würden in Europa sofort auf die Intensivstation gebracht. Wir würden sie mit Maschinen am Leben erhalten, um ihnen eine Chance zu geben. Hier schaffen es viele dieser Kinder nicht, aber manche überraschen uns und erholen sich trotz allem. Ein Kind zu sehen, das nur noch Haut und Knochen war und nun wieder lacht und selbst essen kann, das ist unglaublich. Es ist auch sehr besonders, die Reaktionen der Mütter zu sehen: von vollkommener Verzweiflung, die oft wie Gleichgültigkeit wirkt, bis hin zur Freude und Liebe, die sie zeigen, wenn ihnen klar wird, dass das Kind überleben wird.

Die Mehrheit der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Wenn Frauen ablehnen, stationär in unsere Einrichtung aufgenommen zu werden, da sie vier weitere Kinder zuhause haben, so ist das verständlich. Wenn wir sie fragen, warum sie die Erdnusspaste teilen, die wir für mangelernährte Kinder ausgeben, und sie antworten, dass sie vier weitere Kinder haben, die nichts zu essen haben, dann ist es schwierig, darauf etwas zu erwidern.

„Manchmal erschrecken mich meine Gedanken“

Manchmal habe ich die Nase voll von der Wasserknappheit, den roten Spaghetti jeden Abend und davon, sieben Tage die Woche zu arbeiten. Doch dann schäme ich mich dafür, weil es so viel besser ist, als ein Leben mit Weizen und Staub, ohne Wasser und ohne Unterkunft.

Es wäre dumm, diese Email zu beenden, ohne euch zu empfehlen, für MSF zu spenden, falls ihr den Wunsch habt, die somalische Bevölkerung zu unterstützen. Ich bin sehr stolz darauf, was das Notfallteam von MSF hier in dieser desolaten Situation leistet.

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