msf.navigation.breadcrumb_title
- Startseite
- Pressemitteilung
- msf.navigation.breadcrumb_current_page:Westjordanland: Das palästinen...
Westjordanland: Das palästinensische Gebiet wird immer kleiner und niemand schaut hin
Palästinensische Autonomiegebiete 6 Min.
Das Militär kommt oft in der Nacht. Die Soldaten schwärmen in der Nachbarschaft aus, dringen in unsere Häuser ein, zerstören unser Eigentum und führen Massenverhaftungen durch. Unsere Häuser werden beschlagnahmt und niedergerissen. Die Angriffe der Siedler:innen werden immer brutaler. Die meisten sind bewaffnet und schiessen, um zu töten.
Sari leidet an Diabetes und war deswegen bis Januar in Behandlung bei Ärzte ohne Grenzen. Doch angesichts der zunehmenden Gewalt und Bewegungseinschränkungen können Dutzende hilfsbedürftige Menschen in dieser Region von unseren Teams nicht mehr erreicht werden.
Wenn die Sirenen losgehen, versammeln wir uns alle im Gang, weg von den Fenstern. In der Ferne hört man Explosionen über die Hügel hallen, wenn die Raketenabwehrsysteme Projektile abfangen.
Im Gegensatz zu israelischen Dörfern und Städten, wo es überall Schutzbunker und Warnsysteme gibt, haben die meisten Palästinenser:innen im Westjordanland keinen Zugang zu Schutzunterkünften. Wenn Trümmer herunterfallen, bleibt den Familien nichts anderes übrig, als im Haus zu bleiben und das Beste zu hoffen.
Israels Armee hat die Militäroperationen im gesamten Westjordanland intensiviert. Unterdessen bleiben die meisten Checkpoints geschlossen. Gewöhnliche Alltagsaktivitäten werden für die Menschen noch zeitaufwändiger, wenn nicht sogar unmöglich und bergen ein ständiges Risiko, bei unprovozierten israelischen Angriffen verletzt oder sogar getötet zu werden.
«Wir haben das Gefühl, dass der Raum, in dem wir leben, uns bewegen und unser Leben gestalten können, immer enger wird – und die Welt schaut weg», sagt Yasmin Mohammad.
Die Gewalt durch israelische Siedler:innen stieg in vielen Gebieten in Westjordanland an. Ansässige berichten, dass Siedler:innen offen Waffen tragen, während sie in palästinensische Dörfer eindringen, auf Ackerland vordringen oder Palästinenser:innen in ihren Autos angreifen.
Ein Alltag geprägt von Gewalt und Angst
Vom 7. Oktober 2023 bis zum 7. März 2026 wurden gemäss dem UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte im besetzten Westjordanland und in Jerusalem insgesamt 1 071 Palästinenser:innen getötet, darunter 233 Kinder. Elf allein dieses Jahr. «Das ist schlicht schockierend und äusserst beunruhigend», sagt Salam Yousef, eine Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen im Westjordanland.
Sie attackieren und töten Menschen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wir haben das Gefühl, dass es für uns keine Gerechtigkeit gibt, dass unser Leben nichts zählt. Letzte Woche erschossen sie [israelische Streitkräfte] eine sechsköpfige Familie, die im Auto auf dem Heimweg war. Nur zwei Söhne überlebten – sie sind nun Waisen. Ihre Familie wurde vor ihren Augen getötet, ihre beiden Brüder waren erst sieben und fünf Jahre alt.
Die vielschichtige Gewalt durchdringt den Alltag der Palästinenser:innen, das Gefühl einer existentiellen Bedrohung ist allgegenwärtig. «Es handelt sich hier nicht um eine Reihe von Einzelfällen, vielmehr ist es ein langsamer, aber fundamentaler Wandel, bei dem die israelischen Streitkräfte und die Siedler:innen Schritt für Schritt die Kontrolle über das Gebiet übernehmen», betont Yousef. «Das ist beängstigend, denn wir haben darüber keinerlei Kontrolle, und die Welt scheint es nicht zu kümmern, was mit uns geschieht.»
Sie fügt hinzu: «Wenn die Öffentlichkeit weiterhin wegschaut, wird das palästinensische Gebiet Stück für Stück verschwinden – Checkpoint für Checkpoint, Strasse für Strasse, Haus für Haus –, bis aus einem schleichenden Wandel schliesslich ein Dauerzustand wird.»
Unser Leben und unsere Träume sind auf Eis gelegt.
Die psychologischen Auswirkungen eines solchen Umfelds sind immens. Das Problem ist nicht nur die körperliche Gewalt durch die Siedler:innen oder das, was an den Checkpoints geschieht. In den Sitzungen sprechen die Menschen oft von der Erniedrigung, die sie täglich erfahren, und der konstanten Ungewissheit. Dadurch werden sie übermässig wachsam, können nicht schlafen und befürchten ständig, dass etwas Schlimmes passiert.
In dieser Zeit, in der steigende Gewalt, Unsicherheit und Einschränkungen das tägliche Leben der Menschen im Westjordanland erschweren, wäre es umso wichtiger, dass die Menschen ungehinderten Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Doch leider ist das Gegenteil der Fall.
In bestimmten Regionen, wie etwa in Masafer Yatta südlich von Hebron, wird NGOs die Bereitstellung lebenswichtiger humanitärer Hilfe verwehrt, da weite Teile des Gebiets als Militärzone gelten und die Bewegungsfreiheit durch die israelischen Streitkräfte stark eingeschränkt ist. In der Folge waren wir gezwungen, einen Grossteil unserer mobilen Kliniken zu schliessen. Seit September 2025 ging die Zahl der Kliniken von 17 auf fünf zurück, sodass unsere Patient:innen selbst diese medizinische Anlaufstelle verlieren. «Wir fühlen uns im Stich gelassen und vergessen. Niemand kommt noch zu uns. Wenn wir krank werden, bleibt uns nichts anderes übrig, als kilometerweit zu laufen. Manchmal bleiben wir einfach zu Hause und ertragen die Schmerzen», sagt eine ansässige Person aus Masafer Yatta.
Steigende Bedürfnisse erfordern mehr Hilfe, nicht weniger
Die neuen von Israel verhängten Einschränkungen dürften die bereits unzureichende humanitäre Hilfe noch einmal drastisch reduzieren. Ärzte ohne Grenzen gehört zu den 37 NGOs, denen am 1. März 2026 die Zulassung für die Tätigkeit vor Ort durch die israelischen Behörden entzogen wurde. Das gesamte internationale Personal musste das palästinensische Gebiet verlassen. Unsere einheimischen Kolleg:innen bieten weiterhin medizinische Versorgung an, doch die Zukunft unserer Projekte im Westjordanland und im Gazastreifen ist ungewiss. Sicherheitsbedenken und neue, seit dem 1. März eingeführte administrative Hürden sorgten auch in Nablus, Dschenin und Tulkarem dafür, dass wir unsere Aktivitäten stark reduzieren mussten.
«Der Gedanke, dass es die Angebote von Ärzte ohne Grenzen nicht mehr geben könnte, macht mir Angst und raubt mir jede Hoffnung», so eine der Personen, die von uns psychologisch behandelt wird.
Unsere psychologischen Fachkräfte bieten nun Online-Sprechstunden an, doch diese geben den Menschen nicht das Gleiche wie persönliche Sitzungen vor Ort. Besonders an die Grenze stösst die Online-Unterstützung bei Überlebenden von sexualisierter Gewalt, einkommensschwachen Familien, die mit technologischen Hindernissen zu kämpfen haben, oder Patient:innen mit chronischen psychiatrischen Erkrankungen wie Psychosen.
Zugang zu Gesundheitsversorgung ist ein Grundbedürfnis und ein Eckpfeiler der menschlichen Resilienz. Wenn das Gesundheitssystem zerfällt, geht auch die Prävention zurück, verschlimmern sich chronische Krankheiten und die Bevölkerung wird allgemein anfälliger. Angesichts der katastrophalen Lage in den besetzten palästinensischen Gebieten ist Ärzte ohne Grenzen deshalb entschlossen, so lange wie möglich medizinische Versorgung zu leisten.
Was sich derzeit im Westjordanland abspielt, ist weder unvermeidbar noch bleibt es der Öffentlichkeit verborgen. Das humanitäre Völkerrecht ist eindeutig: Als Besatzungsmacht ist Israel rechtlich verpflichtet, den Schutz der Zivilbevölkerung zu gewährleisten und den Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland sind gefährlich und schlicht unmenschlich. «Alles, was wir uns wünschen, ist ein Leben in Sicherheit. Wir wollen unsere Kinder ohne Angst aufziehen und mit Würde behandelt werden», sagt Salam Yousef abschliessend.