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Ukraine: Bericht von Ärzte ohne Grenzen zeigt vorsätzliche Zerstörung des Gesundheitssystems
Ukraine 3 Min.
Zwischen April 2022 und Dezember 2025 registrierte Ärzte ohne Grenzen mehr als 20 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, die die Organisation betrieben oder unterstützt hat. Vier Spitäler, in denen Ärzte ohne Grenzen tätig war, wurden vollständig zerstört und sieben Rettungswachen mussten zurückgelassen werden.
Diese Angriffe sind zu systematisch, zu häufig und zu präzise, um zufällig zu sein. Wenn Spitäler wiederholt getroffen werden, wenn Rettungswagen gezielt mit Präzisionsdrohnen angegriffen werden und wenn medizinisches Personal auf dem Weg zur Auslieferung von Medikamenten in deutlich gekennzeichneten Fahrzeugen getötet wird – dann ist das kein Zufall, dann ist das ein Muster. Und hinter Mustern steckt eine Absicht.
Die Organisation hat darüber hinaus den Zugang zu mehr als 80 Dörfern verloren, in denen mobile Teams eine medizinische Grundversorgung angeboten hatten. Die Beobachtungen decken sich mit denen anderer Organisationen. So hat die Weltgesundheitsorganisation in einem ähnlichen Zeitraum (Februar 2022 bis Ende 2025) insgesamt 2’811 Angriffe auf die medizinische Versorgung in der Ukraine dokumentiert.
Die Angriffe auf die medizinische Infrastruktur und die lähmende Angst vieler Menschen vor Angriffen haben zu einer deutlichen Verschlechterung beim Zugang zur Gesundheitsversorgung geführt. Besonders herausfordernd ist die Situation für Menschen in Frontnähe.
Viele der verbliebenen medizinischen Einrichtungen sind dramatisch unterbesetzt. In einem von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Spital in Cherson ist die Zahl der Ärzt:innen seit 2022 etwa um 66 Prozent gesunken.
Verletzungen nach Drohnenangriffen nehmen zu
Teams von Ärzte ohne Grenzen im Osten und Süden der Ukraine arbeiten ausserdem unter der ständigen Bedrohung durch Angriffe von sogenannten «First-Person-View»-Drohnen (FPV-Drohnen), die es Soldaten ermöglichen, Ziele in Echtzeit präzise zu identifizieren und anzugreifen. Am 29. September 2025 wurden eine Krankenpflegerin und der Leiter eines von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Gesundheitszentrums, die in einem deutlich gekennzeichneten Fahrzeug in Lyman in der Region Donezk Medikamente auslieferten, von einer russischen FPV-Drohne attackiert. Der Leiter des Gesundheitszentrums verlor bei dem Angriff ein Bein.
Nach dem humanitären Völkerrecht kann der gezielte Angriff auf deutlich gekennzeichnetes medizinisches Personal oder Fahrzeuge ein Kriegsverbrechen darstellen.
In einem Zentrum für Frührehabilitation von Ärzte ohne Grenzen in Tscherkassy, das nahe der Frontlinie liegt, ist der Anteil der Verletzungen durch Drohnenangriffe zuletzt deutlich gestiegen. Betroffene erleiden dabei oft mehrere Verletzungen gleichzeitig. Dadurch steigt das Risiko einer Infektion oder gar Sepsis.
Ein Chirurg von Ärzte ohne Grenzen beschreibt einen Patienten, der mit einem amputierten rechten Bein, einem offenen Bruch am linken Bein, einer offenen Fraktur am rechten Arm, Granatsplittern im linken Arm sowie mehreren Wunden an Brust, Bauch und Kopf eingeliefert wurde. Fünf Chirurgen operierten etwa sechs Stunden lang gleichzeitig. Derselbe Chirurg merkte an: «Der erste Kampf gilt der Blutung. Wenn der Patient das überlebt, ist der zweite Kampf der gegen die Infektion. Und viele verlieren diesen zweiten Kampf.»
Mobile Klinik in der Region Cherson
Angriffe auf medizinisches Personal müssen aufhören
In diesem Jahr jährt sich zum zehnten Mal die Verabschiedung der Resolution 2286 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, in der der Schutz von medizinischem Personal, Patient:innen sowie der medizinischen Infrastruktur in bewaffneten Konflikten unmissverständlich bekräftigt wird.
Ärzte ohne Grenzen fordert alle Parteien auf, ihren Verpflichtungen gemäss dem humanitären Völkerrecht nachzukommen. Staaten, die Einfluss auf Russland haben, müssen diesen nutzen und auf ein Ende der Angriffe auf medizinische Einrichtungen hinwirken.
Mitarbeiter des Nationalen Rettungsdienstes der Ukraine und medizinisches Personal bergen am 16. Februar 2024 vor dem Hintergrund der russischen Invasion in der Ukraine medizinisches Material aus einer Entbindungsstation in der Stadt Selydove in der Region Donezk, die durch einen russischen Raketenangriff zerstört wurde.