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Sudan: Immer mehr Hilfsorganisationen ziehen sich aus Um Rakuba zurück
Sudan 5 Min.
Im Geflüchtetencamp Um Rakuba im Osten des Sudans ist die Krise noch keine Katastrophe, aber Warnzeichen gibt es schon viele.
Seit Ausbruch des Konflikts in der äthiopischen Region Tigray im Jahr 2020 hat das Camp äthiopische Geflüchtete aufgenommen. Mittlerweile leben rund 17 000 dort, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.
Wer das Spital im Camp betritt, hört vor allem eines: das Weinen von Neugeborenen. Sie kommen hier zur Welt oder werden wegen Malaria, Mangelernährung oder anderer medizinischer Notfälle behandelt.
Wir waren von Anfang an vor Ort und haben das Spital mit medizinischer Nothilfe unterstützt. Mit dem Ausbruch des Krieges im Sudan im Jahr 2023 wurde das Spital jedoch weit mehr als eine Gesundheitseinrichtung für Geflüchtete. Rund 80 Prozent der Konsultationen entfallen heute auf Patient:innen aus den umliegenden sudanesischen Gemeinden, wo etwa 100 000 Menschen leben.
In unserer Region wurden drei oder vier Spitäler geschlossen. Wir wissen nicht, wohin wir sonst gehen sollen. Sowohl die Menschen im Sudan als auch die Geflüchteten brauchen mehr Unterstützung.
Immer weniger Hilfsorganisationen vor Ort – das hat Folgen
2021 arbeiteten rund 35 nationale und internationale Hilfsorganisationen in und um das Geflüchtetencamp Um Rakuba. Heute sind weniger als zehn geblieben.
Viele dieser Organisationen waren stark auf die Finanzierung durch das UNHCR angewiesen. Doch mit den sinkenden Mitteln für die humanitäre Hilfe wurden auch ihre Programme zurückgefahren.
Die Auswirkungen reichen weit über die Gesundheitsversorgung hinaus: Gemeindevorsteher:innen berichten uns regelmässig, dass sich der Zugang zu medizinischer Grundversorgung, zu Schutzangeboten für Geflüchtete (insbesondere Frauen, Kinder und unbegleitete Minderjährige) sowie zu Wasser- und Sanitärversorgung, Lebensmittelhilfe und Bildung verschlechtert.
Unsere Teams für Gesundheitsförderung hören immer wieder, dass wichtige Dienstleistungen wegfallen. Die Menschen setzen weiterhin grosses Vertrauen in Ärzte ohne Grenzen. Gleichzeitig wünschen sie sich aber, dass wir uns stärker dafür einsetzen, die zunehmenden Versorgungsengpässe sichtbar zu machen. Lokalen Organisationen, die Frauen und Kinder unterstützen, fehlen oft die Mittel, um den wachsenden Bedürfnissen gerecht zu werden.
Weil die medizinische Grundversorgung vielerorts zusammengebrochen ist, erreichen viele Patient:innen unser Spital in einem bereits kritischen Zustand.
Und mit jeder Hilfsorganisation, die geht, haben die Menschen weniger Anlaufstellen – obwohl ihre Bedürfnisse weiter wachsen.
Ein Krieg um Ressourcen
Der Bundesstaat El Gedaref liegt nicht an einer Frontlinie im klassischen Sinn. Dennoch war die Region von Anfang an stark von diesem Krieg betroffen.
2024 wurden mehr als eine Million Menschen aus stark umkämpften Regionen wie Khartum, Sennar und Al-Dschazira vertrieben, was den Druck auf die ohnehin begrenzten Versorgungsstrukturen erhöhte. Gleichzeitig brachten Cholera-Ausbrüche das Gesundheitswesen an den Rand eines Kollapses.
Für viele Menschen ist der Krieg längst auch ein Kampf um knappe Ressourcen geworden.
Dr. Tanya Hajj Hassan, Kinderärztin bei Ärzte ohne Grenzen, war vor knapp einem Jahr in El Gedaref im Einsatz. Sie erinnert sich an die Fahrt durch fruchtbare grüne Felder auf dem Weg ins Spital.
«Der Sudan galt einst als Kornkammer der Region», sagt sie. «Trotzdem behandelten wir jeden Tag Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung. In meiner gesamten Laufbahn habe ich selten solche Verzweiflung erlebt.»
Besonders erschütterte sie die Hoffnungslosigkeit vieler Mütter.
Zum ersten Mal wurde mir das bewusst, als eine Mutter ihr lebensbedrohlich erkranktes Kind in die Notaufnahme brachte. Während wir das Kind wiederzubeleben versuchten, fragte sie, ob sie gehen könne. Wir erklärten ihr, dass ihr Kind sterben könnte. Sie akzeptierte das einfach. Für mich zeigt das, wie sehr der Tod von Kindern im Sudan zur traurigen Realität geworden ist.
Allein können wir den Hilfebedarf nicht decken
Fast ein Jahr nach dem Einsatz von Dr. Tanya Hajj Hassan hat sich die Situation im Camp kaum verbessert.
Die Lebensmittelhilfe reicht nach wie vor nicht aus. Aktuell erhalten Geflüchtete pro Person und Monat rund 4 Kilogramm Weizen, in manchen Monaten sogar nur etwa 2,5 Kilogramm. Vor Ausbruch des Krieges waren es noch etwa 14 Kilogramm.
Toiletten, angemessene Unterkünfte und wichtige Schutzangebote fehlen nach wie vor, und auch die Wasser- und Sanitärversorgung sowie die medizinische Grundversorgung leiden noch immer unter den Mittelkürzungen.
Ärzte ohne Grenzen ist die einzige Organisation im Camp, die Leistungen über die Grundversorgung hinaus sowie umfassende Unterstützung für Betroffene sexualisierter und geschlechtsbezogener Gewalt anbietet. Der Zugang zur Behandlung von HIV, Tuberkulose und vernachlässigten Tropenkrankheiten ist weiterhin stark eingeschränkt, und wiederkehrende Ausbrüche von Cholera, Masern, Malaria und Meningitis verschärfen die Lage zusätzlich.
Ob Gesundheitsversorgung, Schutzangebote, Wasser, Sanitärversorgung, Lebensmittelhilfe oder Bildung – die Menschen sagen uns immer wieder, dass sie sich zunehmend allein gelassen fühlen. Ohne zusätzliche Mittel und eine stärkere Präsenz humanitärer Organisationen wird vermeidbares Leid weiter zunehmen. Ärzte ohne Grenzen kann den Hilfebedarf nicht allein decken.»
Wir haben humanitäre Organisationen und UN-Agenturen bereits früh auf die sich verschlechternde Lage in und um das Geflüchtetencamp Um Rakuba hingewiesen. Dennoch fehlt bis heute ein klarer Plan für den Ausbau der humanitären Hilfe.
Lokale sudanesische Organisationen leisten zwar weiterhin einen unverzichtbaren Beitrag, obwohl ihnen nur sehr begrenzte Mittel zur Verfügung stehen. Doch umfassend finanzierte humanitäre Hilfe können auch sie nicht ersetzen.
«Wir appellieren an die Geberländer und humanitären Organisationen, ihren Worten Taten folgen zu lassen», sagt Mohamed Ahmed. «Die Menschen brauchen mehr als Versprechen. Sie brauchen bessere Schutzangebote, funktionierende medizinische Grundversorgung und Investitionen in grundlegende Dienstleistungen. Die Geflüchteten dürfen angesichts der komplexen Krise im Sudan nicht aus dem Blickfeld geraten.»
Die Menschen in Um Rakuba erwarten kein Mitleid. Sie wünschen sich das, was allen Menschen zusteht: die Möglichkeit, in Würde zu leben.
Der Hilfebedarf ist offensichtlich. Die Frage ist nun, ob die internationale Gemeinschaft bereit ist, zu handeln.