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Schutz vor Missbrauch für alle Patient:innen und Mitarbeitenden ist unsere Pflicht
6 Min.
Ich habe viele Jahre als Arzt in zahlreichen Projekten von Ärzte ohne Grenzen gearbeitet, bevor ich internationaler Präsident unserer Organisation geworden bin.
In den vergangenen 8 Jahren hat Ärzte ohne Grenzen jährlich Zahlen über Missbrauch und Fehlverhalten in unserer Organisation veröffentlicht. Die neuesten Zahlen für 2025 sind besorgniserregend und zugleich wichtig, um das Ausmass der Situation zu verstehen: Wie schon in den Vorjahren ist die Zahl der Beschwerden weiter gestiegen.
Dies kann einerseits bedeuten, dass die Menschen unsere Meldesysteme besser kennen und mehr Vertrauen haben, Vorfälle zu melden. Es macht aber andererseits auch deutlich, wie viel Arbeit vor uns liegt, um Missbrauch in unserer Organisation zu verhindern und dagegen vorzugehen.
Zu den gravierendsten Fällen, mit denen wir im vergangenen Jahr konfrontiert waren, gehörten jene im Osten des Tschad. Zu diesen haben wir im Juni 2025 Untersuchungen abgeschlossen. Sie zeigen schwerwiegenden Missbrauch und Fehlverhalten durch Personen, die für unsere Organisation tätig waren, darunter sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung.
Konsequenz: Entlassung und dauerhafter Ausschluss
An unserer Untersuchung waren 16 Ermittler:innen beteiligt. Über einen Zeitraum von 8 Monaten haben sie 59 Vorwürfe gegen Mitarbeitende und mit unserer Organisation in Verbindung stehende Personen – wie etwa Lieferanten – geprüft. In den Fällen, in denen wir schwerwiegendes Fehlverhalten nachweisen und die Verantwortlichen identifizieren konnten, haben wir Massnahmen ergriffen. Wir haben 18 Mitarbeitende entlassen und dauerhaft von der Arbeit für unsere Organisation ausgeschlossen.
Am wichtigsten ist mir, das Leid anzuerkennen, das den Patient:innen und Kolleg:innen, die Missbrauch erfahren haben, zugefügt wurde. In meiner Funktion als internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen empfinde ich eine besondere Verantwortung dafür. Ich bedauere zutiefst, dass wir die Sicherheit all dieser Menschen nicht gewährleistet haben.
«Sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung sind mit den Grundsätzen, Werten und Schutzverpflichtungen von Ärzte ohne Grenzen völlig unvereinbar.»
Sie stellen einen gravierenden Vertrauensbruch dar, und uns allen ist bewusst, welch verheerende Folgen sie für die Überlebenden, ihre Gemeinden und unsere Kolleg:innen haben können.
Bedeutende Mängel bei Schutzmassnahmen
Ich habe selbst sudanesische Wurzeln und Familienangehörige, die vor dem Krieg im Sudan geflohen sind. Auch deshalb gehen mir die Vorfälle im Osten des Tschad persönlich nahe. Sie betreffen Frauen, die bereits schreckliche Gewalt im Sudan überlebt hatten und dort Schutz gesucht haben. Sie durften zu Recht erwarten, von Ärzte ohne Grenzen in einem sicheren Umfeld mit Würde und Respekt behandelt zu werden. Dass ihnen all dies verwehrt blieb, ist inakzeptabel und hätte niemals geschehen dürfen. Das gilt auch für die Kolleginnen, die unter den Betroffenen sind.
Unsere Untersuchungen haben bedeutende Mängel bei den von uns getroffenen Schutzmassnahmen aufgedeckt:
- Um auf die Ankunft von hunderttausenden Menschen aus dem Sudan zu reagieren, wurden unsere Teams rasch vergrössert. Dabei haben wir nicht konsequent sichergestellt, dass alle Mitarbeitenden unsere Verhaltensgrundsätze verstanden und eingehalten haben.
- Wir haben Risiken im Zusammenhang mit der Gewährleistung von Schutz nicht systematisch bewertet und gemindert. Wir hätten mehr tun müssen, um sicherzustellen, dass Patient:innen, Gemeindemitglieder und Mitarbeiter:innen wissen, wie sie Missbrauch sicher und vertraulich melden können.
Zudem müssen wir einräumen: Unsere Unterstützung jenseits von medizinischer und psychologischer Hilfe für die Überlebenden, die wir identifizieren konnten, war begrenzt.
Überlebende müssen erhebliche Hindernisse überwinden
Überlebende von Übergriffen müssen oft erhebliche Hindernisse überwinden, um Hilfe zu erhalten – sowohl innerhalb als auch ausserhalb von Ärzte ohne Grenzen. Diese Hindernisse können in den Regionen, in denen wir arbeiten, noch einmal deutlich grösser sein. Überlebende sind zum Teil starker Stigmatisierung und negativen Konsequenzen ausgesetzt, wenn sie Vorfälle melden. Angemessene, auf die Bedürfnisse der Überlebenden fokussierte Angebote sind oft nur sehr begrenzt verfügbar oder schwer zugänglich. Zum Teil kennen die Menschen sie auch nicht oder vertrauen ihnen nicht.
An vielen Orten, an denen wir arbeiten, sind insbesondere Frauen mit zusätzlichen Herausforderungen bei der Suche nach Hilfe konfrontiert. So müssen sie sich beispielsweise um Familienmitglieder kümmern. Umso wichtiger ist gute Präventionsarbeit und ein proaktiver Ansatz, um Missbrauchsfälle zu erkennen, bevor überhaupt Schaden entsteht.
Grössere Anstrengungen beim Austausch mit Überlebenden
Wir stellen fest, dass es grössere Anstrengungen und einen aktiven Austausch mit den Überlebenden braucht, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu verstehen. Das ist sehr wichtig, um eine angemessene Form der Unterstützung bereitzustellen – auch über die Hilfe hinaus, die wir selbst direkt leisten konnten.
Die Ergebnisse unserer Untersuchungen haben uns dazu bewogen, wichtige Veränderungen im Osten des Tschad vorzunehmen:
- Wir haben unsere Prozesse zur Rekrutierung, Einarbeitung und zur Weiterbildung neuer Mitarbeitender weiter verbessert.
- Wir haben Risikoanalysen in all unseren Projekten durchgeführt und Massnahmen zur Begrenzung erkannter Risiken eingeführt.
- Wir haben die internen Unterstützungsangebote für unsere Teams erweitert, die sich um den Schutz von Menschen vor Missbrauch, Ausbeutung und Übergriffen kümmern, damit sie diese Gefahren früher erkennen und darauf reagieren können.
- Wir haben mit Patient:innen, Frauengruppen und Gemeindevertreter:innen zusammengearbeitet, um das Bewusstsein dafür zu stärken, was als Missbrauch zu verstehen ist und wie solche Vorfälle gemeldet werden können.
- Wir arbeiten ausserdem an einer Verbesserung des Hilfsangebots, das wir Überlebenden von Übergriffen anbieten können.
Auf unserer englischsprachigen Website finden Sie weitere Details zu den Vorfällen im Osten des Tschad sowie zu unserer Reaktion darauf.
Über den östlichen Tschad hinausgehend haben wir in den vergangenen Jahren unsere weltweiten Prozesse zum Umgang mit Missbrauch und gravierendem Fehlverhalten gestärkt. Damit soll auch verhindert werden, dass jemand, der Missbrauch begangen hat, unerkannt von einem unserer Projekte in ein neues oder an eine andere Stelle unserer Organisation wechseln kann.
Vorfälle im Tschad spiegeln grundlegende Ungleichheiten und Machtgefälle
Was im Tschad geschehen ist, spiegelt grundlegende Ungleichheiten und Machtgefälle wider, denen wir uns als Ärzte ohne Grenzen stellen müssen. Frauen sind einem grösseren Risiko des Missbrauchs ausgesetzt – besonders des sexuellen Missbrauchs. Bewaffnete Konflikte, Vertreibung, Mangel an und Abhängigkeit von humanitärer Hilfe können weitere signifikante Machtungleichgewichte schaffen. Sie erhöhen das Risiko von Missbrauch zusätzlich. Angesichts dessen ist es umso wichtiger, dass unsere Schutzmechanismen in all unseren Projekten so stark wie möglich sind.
Wir setzen uns nicht erst seit heute dafür ein, Menschen besser vor Missbrauch und Übergriffen zu schützen:
«Unsere Teams arbeiten seit Jahren daran, unsere Massnahmen zur Vorbeugung und Identifikation von Missbrauch und Fehlverhalten sowie die Reaktion darauf zu verbessern.»
Doch was im Osten des Tschad geschehen ist, macht deutlich, welche gravierenden Lücken immer noch bestehen.
Wir müssen schnell substanzielle Fortschritte erzielen
Als Arzt weiss ich, dass die Schaffung einer sicheren Umgebung für Patient:innen, Gemeinschaften und Kolleg:innen ein essenzieller Teil unserer Arbeit als humanitäre Organisation ist. Sie ist zudem ein fundamentaler Aspekt unserer Verpflichtung, mit unserer Arbeit keinen Schaden anzurichten. Diese Verantwortung nehme ich extrem ernst.
Jedes Projekt und Büro von Ärzte ohne Grenzen muss ein Ort sein, an dem sich die Menschen sicher, respektiert und geschützt fühlen. Ein Ort, an dem Missbrauch nicht toleriert wird. Ein Ort, an dem Menschen jederzeit dazu ermutigt und dabei unterstützt werden, inakzeptables Verhalten zu melden. Und ein Ort, an dem die Stimmen und Erfahrungen derjenigen, die am stärksten betroffen sind, die Prävention von und Reaktion auf Missbrauch prägen.
Diese wichtige Arbeit konsequent weiterzuführen, erfordert Aufmerksamkeit, Rechenschaft und entschlossenes Handeln – von allen Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen, jeden Tag.