Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen vor dem Nasser-Krankenhaus in Gaza nach einem israelischen Luftangriff am 23. März 2025.
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Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen vor dem Nasser-Spital in Gaza nach einem israelischen Luftangriff am 23. März 2025.
© MSF

Angriffe auf medizinische Hilfe auf Rekordhoch: Es braucht mehr als leere Worte

Zehn Jahre nach der Verabschiedung der Resolution 2286 durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen haben Angriffe auf medizinische Hilfe ein Rekordhoch erreicht. Mehr als 80 Mitgliedstaaten hatten sich am 3. Mai 2016 verpflichtet, medizinisches und humanitäres Personal sowie deren Infrastruktur, Transportmittel und Ausrüstung zu schützen. Ärzte ohne Grenzen fordert die internationale Staatengemeinschaft auf, dieser Verpflichtung endlich besser nachzukommen. 

Allein für das Jahr 2025 meldete die Weltgesundheitsorganisation 1 348 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, bei denen 1 981 Menschen getötet wurden. Das ist eine Verdoppelung innerhalb eines Jahres. 

Insgesamt 21 Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen wurden bei 15 Angriffen in den vergangenen zehn Jahren getötet. Im gleichen Zeitraum wurden von Ärzte ohne Grenzen 255 Sicherheitsvorfälle verzeichnet. 107-mal waren medizinische Einrichtungen betroffen, in 75 Fällen Krankenwagen. 73-mal wurde gewaltsam versucht, in Einrichtungen oder Transportmittel einzudringen. Die Zahl der Vorfälle erreichte in den vergangenen zwei Kalenderjahren ihren Höhepunkt und machte über ein Drittel der Gesamtzahl im vergangenen Jahrzehnt aus. Vorläufige Daten für 2026 deuten auf ein ähnliches Niveau wie in den beiden Vorjahren hin.

Was einst als Ausnahme galt, ist heute zur Normalität geworden. Wir beobachten, dass der Schutz von medizinischer Hilfe in Ländern, die sich im Krieg befinden, eklatant missachtet wird. Staaten, die sich bereits 2016 zum Schutz der medizinischen Versorgung verpflichtet haben, müssen aufhören, sich hinter Ausreden und Schuldzuweisungen zu verstecken, und handeln.

Dr Javid Abdelmoneim, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen.

Angriffe werden oft geleugnet oder kleingeredet   

In den vergangenen zehn Jahren wurden tausendfach medizinische Einrichtungen und Helfende in vielen Ländern der Welt attackiert. Besonders alarmierend ist, dass Staaten immer häufiger selbst für diese Gewalt verantwortlich sind. 2024 gingen laut der Safeguarding Health in Conflict Coalition mehr als 80 Prozent der dokumentierten Angriffe auf medizinische Versorgung auf staatliche Akteure zurück. Im vergangenen Jahrzehnt wurden etwa Spitäler in Syrien und Jemen, in der Ukraine und in den besetzten palästinensischen Gebieten bombardiert oder beschossen. 

Es gab Drohnenangriffe auf ein Spital in Myanmar sowie Angriffe auf deutlich gekennzeichnete Krankenwagen in Kamerun, Haiti und im Libanon. Verantwortliche Staaten wiesen Vorwürfe häufig zurück, sprachen von Irrtümern oder erklärten den Schutzstatus der Ziele ohne Beweise für erloschen. Medizinisches Personal wird insgesamt zunehmend diskreditiert, anstatt Schutz zu geniessen. 

Neben dem Leid, das durch die Angriffe selbst entsteht, wenn Helfende und Patient:innen verletzt oder getötet werden, führen diese dazu, dass Gemeinden oft keine lebensrettende Versorgung mehr erhalten, wenn die Gesundheitsinfrastruktur nicht wieder aufgebaut wird oder humanitäre Organisationen ihre Aktivitäten aus Sicherheitsgründen einstellen.

Die medizinische Versorgung in Konflikten ist extrem gefährdet. Angriffe auf medizinisches Personal und funktionierende Gesundheitsinfrastruktur waren in fast jedem Konflikt der vergangenen zehn Jahre zu beobachten. Ärzte ohne Grenzen fordert, dass die Staaten dringend ihren Verpflichtungen und Zusagen gemäss Resolution 2286 für mehr Schutz und Rechenschaftspflicht nachkommen. Der Schutz, der Organisationen wie uns und unseren Patient:innen nach dem humanitären Völkerrecht gewährt wird, muss durch Taten und nicht nur durch Worte gewährleistet werden.

Dr Javid Abdelmoneim, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen.

Mit Blick auf die Rolle der Schweiz sagt Dr Micaela Serafini, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Schweiz.

Es ist besorgniserregend, dass solche völkerrechtswidrigen Angriffe weitgehend ohne Folgen bleiben. Als Depositarstaat der Genfer Konventionen ist die Schweiz besonders gefordert, sich für die konsequente Umsetzung der Resolution 2286 einzusetzen. Der zehnte Jahrestag darf kein rein symbolisches Gedenken bleiben – es braucht dringend konkrete Schritte zur Abschreckung und Verhinderung weiterer Angriffe.

Dr Micaela Serafini, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Schweiz.

Ärzte ohne Grenzen ist mit Teams in über 70 Ländern weltweit im Einsatz, darunter in den besetzten palästinensischen Gebieten, im Libanon, in der Ukraine, im Sudan und in Myanmar sowie in vielen weiteren Konflikt- und Kriegsgebieten.