Zunehmende Gewalt in Burkina Faso: MSF weitet Hilfsmassnahmen aus

Distribution d’eau par MSF à Barsalogho le 27 septembre 2019.

Burkina Faso5 Min.

2019 war in Burkina Faso ein starker Anstieg der Gewalt zu verzeichnen. Dies hatte zur Folge, dass die Zahl der Binnenvertriebenen im Jahresverlauf exponentiell zunahm. Zwischen Dezember 2018 und Februar 2020 stieg sie gemäss dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) von rund 47 000 auf über 765 000 an. Mehr als 80 Prozent der Vertriebenen sind Frauen oder Kinder unter 15 Jahren.

Die geflüchteten oder in den Gefahrengebieten lebenden Menschen drohen nun von der Gesundheitsversorgung abgeschnitten zu werden. Um die Grundbedürfnisse der Menschen zu sichern, hat Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) daher mehrere Notprojekte im Land lanciert.

«Wir haben nichts mehr und wohnen bei einer Gastfamilie. Zum Glück ist die medizinische Versorgung kostenlos, sonst wäre ich nicht hergekommen, da ich kein Geld habe», erzählt Amina* einem unserer Teams in Barsalogho. Barsalogho ist einer der Orte in der Region Centre-Nord, den die Vertriebenen als Erstes erreichten, nachdem die Gewalt Anfang 2019 eskaliert war. 

Unser Überleben hängt einzig von der Hilfsbereitschaft anderer ab.

Amina, Vertriebene in Baralogo

Amina lebte in einem Dorf in der Nähe, als deren Bewohner im Juni 2019 von bewaffneten Männern angegriffen wurden. «Unser Hof wurde von Kugeln regelrecht durchsiebt und verwüstet. Wir haben uns in unseren Häusern verschanzt. Am nächsten Morgen nahmen wir, was wir tragen konnten und gingen zu Fuss fort. Eine meiner Schwägerinnen war hochschwanger und musste mitkommen. Sie so zu sehen, tat mir weh», erzählt Amina weiter. 
Einige Tage nach ihrer Ankunft in Barsalogho versuchten Amina und ihr Mann noch einmal zurückzukehren, um etwas zu essen zu holen, doch auf dem Weg wurden sie von bewaffneten Männern gezwungen, umzudrehen. Ihnen blieb keine andere Wahl, als in Barsalogho bei einer Gastfamilie zu wohnen, ohne Einkünfte zum Überleben und in der ständigen Angst weiterziehen zu müssen.

Gewalt lähmt das Gesundheitssystem 

Zwischen Januar und März 2019 koordinierte Ärzte ohne Grenzen Noteinsätze in Barsalogho und Foube in der Region Centre-Nord, wohin zahlreiche Personen aufgrund der gewalttätigen Zusammenstösse in Yirgou im Norden des Landes geflohen waren. Im August intervenierten wir angesichts einer erneuten Eskalation abermals. Wir errichteten zwei moderne Gesundheitszentren, um die Primärversorgung sicherzustellen und Malariafälle zu behandeln. Laut offiziellen Zahlen von Februar 2020 leben bis zu 65 000 Vertriebene in Barsalogho.
«Das eigentliche Gesundheitssystem ist zum Erliegen gekommen, sodass z. B. ausgearbeitete Impfstrategien nicht weiter verfolgt werden können, während die Menschen im Zuge der Vertreibungen krankheitsanfälliger sind und das Risiko von Epidemien hoch ist. Wenn unsere Teams vor Ort ankommen, prüfen sie nicht nur die medizinischen Bedürfnisse, sondern auch solche, die direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben. In Barsalogho war zum Beispiel die Trinkwasserversorgung völlig unzureichend», erklärt Hassan Maiyaki, MSF-Einsatzleiter in Burkina Faso. «Aus diesem Grund haben wir sieben Wochen lang die Bevölkerung in Barsalogho mit bis zu 4225 m3 Wasser am Tag versorgt, bevor eine andere humanitäre Organisation diese Aufgabe im September übernahm.» 

Mehr Noteinsätze 

Unsere Teams sind zurzeit immer noch in Barsalogho aktiv, wir haben aber auch die Noteinsätze in anderen Regionen des Landes ausgeweitet. In den vergangenen Monaten hat sich die humanitäre Lage in Burkina Faso in einem rasanten Tempo verschärft und die Zahl der Angriffe auf Zivilisten stetig zugenommen. Im Januar dieses Jahres gab Human Rights Watch bekannt, dass 2019 über 250 Zivilisten durch gezielte Angriffe oder Massenhinrichtungen von bewaffneten Gruppierungen ums Leben gekommen sind.

Angesichts der derart instabilen Lage ist ein Grossteil der medizinischen Fachkräfte geflohen, sodass mindestens 100 Gesundheitszentren geschlossen werden mussten und weitere über 100 nur einen Minimalbetrieb sicherstellen. Durch die Unsicherheit ist der Zugang zu medizinischer Versorgung für Menschen, die in entlegenen Gebieten leben, besonders schwer. Auch für die humanitären Organisationen ist es schwieriger geworden, die Bevölkerung in den Randgebieten zu erreichen. Sahel und Centre-Nord sind die am schlimmsten betroffenen Regionen mit den meisten Binnenvertriebenen.

Malaria ist Haupttodesursache 

Seit November 2019 sind wir in Titao und Ouindigui in der im Norden gelegenen Provinz Loroum tätig, wohin sehr viele Vertriebene geflüchtet sind (mindestens 21 000 Menschen, die mehrheitlich aus der Region Sahel und jenen des Nordens stammen). Wir bieten Frauen, Männern und Kindern jedes Alters ärztliche Hilfe an und unterstützen im städtischen Gesundheitszentrum von Titao die pädiatrischen und reproduktiven Gesundheitsmassnahmen. Da das Bezirksspital von Titao nur noch im Minimalbetrieb läuft, haben wir eine zusätzlichen Einheit mit 20 Betten eingerichtet, um die Menschen, die am dringendsten Hilfe benötigen, zu stabilisieren und allenfalls deren Überführung in das nächstgelegene Spital in Ouahigouya in der Nachbarprovinz Yatenga zu organisieren. Haupttodesursache bei unseren Patientinnen und Patienten, von denen die Hälfte Vertriebene sind, ist Malaria. Des Weiteren verteilen wir Wasser sowie Hygienesets und Grundbedarfsartikel an die Vertriebenen.

Auch in Djibo in der Region Sahel, wo wir seit 2018 chirurgische Eingriffe durchführen, haben unsere Teams vor Kurzem Massnahmen für die Wasserversorgung ergriffen sowie zwei moderne Gesundheitszentren errichtet, um den in der Region lebenden Vertriebenen Zugang zu medizinischer Versorgung zu verschaffen. Allein in Djibo sind mehr als 131 000 Vertriebene registriert.

In der Region Est hat sich die Lage ebenfalls verschärft. Dort hat Ärzte ohne Grenzen begonnen, den Vertriebenen in Matiacoali, Gayeri, Nagare und Fada Ngourma Hilfe zu leisten, indem sie medizinische Beratung anbieten sowie Wasser und andere Hilfsgüter verteilt. Da viele Orte keine Wasserversorgung haben, haben wir Pumpen erneuert, Bohrlöcher angelegt und den Wassertransport mit Lastwagen organisiert. In Matiacoali und Gayeri unterstützen wir mit Community Health Workers und traditionellen Hebammen zudem präventive und kurative Gesundheitsmassnahmen.

In der Region Boucle du Mouhoun, wo wir in Tougan, Nouna und Solenzo dem örtlichen Gesundheitspersonal unter die Arme greifen, nimmt die Gewalt ebenfalls rasant zu. Angesichts der 2,2 Millionen Menschen, die 2020 laut OCHA Hilfe benötigen, ist die Situation in Burkina Faso kritisch. Es bereitet uns grosse Sorgen, dass sich die Lage der Menschen immer weiter verschlechtert und ganze Gebiete von der humanitären Hilfe abgeschnitten sind.

* Name geändert