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Sudan : Kritische Lage in El Fasher einen Monat nach der Einnahme durch die Rapid Support Forces (RSF)
8 Min.
Nachdem er bei den Bombenangriffen in El Fasher seine Frau und Tochter verloren hatte, brach A. M.* am 27. Oktober zu Fuss auf eine beschwerliche Reise in das 60 Kilometer entfernte Tawila auf. Es waren vier qualvolle Tage, während denen er und seine verbliebene Familie Folter, Schläge und Überfälle zu erdulden hatten. Unterwegs musste A. M. im Dorf Garni seine junge Nichte beerdigen, die vor Erschöpfung und Hunger gestorben war.
«Die weiten Distanzen zu Fuss waren zu viel für sie. Die Reise war sehr hart und brachte uns an unsere Grenzen», erzählt er. Dennoch ging er weiter nach Tawila – zusammen mit seinen überlebenden Kindern, seinem Bruder und Waisenkindern, die er auf dem Weg antraf.
Doch als sie die Stadt endlich erreichten, fanden sie dort eine verzweifelte Lage vor: Es fehlte an Wasser, Essen, Unterkünften und sanitären Einrichtungen.
Fast einen Monat nach der Einnahme von El Fasher durch die RSF am 26. Oktober – der letzten Bastion der sudanesischen Armee und der Joint Forces – hat sich die Lage in Nord-Darfur weiter zugespitzt. Gemäss der NRC Flüchtlingshilfe sind etwa 10 000 Personen wie A. M. nach massenhaft verübten Gräueltaten nach Tawila geflohen, wo sie in den überfüllten Camps prekäre Bedingungen vorfinden. Diese Zahl ist relativ niedrig, wenn man bedenkt, dass Ende August laut der UNO noch schätzungsweise 260 000 Personen in El Fasher lebten.
Wir stellten eine Woche vor der Einnahme von El Fasher einen Zustrom von Menschen aus der Stadt fest. Zunächst waren es vor allem Frauen und Kinder, die mit Lastwagen zu uns gebracht wurden. Sie waren erschöpft, mangelernährt und dehydriert. Nach dem Fall von El Fasher trafen auch Männer bei uns ein. Sie kamen zu Fuss – viele von ihnen mit Schussverletzungen oder infizierten Wunden. Jetzt erreichen uns immer weniger Menschen von dort. Einige kommen stattdessen von Korma her, aber die Zahlen bleiben tief
Weder Ärzte ohne Grenzen noch andere internationale Hilfsorganisationen schafften es bisher, nach El Fasher zu gelangen. Unsere Teams bemühen sich deshalb, an anderen Orten Überlebende ausfindig zu machen, die medizinische Hilfe brauchen.
In Nord-Darfur suchten wir die Orte Um Jalbak, Shangil Tobay, Dar el Salam und Korma auf, von wo wir keinen hohen Zustrom von Vertriebenen beobachteten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass in den letzten drei Wochen nur wenige hundert Menschen El Fasher verliessen. Mehrere Personen in kritischem Zustand überwiesen wir an das Spital in Tawila. Auch bei unseren Tätigkeiten in Ortschaften entlang der Fluchtroute Richtung Tschad stellten wir keinen massiven Zustrom fest. Eine ähnliche Situation zeigt sich in Belliseraf, Süd-Darfur, sowie in Golo und Fanga, wo unsere Teams den Hilfebedarf ermitteln und die Verteilung von Hilfspaketen an Neuankömmlinge vorbereiten.
Obschon die Internationale Organisation für Migration (IOM) davon ausging, dass bis am 17. November mehr als 100 000 Menschen aus El Fasher vertrieben wurden, ist ihren Berichten zufolge die grosse Mehrheit in der Umgebung der Stadt geblieben, vorwiegend in Dörfern im Westen und Norden von El Fasher. Unsere eigenen Beobachtungen, Berichte von Überlebenden und externe Informationen wie Satellitenbilder lassen Schlimmes erahnen: Ein Grossteil der Zivilbevölkerung, die vor dem 26. Oktober noch in El Fasher lebte, wurde wohl getötet oder wird festgehalten, ist eingeschlossen, erhält keine lebenswichtige medizinische Versorgung und kann auch nicht an sichere Orte fliehen.
Kritische Bedingungen in den Camps rund um Tawila
Überlebende, die es nach Tawila schaffen, treffen auf überfüllte Camps, in denen die vorhandenen Versorgungsstrukturen bereits durch die mehr als 650 000 Binnenvertriebenen aus El Fasher überlastet sind, die in den vergangenen zwei Jahren dort ankamen. Knapp 380 000 Menschen sind seit dem Angriff der RSF auf das Samsam-Camp im April 2025 eingetroffen.
Die verzweifelten und erschöpften Menschen kommen an einem Ort an, wo nicht einmal ihre Grundbedürfnisse gedeckt werden. Sie schlafen in provisorischen Unterkünften aus Holz und Planen. Nahrungsmittelhilfe gibt es nur für ausgewählte Gruppen, und auch für diese nur eine Mahlzeit pro Tag
Eine Erhebung von Ärzte ohne Grenzen in den Camps von Daba Naira und Tawila Umda zeigte, dass pro Tag nur 1,5 Liter Wasser pro Person zur Verfügung stehen, was weit unter der empfohlenen Mindestmenge von 15 Litern liegt.
Die zirka 30-jährige I. O.* sitzt mit ihren zwei Kindern unter Zeltplanen. Sie waren drei Tage zu Fuss unterwegs gewesen, bis sie das Camp Daba Naira erreichten – das gegenwärtig grösste Vertriebenencamp mit rund 210 000 Menschen. Ihr Mann wurde in El Fasher von Granaten getroffen, als er auf der Suche nach etwas zu Essen war. Als sie am 25. Oktober entschied, mit ihren Kindern zu fliehen, fanden sie seinen leblosen Körper auf der Strasse. «Alles, was wir hatten, wurde uns gestohlen. Ich habe nur noch dieses Tuch, das meine Kinder und ich auf dem Boden ausbreiten, um darauf zu schlafen», sagt sie. «Ich brauche Kleider für meine Kinder. Sie haben nur ein Paar Schuhe, das sie sich teilen müssen und das für den Gang auf die Toilette benutzt wird. Es fehlen uns viele grundlegende Dinge.»
Gemäss der SAPA, einer sudanesisch-amerikanischen Gesundheitsorganisation, leben etwa 74 Prozent der Vertriebenen in improvisierten Siedlungen ohne angemessene Infrastruktur; weniger als 10 Prozent der Haushalte haben ständigen Zugang zu Wasser oder Toiletten. Im Camp Daba Naira sieht man immer wieder Menschen, die ihre Notdurft im Freien verrichten, was das Risiko für die Ausbreitung von Krankheiten wie Cholera erhöht. Mit Blick auf die kalte Jahreszeit machen den Familien auch die fehlenden warmen Kleider und Decken Sorgen.
I.O. floh am Freitag mit ihren zwei Kindern aus El Fasher vor der RSF-Machtübernahme. Auf dem Weg erlebten sie Massaker durch Bombardierungen, wurden geschlagen und rassistisch beleidigt. Ihr Mann wurde von einer Granate getötet, als er nach Nahrung suchte.
«Es sind immer noch viele Menschen dort, die festgehalten werden»
I. A.* arbeitete früher als Wachmann an der Universität von El Fasher. Am Tag vor der Eroberung der Stadt wurde er bei einer Schiesserei am Bein getroffen. Dabei wurde sein Schienbein an mehreren Stellen zertrümmert. «Die Wunde blutete, und mein Bruder legte mir einen Druckverband an. Dann lud er mich auf einen Eselskarren und brachte mich hierher. Die Schmerzen waren unbeschreiblich», erzählt er. Drei Tage waren sie so auf unebenen Pisten unterwegs, bis sie das Spital in Tawila erreichten. Dort musste trotz aller Bemühungen ein Teil seines Beins amputiert werden.
Die Erzählungen unserer Patient:innen, denen die Flucht gelang, ähneln sich: Alle berichten, wie sie unter Beschuss die Flucht ergriffen und während drei bis fünf Tagen zu Fuss unterwegs waren. Oft hielten sie sich tagsüber versteckt und bewegten sich nur in der Nacht, um Festnahmen oder Angriffen zu entgehen. Sie beschreiben extreme Gewalt, Massenhinrichtungen und ethnisch motivierte Gräueltaten. Auf ihrer Flucht sahen sie immer wieder Tote, wurden Opfer von Folter, Entführungen gegen Lösegeld, sexualisierter Gewalt und Erniedrigung. All ihre Besitztümer wurden ihnen gestohlen. Einige erzählen auch von Massenverhaftungen, etwa in Garni (nordwestlich von El Fasher), bei denen vor allem junge Männer von den Frauen und Kindern getrennt und festgenommen wurden.
Der 50-jährige F. I.* ist sichtlich gezeichnet. Er wurde zehn Tage lang festgehalten, geschlagen und musste unsägliche Gewalt ertragen. Sogar ein Strick wurde ihm um den Hals gelegt. Seine Entführer forderten 10 Millionen Sudanesische Pfund (rund CHF 13 400) für seine Freilassung. «Sie betranken sich und brachten uns in die Wüste. Sie zwangen uns, uns im Gebüsch hinzulegen, schlugen und erniedrigten uns. Sie sagten, sie würden uns töten und schossen mit scharfer Munition auf uns», erzählt er. Schliesslich liessen sie ihn gegen ein Lösegeld von 500 000 Sudanesischen Pfund (rund CHF 770) gehen, weil seine Wunden stark infiziert waren.
Berichten unserer Patient:innen zufolge werden noch immer zahlreiche Menschen in Garni und anderen Städten rund um El Fasher von den RSF und ihren Verbündeten festgehalten – entweder um Lösegeld zu erpressen oder um sie daran zu hindern, sicherere Gebiete wie Tawila zu erreichen. «Es sind nach wie vor viele Menschen dort, die festgehalten werden», betont auch F. I.
«Die Menschen, die in und um El Fasher extreme Gewalt überlebten, sind weiterhin in grosser Gefahr. Das Gebiet ist von humanitärer Hilfe abgeschnitten. Die noch lebenden Menschen sitzen fest, und es dringen kaum direkte Informationen nach draussen», so Laaroussi, unsere Notfallkoordinatorin.
So hilft Ärzte ohne Grenzen
Angesichts der wachsenden Not der Bevölkerung hat Ärzte ohne Grenzen die Hilfstätigkeiten ausgebaut. Am Eingang zum Camp Tawila Umda, einem der wichtigsten Ankunftsorte von Vertriebenen aus El Fasher, haben unsere Teams einen Gesundheitsposten errichtet. Dort werden Wunden versorgt, ambulante Behandlungen angeboten und Verletzte stabilisiert. Menschen in besonders kritischem Zustand werden per Krankenwagen ins Spital überwiesen. Auch psychologische Hilfe wird dringend benötigt. Dies wird deshalb in den kommenden Wochen einer unserer Schwerpunkte sein.
Im Spital in Tawila, wo wir seit August einen Notfallbereich für Menschen aus El Fasher in Betrieb haben, erhöhten wir die Bettenkapazität für Schwerverletzte von 24 auf über 100. «Wir führen immer mehr chirurgische Eingriffe durch: Aktuell sind es etwa 20 pro Tag – im Vergleich zu sieben im vergangenen Monat», so Dr. Mouna Hanebali. Unsere Teams behandeln auch weiterhin viele stark mangelernährte Menschen – eine Folge der monatelangen Belagerung von El Fasher. Im Camp Daba Naira verteilen sie seit Kurzem auch Wasser und haben mit dem Bau von Toiletten begonnen.
Unsere Einsatzkräfte arbeiten zudem an der Wiederherstellung und Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Tine und Kornoi in Nord-Darfur, nahe der Grenze zum Tschad sowie im Tschad selbst.
Ärzte ohne Grenzen appelliert an die RSF und ihre Verbündeten, kranken und verletzten Menschen sowie überhaupt allen Zivilist:innen den Durchgang in sicherere Regionen zu gewähren und in Garni, El Fasher und anderen Orten, an denen sich Überlebende aufhalten, humanitäre Hilfe zuzulassen. Wir rufen auch Geldgeber:innen und andere humanitäre Akteur:innen dazu auf, ihre Massnahmen angesichts des steigenden Bedarfs an medizinischer Versorgung, Schutz, Lebensmitteln, Wasser und Sanitärinfrastruktur in Tawila zu verstärken.
*Zum Schutz der Identität der Betroffenen wurden die Namen anonymisiert.