msf.navigation.breadcrumb_title
- Startseite
- Artikel
- msf.navigation.breadcrumb_current_page:Sexualisierte Gewalt in Eswati...
Sexualisierte Gewalt in Eswatini: Der Hilfebedarf ist gross – die Zugangshürden ebenso
3 Min.
Zwar ist der Anteil der Mädchen und Frauen zwischen 13 und 24 Jahren, die im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt erfahren haben, gemäss dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) von 2007 bis 2022 auf rund acht Prozent zurückgegangen, doch die Zahlen bleiben alarmierend: Von April 2024 bis Januar 2025 wurden der Polizei in Eswatini 4700 Fälle geschlechtsbezogener Gewalt gemeldet – acht Prozent mehr als noch 2023.
Die Täter:innen kommen zumeist aus dem engsten Umfeld. Häusliche Gewalt und Missbrauch durch Partner:innen oder Familienangehörige gehören zu den am häufigsten gemeldeten Formen von Gewalt.
Viele Frauen denken, sie können ihrem Partner oder einem nahen Angehörigen, von dem sie finanziell abhängig sind, Sex nicht verweigern, und wagen es nicht, Anzeige zu erstatten.
Oft geht die Gewalt von den engsten Bezugspersonen aus. Viele Überlebende können sich nicht wehren, weil sie von den Täter:innen abhängig sind. Anzeige zu erstatten ist unter diesen Umständen sehr schwierig. Frauen in Eswatini haben es von klein auf nicht leicht und sind dadurch sehr resilient. Sie brauchen aber Unterstützung, um ein selbstbestimmteres Leben führen zu können.
Der Zugang zu Hilfe bleibt schwierig
Unsere Teams in der Sitsandziwe-Klinik bieten sexuelle Gesundheitsversorgung und psychologische Unterstützung an. Wir wollen damit insbesondere Menschen erreichen, die vom traditionellen Gesundheitssystem ausgeschlossen sind.
Viele Überlebende sexualisierter Gewalt möchten von weiblichem Gesundheitspersonal behandelt werden. In unserer Klinik arbeiten Frauen daher in allen Bereichen. Das schafft Vertrauen und die Betroffenen trauen sich eher, Hilfe zu suchen.
Doch obwohl der Bedarf enorm ist und entsprechende Angebote bestehen, nehmen viele Betroffene keine medizinische Unterstützung in Anspruch.
Sexualisierte Gewalt ist eine der grössten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit in Eswatini.
Unsere Klinik gibt es mittlerweile seit 2023. Damals nahmen gerade einmal fünf Betroffene unser Angebot in Anspruch. 2024 waren es zehn und Ende 2025 16 Personen. Gemessen am Ausmass sexualisierter Gewalt sind die Zahlen viel zu niedrig.
Anfang 2026 starteten wir daher eine Informationskampagne in den Gemeinden, damit mehr Menschen von den Hilfsangeboten erfahren. Ausserdem verbesserten wir die Betreuung der Betroffenen weiter, stärkten die Fachkompetenz unseres Teams durch Schulungen und feste Ansprechpersonen, richteten eine Helpline ein und bauten die Zusammenarbeit mit Schutzeinrichtungen und Rechtsberatungsstellen aus.
Die Massnahmen zeigen Wirkung. In der ersten Jahreshälfte 2026 suchten 29 Betroffene Unterstützung in der Klinik. Allesamt waren Frauen, knapp ein Viertel von ihnen minderjährig. Der tatsächliche Bedarf ist jedoch nach wie vor viel grösser.
Das alarmierende Ausmaß sexueller Gewalt in Eswatini.
Warum viele Betroffene schweigen
Die Gründe, warum sich Betroffene keine Hilfe suchen, sind vielfältig. Neben kulturellen Hürden sind das die Angst vor Stigmatisierung, Schuldzuweisungen und den Folgen einer Anzeige. Bei männlichen Betroffenen kommen traditionelle Rollenbilder und Vorstellungen von Männlichkeit hinzu, weshalb viele sich nicht trauen, über sexualisierte Gewalt zu sprechen.
Wir haben bislang keinen einzigen Mann behandelt. Nicht, weil Männer keine sexualisierte Gewalt erleben, sondern weil viele von ihnen schweigen. Sie befürchten, als schwach angesehen zu werden, wenn sie sexualisierte Gewalt anzeigen.
Wenn Minderjährige betroffen sind, muss dies der Polizei gemeldet werden. Manche Familien verzichten deshalb aus Angst vor rechtlichen Folgen oder sozialer Ausgrenzung auf medizinische Hilfe. Dies führt dazu, dass viele Betroffene zu spät versorgt werden.
Medizinische Hilfe allein reicht nicht
Eine frühzeitige Behandlung möglichst innert 72 Stunden ist wichtig, damit wir beispielsweise einer Infektion mit sexuell übertragbaren Krankheiten oder einer Schwangerschaft vorbeugen können. Wir betreuen Betroffene aber natürlich auch, wenn sie später zu uns kommen. Zum Angebot unserer Klinik gehören Notfallverhütung, HIV-Prophylaxe, Impfungen gegen Hepatitis B, Prävention und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten, HIV- und Schwangerschaftstests, psychologische und soziale Unterstützung sowie die Vermittlung an Schutzeinrichtungen und Rechtsberatungsstellen. Gegebenenfalls dokumentieren wir auch Verletzungen und Spuren der Gewalt.
Wer zu uns kommt, wird sofort und in einem geschützten Umfeld behandelt.
Doch medizinische Hilfe allein genügt nicht. Die Betroffenen brauchen auch Schutz, rechtlichen Beistand und langfristige psychosoziale Begleitung, um das Erlebte zu verarbeiten. Genau daran mangelt es jedoch akut in Eswatini.