Mahmoud Al-Balbisi, Berater für psychische Gesundheit bei Ärzte ohne Grenzen (MSF), leitet in einem der Zelte der Gesundheitsstation eine spielerische und lehrreiche Veranstaltung für Kinder und ihre Begleitpersonen.
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Mahmoud Al-Balbisi, Berater für psychische Gesundheit bei Ärzte ohne Grenzen (MSF), leitet in einem der Zelte der Gesundheitsstation eine spielerische und lehrreiche Veranstaltung für Kinder und ihre Begleitpersonen.
© Nour Alsaqqa/MSF

Gazastreifen: Wenn Angst und Gewalt die Kindheit prägen

Nach drei Jahren israelischer Militäroffensiven, Vertreibung und Zerstörung warnt Ärzte ohne Grenzen vor den massiven Schäden für die psychische Gesundheit der Kinder im Gazastreifen.

Die Warteschlange vor der Essensausgabe, der Regen, der durch das Zeltdach dringt, ein Panzer, der Gebäude einreisst, die allgegenwärtigen Drohnen oder die Freunde, mit denen sie früher spielten: Ruhig erklären Dina, Rahaf, Motassem und andere Kinder aus dem Gazastreifen, was ihre Zeichnungen bedeuten – doch die Geschichten dahinter sind alles andere als friedlich. Entstanden sind die Bilder in psychosozialen Gruppensitzungen von Ärzte ohne Grenzen. In den Zeichnungen können die Kinder ausdrücken, was sie sehen und fühlen. Eindringlich führen sie vor Augen, wie sehr Angst und Gewalt ihren Alltag bestimmen. 

Drei Jahre brutaler israelischer Militäroffensiven haben die psychische Gesundheit der jungen Generation im Gazastreifen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Viele Kinder haben ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Schule und ihre Freunde verloren. Durch die ständigen Vertreibungen und die katastrophalen Lebensbedingungen existiert kein sicherer Ort, an dem sie einfach Kind sein und unbeschwert spielen können. 

Im Gazastreifen sind erschreckend viele Erwachsene und auch Kinder von Trauer, Ängsten und Schlafstörungen betroffen und befinden sich in einer besorgniserregenden psychischen Verfassung.

Franz Luef, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in der Region.

«Verschärft werden diese Symptome durch eine Krise, die kaum noch öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Dabei entzieht Israel den Palästinenser:innen systematisch die Lebensgrundlage.»

Laut WHO ist der Bedarf an psychosozialer und psychischer Unterstützung sprunghaft angestiegen: Die Zahl der Betroffenen hat sich seit Konfliktbeginn von rund 485 000 auf über eine Million mehr als verdoppelt. Die psychologische Betreuung ist daher zu einem zentralen Bestandteil der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen geworden. Angeboten werden Einzelgespräche und Gruppenberatungen für Erwachsene; für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Freizeitaktivitäten.

Eine geraubte Kindheit 

Für Kinder, die sich noch an die Zeit vor dem Krieg im Gazastreifen erinnern können, ist von ihrer vertrauten Welt kaum etwas übriggeblieben. Die Orte, an denen sie aufgewachsen sind, wurden weitgehend zerstört. Die wesentlichen Dinge, die eine Kindheit ausmachen sollten – Sicherheit, Schule, das Spielen mit Freunden und die Geborgenheit der Familie – wurden ihnen geraubt. An ihre Stelle traten traumatische Erinnerungen an Gewalt, die ständige Angst vor neuen Angriffen und das Bild der Zerstörung. Ihr Alltag ist zu einem Überlebenskampf geworden: Wasser holen, stundenlang für Essen anstehen und der Familie helfen, irgendwie durchzukommen. Für die Jüngsten sind die Folgen fatal: Manche kennen nichts anderes als Flucht, Vertreibung und den Lärm von Luftangriffen.

Kinder, die im Krieg aufgewachsen und heute drei oder vier Jahre alt sind, haben keinerlei Bezug zu elementaren Dingen. Viele wissen zum Beispiel nicht einmal, was ‹Haus› bedeutet. Für sie ist das Zelt zum Zuhause geworden, weil sie nie ein Leben in einem Haus gekannt haben.

Mahmoud Al-Balbisi, Berater für psychische Gesundheit bei Ärzte ohne Grenzen.

Die Kinder haben begonnen, ihre Umgebung durch Spielen und Zeichnen nachzubilden. Anstelle von typischen Kinderspielen beobachten die psychologischen Berater:innen, dass die Kinder die Verteilung von Hilfsgütern nachahmen, Angriffe nachstellen oder in den Trümmern zerstörter Gebäude spielen.

Wie anhaltende Gewalt das Verhalten der Kinder prägt 

Trotz ihrer ausgeprägten Resilienz hinterlässt das Leben in einem von Gewalt geprägten Umfeld deutliche Spuren im Verhalten der Kinder. Das Beratungsteam berichtet von einer deutlichen Zunahme von Angstzuständen, aggressivem Verhalten und Schlafstörungen sowie von Symptomen wie Nägelkauen und Bettnässen. 

Um den Betroffenen zu helfen, bietet die Al-Zeytoun-Klinik in Gaza-Stadt einen Zufluchtsort: Durch Musik, Spiele, Geschichten und kreatives Gestalten können die Kinder dort ausdrücken, was sie beschäftigt. Die Berater:innen unterstützen sie dabei, ihre Gefühle zu verstehen und zu ihrer Identität aus der Zeit vor dem Krieg zurückzufinden. 

Wir möchten den Kindern bewusst machen, was uns als Menschen ausmacht, und ihnen den Raum geben, einfach Kind zu sein.

Mahmoud Al-Balbisi, Berater für psychische Gesundheit bei Ärzte ohne Grenzen.

Aktivitäten wie «Mein Körper ist mein Königreich» helfen ihnen zu verstehen, dass sie ein Recht auf Sicherheit und Schutz ihrer körperlichen Unversehrtheit haben – auch in einem Umfeld, in dem Kinder zunehmend Gefahren ausgesetzt sind. 

«Nach drei Jahren, die von Gewalt, unmenschlichen Lebensbedingungen und Verlusten geprägt waren, sind es nicht nur Erinnerungen an den Krieg, die den Kindern zusetzen. Ihre Erfahrungen haben auch ihr Verständnis von Sicherheit und Kindheit grundlegend verändert», erklärt Luef. «Für die Kinder im Gazastreifen gibt es nach wie vor keine Sicherheit. Jeden Moment drohen neue Bombenangriffe. Die Kinder leben weiterhin in ständiger Angst – ohne jede Chance, das Erlebte zu verarbeiten oder der Situation zu entkommen. Der Bedarf an psychologischer Hilfe ist riesig. Doch aufgrund der systematischen Zerstörung des Gesundheitssystems durch die israelischen Streitkräfte existieren kaum noch Unterstützungsangebote für Kinder», so Luef abschliessend.