Medizinische Versorgung der Opfer von Gewalt in Tegucigalpa
Von 2005 bis August 2010 leiteten die Mitarbeiter von MSF ein Zentrum, in dem Strassenkinder und junge Erwachsene unter 24 Jahren medizinisch und psychologisch betreut wurden und gleichzeitig eine soziale Unterstützung erhielten. In diesen fünf Jahren unterstützte MSF insgesamt 460 junge Menschen, die in extremer Armut und Ausgrenzung in den Strassen der Hauptstadt leben.
Viele von ihnen mussten gegen Atemwegserkrankungen, Hautinfektionen und durch Gewalt herbeigeführte Verletzungen behandelt werden. Darüber hinaus war dieses Zentrum ein sicherer Ort, an dem die Jugendlichen essen, sich waschen und von den Folgen des Drogenmissbrauchs erholen konnten. Dank der psychologischen Unterstützung konnten einige von ihnen wieder eine Arbeit aufnehmen oder eine Unterkunft finden.
Im Jahr 2010 evaluierte MSF das Projekt in Tegucigalpa und beschloss, neue und effektivere Ansätze einzuführen, um die medizinischen Bedürfnisse der Opfer körperlicher, sexueller und psychologischer Gewalt noch besser abzudecken. Das Zentrum wurde geschlossen und das Team begann mit der Vorbereitung eines neuen Programms. Ziel ist einerseits, zwischen der Strassenbevölkerung und den vorhandenen Gesundheitseinrichtungen zu vermitteln, anderseits die Nothilfe zugunsten dieser Menschen zu verstärken.
Das Einzugsgebiet, in dem MSF tätig ist, umfasst insgesamt 95'000 Einwohner. Ungefähr 9'500 Personen davon, also 10 Prozent, gehören zur Risikogruppe. Diese setzt sich zusammen aus Obdachlosen, Sexarbeiterinnen, Minderjährigen und Menschen mit übermässigem Drogen- und Alkoholkonsum. Die Teams von MSF gehen in den Strassen der gewalttätigsten Vierteln der Hauptstadt direkt auf diese Menschen zu, um noch mehr Personen zu erreichen und noch besser auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können.
Von März bis Juli 2011 haben die medizinischen Teams von MSF über 950 Personen betreut. Je nach Schweregrad ihrer Leiden wurden die Betroffenen direkt auf der Strasse versorgt oder an andere Gesundheitseinrichtungen verwiesen.
MSF ist zurzeit die einzige Organisation, die der Bevölkerung auf der Strasse direkt eine medizinische Versorgung bietet. Gleichzeitig arbeiten die MSF-Teams in verschiedenen medizinischen Strukturen in Tegucigalpa, mit dem Ziel, die Betreuung der Opfer körperlicher und sexueller Gewalt in diesen Institutionen zu verbessern.
Der Zugang zu einer angemessenen Versorgung der Opfer von Gewalt wird in Honduras durch verschiedene Umstände erschwert – insbesondere sind wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten sowie die Stigmatisierung und Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsschichten zu nennen. Bis heute gibt es in Honduras kein nationales Behandlungsprotokoll für die Versorgung von Gewaltopfern. MSF setzt sich deshalb auch dafür ein, dass die Gewaltproblematik als medizinischer Notfall erkannt wird und das Gesundheitsministerium ein entsprechendes Protokoll einführt.




