Haïti : des personnes risquent leur vie pour se faire soigner
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Haïti : des personnes risquent leur vie pour se faire soigner
© Vicky Onélien/ MSF

Haiti: Wo Menschen für eine Behandlung ihr Leben riskieren In Cité Soleil zeigt sich, was es heisst, ohne medizinische Versorgung zu leben

In Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis, schränkt die anhaltende Gewalt bewaffneter Gruppen die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung erheblich ein. Die wenigen noch funktionierenden Spitäler müssen ihre Arbeit aus Sicherheitsgründen regelmässig einstellen. Dadurch wird der Zugang zu medizinischer Versorgung – gerade für besonders gefährdete Menschen – weiter erschwert.

Besonders kritisch ist die Lage in Cité Soleil. Alle 34 Quartiere dieses Stadtteils stehen unter der Kontrolle bewaffneter Gruppen. Strassen werden immer wieder durch Barrikaden oder Checkpoints blockiert. Dort besteht das Risiko, kontrolliert, festgenommen, angegriffen oder gar getötet zu werden. Die Bewohner:innen dieser Quartiere stehen regelmässig vor einem unlösbaren Dilemma: Entweder sie suchen medizinische Hilfe und setzen sich allen damit verbundenen Risiken aus, oder sie verzichten darauf und nehmen eine möglicherweise irreversible Verschlechterung ihres Gesundheitszustands in Kauf.

Blick auf eine Straße in Cité Soleil, einem von bewaffneten Gruppen kontrollierten Stadtteil in Haiti

Blick auf eine Straße in Cité Soleil, einem von bewaffneten Gruppen kontrollierten Stadtteil in Haiti

© Vicky Onélien

Ronaldo* leidet seit zwei Jahren an Asthma, einer potenziell lebensbedrohlichen Krankheit. Zunächst wurden ihm Medikamente verschrieben, später ein Inhalator – eine in vielen Ländern alltägliche Behandlung. Dennoch leidet der 19-Jährige schwer unter dieser Krankheit, zum einen wegen der hohen Behandlungskosten, zum anderen wegen der Vorherrschaft bewaffneter Gruppen in vielen Quartieren von Port-au-Prince. Er kam nach einem Atemnotanfall in die Notaufnahme von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil.

Ein fiktives Porträt von Ronaldo, einem jungen Mann mit Asthma, der in Port-au-Prince, Haiti, lebt

Ein fiktives Porträt von Ronaldo, einem jungen Mann mit Asthma, der in Port-au-Prince, Haiti, lebt.

© Vicky Onélien

Wenn sich die Sicherheitslage zuspitzt und Schüsse fallen, kann ich nicht rausgehen – vor allem nicht, wenn ich unter Atemnot leide. In solchen Momenten giesst mir meine Familie kaltes Wasser über den Körper, um mir Linderung zu verschaffen.

Ronaldo*

Wie Ronaldo können viele Patient:innen das Spital von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil nicht aufsuchen, wenn sich bewaffnete Gruppen in den Strassen des Quartiers Gefechte liefern.

Eine Kreuzung in Port-au-Prince nach Zusammenstößen zwischen bewaffneten Gruppen, Haiti

Eine Kreuzung in Port-au-Prince nach Zusammenstößen zwischen bewaffneten Gruppen, Haiti.

© Vicky Onélien

Wenn Beschuss die Versorgung unmöglich macht

Anfang Mai 2026 brachen in den Stadtteilen Cité Soleil und Croix des Bouquets heftige Kämpfe zwischen mehreren rivalisierenden bewaffneten Gruppen aus.

Die Zusammenstösse rückten bis auf weniger als 200 Meter an das Gelände der medizinischen Einrichtung heran. Innerhalb von weniger als zwölf Stunden versorgten unsere Teams mehr als 40 Menschen mit Schussverletzungen. Ein Wachmann wurde auf dem Spitalgelände von einem Querschläger getroffen.

Thomas Curbillon, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Haiti.

Mehrere Hundert Menschen fanden auf dem Gelände Zuflucht: Mitarbeitende, ihre Familien und Zivilist:innen aus der Nachbarschaft. Angesichts der dramatischen Zunahme der Gewalt sah sich Ärzte ohne Grenzen am 11. Mai 2026 gezwungen, Patient:innen und Pflegepersonal zu evakuieren und die Arbeit vorübergehend einzustellen.

Blick auf den Eingang des MSF-Krankenhauses in Cité Soleil, Port-au-Prince.

Blick auf den Eingang des MSF-Krankenhauses in Cité Soleil, Port-au-Prince.

© Vicky Onélien

Das Spital blieb drei Wochen lang, bis zum 1. Juni, geschlossen. Es war bereits das dritte Mal innerhalb von drei Jahren, dass die Teams von Ärzte ohne Grenzen die schwierige Entscheidung treffen mussten, ihre Arbeit in Cité Soleil auszusetzen.

Normalerweise werden in der ambulanten Abteilung rund 150 Patient:innen pro Tag behandelt, und die Bettenauslastung liegt häufig bei über 80 Prozent. Das vermittelt einen Eindruck davon, was es für die Bevölkerung bedeutet, wenn wir unsere Aktivitäten mehrere Wochen lang unterbrechen müssen.

Thomas Curbillon, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Haiti.

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Cité Soleil können auch dazu führen, dass Patient:innen das Spital nicht erreichen, selbst wenn es geöffnet ist.

Bei den Kämpfen kommt es teilweise zu heftigem Beschuss mit automatischen Waffen in den Strassen und Quartieren rund um unser Spital. In solchen Fällen kommen die Patient:innen nicht zu uns. Sie versuchen, Schusswechsel möglichst zu vermeiden. Das Spital ist dann fast leer, und unsere Patient:innen mit chronischen Krankheiten haben keinen Zugang mehr zu medizinischer Versorgung – mit Ausnahme jener, die bereits stationär behandelt werden.

Sarah Chateau, Einsatzleiterin bei Ärzte ohne Grenzen in Haiti.
Einblick in einen medizinischen Transport zum Krankenhaus von Tabarre, einer von „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen Einrichtung.

Einblick in einen medizinischen Transport zum Krankenhaus von Tabarre, einer von „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen Einrichtung. Seit Ende 2024 führt „Ärzte ohne Grenzen“ aufgrund der Gewalttaten keine Transporte mehr durch.

© Vicky Onélien
Einblick in einen chirurgischen Eingriff in einer medizinischen Einrichtung in Port-au-Prince, Haiti.

Einblick in einen chirurgischen Eingriff in einer medizinischen Einrichtung in Port-au-Prince, Haiti.

© Vicky Onélien

Bewaffnete Auseinandersetzungen können auch dazu führen, dass Frauen keinen Zugang zu Mutter-Kind-Versorgung erhalten. So zwang eine neue Welle der Gewalt im Juni 2026 in Cité Soleil und in der Umgebung der von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Geburtsklinik Isaïe Jeanty die Teams dazu, ihre Arbeit dort für mehrere Wochen einzustellen.

Ein Gesundheitssystem am Anschlag

Selbst wenn es Patient:innen gelingt, eine Gesundheitseinrichtung zu erreichen, ist nicht garantiert, dass diese sie versorgen kann. Landesweit ist die medizinische Versorgung zusammengebrochen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind nur noch 26 Prozent der Gesundheitseinrichtungen voll funktionsfähig. Die übrigen wurden geschlossen, geplündert oder arbeiten aufgrund von Personal- und Materialmangel sowie der unzureichenden Sicherheitslage nur noch eingeschränkt

Rosemie*, die in Cité Soleil lebt und an Diabetes leidet, beklagt diese Situation: «Die kleinen Kliniken in meinem Quartier wurden zerstört, und alles, was sich darin befand, wurde geplündert.» Die 76-Jährige wurde mehrere Tage lang im Spital von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil behandelt. Vor Kurzem wurde bei ihr Diabetes diagnostiziert. Seitdem hat sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert. Vor diesem Vorfall kannte sie die Krankheit nicht und hatte nur gehört, dass sie «Menschen tötet, ihnen Wunden zufügt und sogar zu Amputationen führen kann». Als sie zur Sprechstunde bei Ärzte ohne Grenzen kam, konnte sie nicht mehr gehen. Die Krankheit hatte sie geschwächt, und sie war abgemagert.

Einblick in eine Sprechstunde in einem Zentrum von „Ärzte ohne Grenzen“ in Port-au-Prince, Haiti.

Einblick in eine Sprechstunde in einem Zentrum von „Ärzte ohne Grenzen“ in Port-au-Prince, Haiti.

© Vicky Onélien

«Das Budget des Gesundheitsministeriums ist sehr begrenzt», erklärt Chateau. «Die humanitäre Hilfe für Haiti ist auf internationaler Ebene seit Jahren unterfinanziert. In dieser Situation haben Menschen mit einer chronischen Krankheit kaum eine Chance, ihre Behandlung fortzuführen, und im Fall eines schweren Krankheitsschubs kann ihr Leben in Gefahr sein.»

Die Möglichkeiten, die schwersten Fälle aus dem Spital von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil zu verlegen, sind sehr begrenzt und manchmal sogar unmöglich. Patient:innen mit Schusswunden werden in unser Spital in Tabarre gebracht, das auf Verletzungen solcher Art spezialisiert ist. «Für bestimmte lebenswichtige Operationen haben wir ebenfalls Lösungen, zum Beispiel für Menschen mit einer Bauchfellentzündung», erklärt Dr. Jérôme Fritsch, medizinischer Projektreferent im Spital von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil. «Wir können sie in das Sainte-Camille-Spital verlegen, wo sie von Chirurg:innen operiert werden. Ärzte ohne Grenzen übernimmt sämtliche Kosten des Spitalaufenthalts.»

Chronische Krankheiten – häufigste Todesursache in Haiti

Während der Schliessung des Spitals von Ärzte ohne Grenzen wusste ich nicht, wohin. Ich kann es mir nicht leisten, in ein kostenpflichtiges Spital zu gehen oder meine Medikamente zu kaufen.»

Maryse*, eine Frau, die an Diabetes und Bluthochdruck leidet.

Chronische Krankheiten weisen mehrere Besonderheiten auf: Sie begleiten die Betroffenen ein Leben lang und erfordern eine regelmässige Betreuung und Medikamenteneinnahme. «In Haiti kann es sehr schwierig sein, eine Behandlung zu erhalten», erklärt Fritsch. «Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Asthma oder Epilepsie erfordern oft teure Medikamente, die manchmal aufgrund von Lieferengpässen in Apotheken nicht erhältlich sind.»

In der Notaufnahme des Spitals von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil versorgen die medizinischen Teams täglich rund 30 Patient:innen. Einige von ihnen befinden sich in einer akuten Krise im Zusammenhang mit einer chronischen Krankheit. Im Juni 2026 betrug der Anteil dieser Fälle rund 10 Prozent. Das Krankheitsbild variiert von Patient:in zu Patient:in, aber alle befinden sich in einem kritischen Zustand, der rasch behandelt werden muss. 

Bei Bluthochdruck kommen Patient:innen zu uns, die nicht mehr richtig atmen können. Wir müssen ihnen Sauerstoff geben und teils auch ihre Wassereinlagerungen behandeln. Diabetespatient:innen mit einem zu hohen Blutzuckerspiegel können in ein diabetisches Koma fallen – die häufigste Todesursache bei dieser Krankheit.

Blick in den Warteraum des MSF-Krankenhauses in Cité Soleil, Port-au-Prince, Haiti.

Blick in den Warteraum des MSF-Krankenhauses in Cité Soleil, Port-au-Prince, Haiti.

© Vicky Onélien

Nach der Stabilisierung und einem Spitalaufenthalt kehren die Patient:innen mit Medikamenten – Diabetiker:innen mit Insulin – nach Hause zurück. «Nach ihrer Entlassung müssen Diabetespatient:innen zu Hause weiterhin Insulin einnehmen, ihren Blutzucker und diabetesbedingte Komplikationen im Auge behalten und auf eine ausgewogene Ernährung achten. Für diese Patient:innen ist das äusserst schwierig», bedauert Fritsch.

Obwohl chronische Krankheiten laut WHO die häufigste Todesursache in Haiti sind, verzeichnen die Teams von Ärzte ohne Grenzen im Spital in Cité Soleil nur wenige Todesfälle im Zusammenhang mit diesen Krankheiten.

Die meisten Todesfälle ereignen sich ausserhalb von Gesundheitseinrichtungen. Die Betroffenen können diese wegen der Gewalt oder der Transportkosten nicht erreichen, oder sie sind zu geschwächt und erleiden einen akuten Krankheitsschub.

Jérôme Fritsch

Seit März 2026 ermöglicht eine Partnerschaft mit der Haitianischen Stiftung für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (FHADIMAC) eine einjährige Nachbetreuung für ausgewählte Patient:innen mit Bluthochdruck oder Diabetes. «Um in dieses Programm aufgenommen zu werden, müssen die Patient:innen zunächst wegen eines akuten Schubs im Zusammenhang mit einer dieser Krankheiten in der Notaufnahme von Ärzte ohne Grenzen behandelt worden sein», so Fritsch weiter. «Wir hoffen, dass diese Betreuung den Teufelskreis durchbrechen kann, in dem diese Patient:innen gefangen sind: Notaufnahme, Stabilisierung, Spitalaufenthalt, Rückkehr nach Hause, Schwierigkeiten bei der Selbstversorgung und erneute Einlieferung in die Notaufnahme.»

Eine Frau geht in eine Apotheke in Port-au-Prince, um Medikamente zu kaufen.

Eine Frau geht in eine Apotheke in Port-au-Prince, um Medikamente zu kaufen. Einige Medikamente sind aufgrund von Engpässen, hohen Preisen oder Plünderungen schwer zu bekommen.

© Vicky Onélien

Komplikationen infolge chronischer Krankheiten erfordern jedoch eine spezialisierte Behandlung, die in der haitianischen Hauptstadt teilweise nicht verfügbar ist. Ohne angemessene Nachsorge kann eine Person mit Bluthochdruck einen Schlaganfall erleiden – «eine Situation, für die es in Port-au-Prince praktisch keine Behandlungsmöglichkeiten gibt», fährt Fritsch fort.

Lebenshaltungskosten und Stigmatisierung – weitere Hindernisse beim Zugang zu Gesundheitsversorgung

Der jüngste Anstieg der Benzinpreise hat die Lebensmittel- und Transportkosten in die Höhe getrieben. Dies führt dazu, dass die Menschen nicht aus der Armutsspirale herausfinden.

Unsere Behandlungen sind kostenlos, aber es gibt Bevölkerungsgruppen, die sich die rund hundert Gourdes (umgerechnet 70 US-Cents) für die Fahrt mit dem Motorradtaxi hierher nicht leisten und deshalb unser Spital nicht aufsuchen können.

François Batistin, stellvertretender Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil.
Une personne à l'arrière d'un taxi-moto dans les rues de Port-au-Prince, Haïti

Une personne à l'arrière d'un taxi-moto dans les rues de Port-au-Prince, Haïti

© Vicky Onélien

Hinzu kommt die starke Stigmatisierung, der Menschen aus Cité Soleil allein aufgrund ihrer Herkunft aus diesem Stadtteil ausgesetzt sind.

Sie haben Angst, sich in andere Quartiere zu begeben, etwa nach Delmas oder Pétion-Ville. Sie könnten von der haitianischen Polizei für Mitglieder bewaffneter Gruppen gehalten oder verdächtigt werden, mit ihnen in Verbindung zu stehen. Cité Soleil ist der bevölkerungsreichste Stadtteil im Grossraum Port-au-Prince, und trotzdem hat der Staat ihn vollständig sich selbst überlassen. Er hat einen schlechten Ruf, da er von bewaffneten Gruppen kontrolliert wird.

François Batistin, stellvertretender Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil.

Haiti steckt seit mehreren Jahren in einer tiefgreifenden und vielschichtigen Krise. Der medizinische Bedarf in Cité Soleil, wo rund 300 000 Menschen mit stark eingeschränktem Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Gesundheitsversorgung leben, ist enorm. «Die Menschen haben Schwierigkeiten, Cité Soleil zu verlassen, um sich anderswo medizinisch versorgen zu lassen. Umgekehrt nehmen aber Menschen von ausserhalb das Risiko auf sich, für eine Untersuchung bei Ärzte ohne Grenzen nach Cité Soleil zu kommen, weil die Medikamente von guter Qualität und die Behandlungen kostenlos sind», ergänzt Batistin.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen sind seit 15 Jahren im Stadtteil tätig und passen ihre Hilfe laufend an die sich ständig wandelnde Krise an. Doch allein können sie dem fortschreitenden Zusammenbruch der medizinischen Versorgung nicht entgegenwirken. Solange Menschen ihr Leben riskieren müssen, um eine medizinische Fachperson aufzusuchen oder eine Therapie fortzuführen, bleibt es eine dringende humanitäre Aufgabe, ihnen eine gut zugängliche, lückenlose und qualitativ hochwertige Versorgung zu ermöglichen.

* Die Vornamen der Patient:innen wurden geändert, um ihre Anonymität zu wahren.