Einsatz- und Finanzplanung
In Notfällen sowie bei mittelfristigen Einsätzen beginnt das chirurgische Team - allen voran der Chirurg - immer mit einer genauen Analyse der Krankenhausstrukturen, der Ausrüstung und des einheimischen Personals. Die Beurteilung der Ausrüstung betrifft in erster Linie den Operationstisch, der sich häufig in sehr schlechtem Zustand befindet. Hauptsache ist, dass der Patient korrekt hingelegt werden kann.
Auch die Beleuchtung ist ein grosses Problem. Sehr oft müssen die Einsatzteams nur mit Tageslicht operieren oder sich mit einer einfachen Lampe begnügen, bei der manchmal die Birne durch einen Autoscheinwerfer ersetzt wurde.
Wenn Operationsinstrumente fehlen oder unbrauchbar sind, bringen die Chirurgen das erforderliche Material in Form von Kits mit. Der Einsatz von Material unterliegt aber einer grundsätzlichen Regel: Jede Einführung von neuem Material - oder eines neuen Prozesses - kann ein bereits prekäres Gleichgewicht zusätzlich gefährden. Der Einsatz von neuem Material muss deshalb reiflich überlegt werden in bezug auf die Möglichkeiten des einheimischen Personals und die Art, das Neue in die praktische Arbeit einzuführen.
Das Gleiche gilt auch für die Wahl von Nahtmaterial. Chirurgen sollen nur solche Fäden benützen, die unabdingbar sind. Je weniger Sorten, desto einfacher der Einkauf, die Aufbewahrung und die Benützung durch das lokale Personal. Normalerweise genügen acht verschiedene Fäden. Diese Punkte gilt es bei der Einsatz- und Finanzplanung unbedingt zu berücksichtigen.
Im Notfall benützen die Chirurgen die vorbereiteten Kits, welche im Logistikzentrum von MSF in Bordeaux gelagert sind. Der Kit "Chirurgie 300 Einsätze" zum Beispiel, erlaubt es, in einem Konfliktgebiet eine chirurgische Mission zu starten und in einem Monat 300 grössere Eingriffe in einer Krankenhausstruktur von 100 Betten vorzunehmen.
Asepsis, Neutralisierung und Sterilisierung
Vor jeder Operation müssen sich die chirurgischen Teams vergewissern, dass Asepsis (Keimfreiheit), Neutralisierung und Sterilisierung der Werkzeuge und des Arbeitsortes eingehalten werden. Um sich von der Asepsis ein Bild zu machen, müssen die Handgriffe des lokalen Personals genau beobachtet werden. Auch das Vorgehen beim Neutralisieren des Bodens, der Arbeitsflächen, des Abdecktuches sowie der Instrumente muss sorgfältig analysiert werden, indem zum Beispiel die benützten antiseptischen Lösungen und der Reinigungsrhythmus überprüft werden. Auch die Sterilisierungsmassnahmen werden vom Chirurg kontrolliert.
Postoperativer Kontext
In sehr gefährlichen Krisengebieten hängt das Überleben eines Patienten in erster Linie von der Achtsamkeit der Familie ab - wenn eine Familie da ist - und der Möglichkeit, ihn vor einer erneuten Verletzung zu schützen. Normalerweise aber sind die Anzahl, die Qualifikation und vor allem die Motivation des lokalen Personals ausschlaggebend für Heilungserfolge. Die MSF-Teams müssen vor allem am Anfang darauf achten, sich genügend Zeit zu nehmen, um zu überprüfen, wie Verbände angelegt und Medikamente verteilt werden und ob Infusionen nachts halten, etc. Daneben sollen sie dem Personal akzeptable Ratschläge abgeben.




