15.12.2006 - Sudan

Freier Tag

Voraus eine Warnung: diese e-mail ist vielleicht nur für meine vielen Hebammen-Freundinnen :-) interessant.
Habila, Sudan, 2006
Habila, Sudan, 2006
© MSF
Habila, Sudan, 2006
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Wo ist das?
Sundan
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Wie vorhergesagt, begann mein erster offizieller freier Tag heute am frühen Morgen mit einer Geburt - also kein Ausschlafen. Die Zahl der Geburten und der Patientinnen des Frauen-Gesundheitszentrums ist in den vergangenen paar Tagen dramatisch angestiegen. Als ich gerade aus dem Spital zurückkam, wurde ich per Funk sofort wieder gerufen: eine andere Frau war so weit, zu gebären. Die vorangegangene Geburt war die erste, die ich an einem Freitag erlebt habe - Freitag ist hier der eine freie Tag. Bei den Geburten am Freitag ist nur die dienstbereite Hebamme anwesend, es sei denn, eine der TBAs (der ausgebildeten Geburtshelferinnen) bringt die Patientin her und bleibt dann auch da. Es schnatterten also viel weniger Hebammen aufgeregt durcheinander, und die Geburt verlief ein bisschen friedlicher als üblich. (So sehr ich auch ruhige, friedliche Geburten mag, hier sind immer zu viele Hebammen anwesend, die ausgebildet werden wollen. Und für die Mütter scheint ein grosses Tamtam bei jeder Geburt in Ordnung zu sein.)

Das Alter unserer Hebammen und TBAs reicht über alle Altersstufen, aber bei jeder Geburt werden alle zu närrischen, aufgeregt kichernden Teenagern. Den Frauen von Habilah ist die Vorstellung eines eigentlichen 'Geburtsraums' fremd; ich glaube, sie schüchtert sie ein. Eine der TBAs, eine Frau von schätzungsweise 70 Jahren, wird so nervös, wenn sie Handschuhe tragen muss, dass sie bei jeder Geburt dasteht und ihre behandschuhten Hände in die Luft streckt, vor lauter Angst, irgendetwas damit zu berühren und sie schmutzig zu machen.

Wenn ich eine der Frauen darum bitte, etwas zu tun, beispielsweise die Beine der Gebärenden zu halten oder ihr Wasser zu bringen, dann reissen sich alle darum, das zu übernehmen, und tun es so begeistert, dass ich nur noch lachen kann.

Die Hebammen von Khartum

Die Hebammen von Khartum (der Hauptstadt des Sudan), die gewohnt sind, sich gegenüber den "ungebildeten" Dorfhebammen als Expertinnen zu sehen, finden es nicht gerade erfreulich, dass ich tatsächlich mit weit mehr Praktiken der Dorfhebammen übereinstimme als mit den ihren. Anfangs, als ich hierher kam, erzählten sie mir, dass die TBAs die Frauen in ihren Hütten im Knien entbinden. Anstatt dass mir das Archaische dieser Praxis den Atem verschlug - wie vermutlich von mir erwartet wurde -, sagte ich: "Das ist ja grossartig. Lasst uns versuchen, das hier auch zu machen." Der Gebärtisch, ein Symbol all dessen, was bei heutigen Geburten falsch läuft, bleibt jetzt nicht mehr flach und lässt die Frauen auf dem Rücken liegen. Eine Hälfte wird so hoch gestellt, wie es geht, und zusätzlich stütze ich die Frau mit Kissen, damit sie sich in einer möglichst aufrechten Lage befindet. Die Haltebügel werden nicht mehr dazu gebraucht, Beine zu halten, sondern dienen meistens als Armstütze für die HebammenJ. Die Praxis routinemässiger Episiotomien (Dammschnitte) bei Erstgebärenden war das erste, was ich abgeschafft habe, zum äussersten Entsetzen der hiesigen Hebammen. Zum Glück gab es bei den beiden Erstgebärenden, die ich seither entbunden habe, nur kleine Risse. Die Hebammen waren überzeugt, dass es bei jeder Erstgebärenden ohne Episiotomie unweigerlich zu einem Riss vierten Grades (durch das Rektum, den Enddarm) kommen würde.

Die Geburt

Die Geburt heute morgen war die erste, bei der es dem Baby nicht gut ging, und instinktiv wollte ich die Absaugmaschine anstellen, um die blutige, mekoniumhaltige Flüssigkeit (Mekonium = Kindspech) aus seiner Nase und seinem Mund abzusaugen. Aber sowas haben sie hier nicht. Also versuche ich es mit dem manuellen Absauggerät, aber das funktioniert nicht. So nehme ich den Absaugkatheter und bete, dass nichts in meinen Mund gelangt. Das Baby hat keine gute Farbe und sein Herz schlägt sehr langsam, und während ich es zu beleben versuche, bitte ich Milena, mir den Sauerstoff zu geben. Sie sagt mir, dass wir keinen haben. Darauf ich: "Ist das dein Ernst? Im ganzen Spital nicht?". Ja, wirklich. Wenn ich Sauerstoff will, müssen wir Andi veranlassen, den Generator zum Krankenhaus zu fahren, dann den Sauerstoffkonzentrator zu unserer Seite des Spitals rüber zu bringen und alles aufzubauen. Wahrscheinlich in etwa einer halben Stunde könnte ich Sauerstoff für das Baby haben. Schrecklich.

Zum Glück ging es dem Baby schliesslich doch gut, aber für mich war das einer jener Augenblicke, wo du einfach dastehst und dich fragst, was zum Teufel du tun sollst ohne irgendein Stück jener Ausrüstung, die du gewohnt bist. Ja gut, ich weiss ja, dass es immer darum geht, zu improvisieren und zurechtzukommen mit dem, was es gibt.

Über meine Mitarbeiterinnen bin ich wirklich glücklich. Die ausländische Hebamme, die vor mir hier war, hat ein tolles System aufgebaut. Das Zentrum läuft problemlos, und ich muss lediglich überwachen und an Einzelheiten der Ausbildung der Frauen zu Hebammen arbeiten. Manchen muss ich mehr beibringen als anderen, aber mit der Zeit und der Erfahrung werden sie das alles können. Die meisten wollen UNBEDINGT lernen. Der Gedanke daran, mit Leuten zu tun zu haben, die schon ihre eingefahrene Art und Weise haben, die Dinge zu tun, lockt mich gar nicht - darum hasse ich es, die Supervisorin sein zu müssen.
Lieber würde ich den ganzen Tag nur Babys zur Welt bringen.

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