01.08.2006 - Sudan

Erster Tag in Habilah

Gestern bin ich mit dem Helikopter angekommen und bekam einen ersten Eindruck von Habilah - aus der Luft, bei der Landung und dann zu Fuss. Das Dorf ist fast unwirklich schön, trotz seiner Geschichte und seiner Armut.
La ville d'Habila, dans la province soudanaise du Darfour Occidental, Soudan. 2007.
La ville d'Habila, dans la province soudanaise du Darfour Occidental, Soudan. 2007.
© MSF
Habila, Sudan, 2006
Habila, Sudan, 2006
© MSF
Habila, Sudan, 2006
Habila, Sudan, 2006
© MSF
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Wo ist das?
Sundan
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Die Landschaft und alle menschlichen Einrichtungen sind von unterschiedlichen Braun- und Rot-Tönen, überdeckt von dem Staub, der die ganze Atmosphäre durchdringt. Aber die Menschen kleiden sich in leuchtenden Farben, die zu der Umgebung einen unglaublichen Kontrast bilden. Männer mit weisser Kopfbedeckung und langen weissen Gewändern sitzen am Strassenrand im Schatten, beschäftigen sich vor allem damit, den Kindern, die uns folgen, zu sagen, sie sollten uns in Ruhe lassen. Die Frauen laufen die 'Strassen' entlang mit riesigen Bündeln von Holz oder Töpfen auf dem Kopf und ihren Babys auf den Rücken gebunden. Die Kinder rennen barfuss umher, mit dreckigen, zerrissenen Kleidern. Als unterernährt können diese Kinder nicht gelten, aber ganz bestimmt kann man sie auch nicht als einigermassen gut ernärt bezeichnen. (Das wird sich bald ändern, denn das UN-Welternährungsprogramm hat wegen fehlender Mittel die Nahrungsmittel-Rationen halbiert. Bereits jetzt ist die Zahl der Kinder, die vom therapeutischen Ernährungszentrum des Spitals betreut werden, stark gestiegen.)


Jede Behausung ist durch irgendeine Art "Zaun" umgrenzt, aus geflochtenem Stroh, aus Backsteinen oder auch aus trockenem Dornengestrüpp. Jeder Zaun umschliesst eine vollkommen rechtwinklige Fläche, innerhalb derer die 'tukuls' (die Hütten) der Bewohner liegen. Einige sind recht gut gebaut, andere sehen so aus, als seien sie aus allen erdenklichen zufällig verfügbaren Materialien zusammengezimmert worden. Das Dorf Habilah, das früher etwa 5'000 Einwohner hatte, ist wegen des Zustroms von intern Vertriebenen auf etwa 25'000 Einwohner angewachsen. Aber die Vertriebenen leben nicht getrennt von den Dörflern, sondern sind in das Dorf integriert, so dass schwer zu sagen ist, wer vertrieben ist und wer nicht. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben die Leute begonnen, sich hier Lebensgrundlagen zu schaffen.

Das MSF-Spital

Unser kleines Spital ist wunderbar, und sein Personal auch. Ich habe unser Team kennen gelernt und die verschiedenen Abteilungen des Spitals gesehen und einen gewissen Eindruck bekommen, was wir hier in Habilah machen.

Es gibt Untersuchungszimmer für die ambulanten Patienten, die täglich wegen geringfügigerer Krankheiten und Verletzungen kommen. Dann gibt es die Station für diejenigen Patienten, die stationär aufgenommen werden müssen. Einer der Patienten dort ist ein hübscher 10-jähriger Bub, dessen Hand abgerissen wurde, als er eine zufällig gefundene Granate aufhob und damit spielte - das dritte Opfer in diesem Dorf in der letzten Zeit. Er lag in seinem Bett, ein Arm nur noch ein Stumpf und die andern drei Gliedmassen in weissen Verbänden, aber er schenkte uns trotzdem ein hinreissendes Lächeln.

Als wir die Frauenstation erreichten, kamen die Frauen, mit denen ich arbeiten werde, tanzend und singend heraus, und eine von ihnen stiess eine Art schrillen Kriegsruf aus. Eine rannte auf mich zu, um mich zu umarmen, und alle begannen, mir die handgeschriebenen Zeichen auf ihren Kleidern zu zeigen, die lauteten: "Willkommen, Frau Amy". Es gibt einen kleinen Raum mit 2 Betten für Frauen in den Wehen und nebenan einen anderen kleinen Raum für die Geburten. Hinter den beiden Räumen liegt ein sonst nicht zugänglicher Hof, wo die Frauen, die Wehen haben, umhergehen, sich etwas waschen oder eine nicht öffentliche Latrine benutzen können.


Als nächstes gingen wir zu dem TFC, dem therapeutischen Ernährungszentrum. Da lagen in einem grossen Zelt 10 kleine unterernährte Kinder, jedes mit seiner Mutter oder einer älteren Schwester, die für es sorgte. Sie bleiben den ganzen Tag, damit die Familie lernen kann, wie sie für das Kind sorgen muss (und damit die Mutter das Essen nicht auch an ihre anderen hungrigen Kinder verteilt), und nachmittags um 5 gehen sie dann heim mit einem Beutel voller Essen für den Abend. Wenn das Kind nur noch 'mässig' unterernährt ist, wird es dem SFC zugeteilt, dem Ernährungsergänzungs-Zentrum, und die Familie holt bei jedem Besuch das Essen für 2 Wochen ab.

Anschliessend besichtigten wir den kleinen Raum, der als Operationssaal eingerichtet wurde. Chirurgische Fälle werden nach El Geneina (der Provinzhauptstadt) überwiesen, es sei denn, es ist Nacht und Fahrten sind verboten, oder es geht um Leben oder Tod. Die letzte Operation war ein Kaiserschnitt bei einer Frau, die schon 2 Tage in den Wehen lag. Als sie in Schock geriet, improvisierte das Team einen Operationstisch und holte das Kind mit Kaiserschnitt. Mein erstes wirkliches Gespräch mit Andi, unserem Logistiker, war jenes, wo er mir erzählte, wie er über dem Tisch ein Licht aufzuhängen versuchte, damit sie sehen konnten, was sie taten, und wie er dabei in die Augen der Patientin herabschaute, und was er fühlte, als sie ein totes Baby zur Welt brachten und 3 Stunden später auch die Mutter verloren. Nichts, mit dem ein ehemaliger Geschäftsmann in Österreich allzu oft zu tun hat.

Mein Team hier besteht bisher aus mir, Carmenza, Milena und Andi. Carmenza ist Ärztin aus Kolumbien, Milena ist eine Krankenschwester aus der Schweiz, und Andi ist der ehemalige Geschäftsmann aus Österreich.

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