15.04.2009 - Somalia

Donna in Dagahaley - 15. April 2009

Donna Canali hat drei Monate als Projektkoordinatorin für MSF im Flüchtlingslager Dagahaley in der Nähe der Stadt Dadaab im Norden Kenias gearbeitet. 270'000 Menschen, die vor den Kämpfen in Somalia geflohen sind, leben dort. Aber auch im Lager haben sie weder ausreichend Nahrung und Wasser noch angemessene Unterkünfte, so dass viele Flüchtlinge überlegen, nach Somalia zurückzukehren. In ihren Briefen beschreibt Donna ihre Arbeit als humanitäre Helferin im Lager in Dadaab.
Dagahaley, Somalia, 05.05.2009
Dagahaley, Somalia, 05.05.2009

Piraten, Nahrungsmangel und erneute Kämpfe in Somalia 

Die Flüchtlinge haben heute gestreikt und verweigert, ihre Nahrungsration abzuholen. Die Rationen wurden um 30 Prozent gekürzt. Einerseits lag es daran, dass das Schiff mit der Nahrung für Dadaab von den Piraten gekapert wurde, andererseits an den schlechten Strassenverhältnissen. Ich habe heute mit Dutzenden Menschen gesprochen, die alle eine Möglichkeit suchen, nach Somalia zurückzukehren. Sie sagen, es ist besser sich den dortigen Kämpfen auszusetzen als dem Leben in Dadaab. Es gibt nicht genügend Wasser, Unterkünfte, sanitäre Einrichtungen, und nun auch noch die Nahrungsmittelkürzungen – das ist mehr, als sie ertragen können. Sie sind verärgert und hoffnungslos. Eines ist sicher: Die Somalier im Lager unterstützen die somalischen Piraten keineswegs. 

Wir haben heute Morgen angekündigt die Öffentlichkeitsarbeit auszuweiten, indem wir Geschichten aufschreiben, die dem Leben im Lager ein Gesicht geben. Die normalerweise sehr stille Gruppe hat viel Energie entwickelt, hat erzählt und grosses Engagement gezeigt. Sie sagten, dass bisher niemand über die Situation in Dadaab berichtet hat und dass es viele Menschen gibt, die bereitwillig ihre Geschichte erzählen. 

Wir waren noch fünf Minuten vom Gesundheitsposten entfernt, als uns die Menschen bereits entgegen gekommen sind, um ihre Geschichte zu erzählen. Ein Mann erzählte uns, dass er vor sechs Monaten vor der Gewalt in Mogadischu geflohen ist, die durch die äthiopischen Soldaten auf dem Fleischmarkt ausgelöst wurde. Seine Frau wurde vergewaltigt. Sie hatten kein Geld, haben es aber geschafft, mit ihren Kindern in einem Lastwagen bis zur Grenze zu fliehen. Die dortige Gemeinde hat Geld gesammelt, damit die Familie nach Dadaab weitereisen konnte. „Aber es war dort furchtbar“, erklärte der Mann. Er und seine Familie haben kein Land und keine Plastikplane bekommen, ihre jetzige Unterkunft ist vollkommen unangemessen und sie haben nicht genug Wasser. „Jetzt nehmen sie uns auch noch unser Essen weg. Ich werde einen Weg finden, nach Somalia zurückzukehren. Fast alle in unserer Umgebung versuchen, nach Somalia zurückzukehren.“ 

Als wir weitergegangen sind, hat uns eine Frau zu ihrem Haus geführt, in dem sie uns die kalte ungenutzte Kochstelle gezeigt hat. Sie sagte, dass sie seit Tagen nichts zu Essen bekommen haben. Ihre Ration hält nur für 10 anstatt 14 Tage, weil sie ein wenig hat verkaufen müssen, um dafür Zucker kaufen zu können. Ihre beiden Kleinkinder sehen zerbrechlich und viel zu dünn aus. Eine kurze Untersuchung hat ganz klar gezeigt, dass sie unterernährt sind. Wir haben sie mit zum Gesundheitsposten genommen. Dort haben wir festgestellt, dass sie vor kurzem erst aus unserem Ernährungsprogramm entlassen wurden. Da sie aber wieder Tage ohne Essen auskommen mussten, war es klar, dass sie wieder eingewiesen werden müssen. Die Mutter sagt, dass sie nach Somalia zurück möchte. 

Als wir zum Gesundheitsposten zurückgegangen sind, hat mir eine Frau aus einem  Minibus heraus ein Zeichen gegeben. Sie hat uns ein Stück Papier gezeigt und erklärt, dass sie auf dem Weg zum Büro der Vereinten Nationen (UN) ist, um eine Vergewaltigung anzuzeigen, die sich letzte Nacht zugetragen hat. Ich habe in die leeren Augen des jungen Opfers geschaut, die die Erwachsene gebeten hat, mit ihr in unseren Gesundheitsposten zu fahren, um untersucht zu werden. 

Heute ist ein nervenkranker Patient entkommen, der an einen Baum bei einer der Hütten gefesselt war. Die Familie hat gehört, dass er zum Markt gegangen ist. Als wir eine Stunde später in unserer Klinik angekommen sind, haben Hunderte Menschen den Eingang zu unserer Klinik direkt neben dem Markt bevölkert. Wir haben gehört, dass ein seelisch kranker Patient gerade einen Mann getötet hat. Der Tote wollte gerade an diesem Tag nach Amerika ausreisen, um sich da niederzulassen. 

Heute war einer der Tage, an denen meine Brust schmerzte weil Tränen aufstiegen und es blieb mir nur, meine Augen zusammenzupressen, um die Tränen am Fallen zu hindern. Dann lachte ich und schüttelte die Hände von vielen neugierigen Kindern, die mich wieder und wieder fragten: „Wie geht es Dir? Wie heisst Du? Wie alt bist Du?“. 

Kein Grund und Boden, keine Nahrung, keine Unterkunft. Dennoch vergisst Du nie, dass Du im 21. Jahrhundert bist, weil jeder ein Mobiltelefon hat oder zumindest jemand in jeder Familie. Und es gibt ein gutes Netz. Ah, die kleinen Ironien des Lebens. 

Ich wünsche mir Frieden in Somalia und Hoffnung in Dahaab,

Donna im Lager Dagahaley

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