01.03.2009 - Somalia

Donna in Dagahaley - 1. März 2009

Donna Canali hat drei Monate als Projektkoordinatorin für MSF im Flüchtlingslager Dagahaley in der Nähe der Stadt Dadaab im Norden Kenias gearbeitet. 270'000 Menschen, die vor den Kämpfen in Somalia geflohen sind, leben dort. Aber auch im Lager haben sie weder ausreichend Nahrung und Wasser noch angemessene Unterkünfte, so dass viele Flüchtlinge überlegen, nach Somalia zurückzukehren. In ihren Briefen beschreibt Donna ihre Arbeit als humanitäre Helferin im Lager in Dadaab.
Dagahaley, Somalia, 05.05.2009
Dagahaley, Somalia, 05.05.2009

1. März 2009, Lager Dahagaley, Dadaab

Ich habe so viel zu tun seit ich am 15. Februar hier angekommen bin, dass es mir vorkommt, als wäre ich schon seit zwei Monaten und nicht erst seit zwei Wochen hier. 

Heute beginnen die richtig heissen Monate in Dadaab. Würde es noch heisser werden, würde es mir regelrecht Tränen in die Augen treiben. Die steigende Hitze wird von kleinen Wirbelstürmen begleitet und jeden Tag beobachte ich mehrere Spiralen, die sich in den Himmel schrauben oder durch unser Gelände wirbeln. Sie werfen Türen zu, stechen in den Augen und bedecken alles und jeden mit einer dünnen Schicht Sand. Unser Fahrer Mohamed erzählt mir, dass die Menschen die Wirbelstürme Teufel nennen, weil sie teilweise zu Ohnmachtsanfällen führen und körperliche Entstellungen und eine Vielzahl von Krankheiten verursachen. 

Das Flüchtlingslager in Dadaab 90 Meilen von der somalischen Grenze entfernt besteht eigentlich aus drei Lagern: Hagadera, Ifo und Dagahaley, in dem ich lebe und arbeite. Die Lager sind im Jahr 1992 ursprünglich für 90'000 Menschen errichtet worden. Im Jahr 2005 ist die Zahl der Bewohner bereits auf 127'000 angewachsen und heute beherbergt das Lager mehr als 270'000 Menschen. Jeden Tag kommen Hunderte neue Flüchtlinge an, die meisten von ihnen aus Somalia. Sie fliehen vor dem Chaos und der Gewalt, die ihr Land seit langem im Griff haben. 

Es ist eines der ältesten und grössten Flüchtlingslager der Welt. Es gibt nicht genug Land, nicht genug Wasser, nicht genug Nahrung, nicht genug Unterkünfte und nicht genug Latrinen. Die vielen traumatisierten Menschen leben in einer Situation, die einer Notlage gleicht. 

Es war unser Ziel, in den Teilen des Lagers Gesundheitsposten zu errichten, in denen die nahezu 20'000 Neuankömmlinge leben. Vor zwei Tagen haben wir einen vorläufigen Gesundheitsposten in einem Zelt eröffnet, in dem wir bis zur Fertigstellung eines festen Gebäudes arbeiten. Als wir am ersten Morgen um 8.30 Uhr dort ankamen, haben bereits 120 Menschen auf Behandlungen gewartet, weitere 60 Menschen wollten uns treffen oder haben nach Arbeit gefragt. Am Nachmittag war die Zahl der Patienten noch genauso hoch. Wir arbeiten mit zwei lokalen Assistenzärzten und vier nationalen Krankenpflegern. 

Unser Zuhause in Dahagaley 

Wir haben auf einem Gelände, das bereits von Nichtregierungsorganisationen (NGO) genutzt wird, vorläufige Unterkünfte errichtet. 80 Menschen leben hier in kleinen und heissen Einzelzimmern. Die MSF-Mitarbeiter leben in Zelten, die wir am Ende des Geländes aufgebaut haben. Wir sind mitten im Busch, viele Stunden von der kleinen geschäftigen Garnisonsstadt  Garissa entfernt und dennoch sind die Nächte von Lärm und Licht erfüllt. Die Sicherheitslampen strahlen hell auf mich hinab, wenn ich schwitzend auf meinem sandigen Bett sitze. Ich schlafe unruhig, wache regelmässig auf. Die Lampen sollen nicht nur die wilden Tiere abhalten, sondern auch Einbrecher. Der dunkle Himmel mit den Millionen strahlenden Sternen, die einen Bogen am Horizont bilden, steht dazu im scharfen Kontrast. 

Der aggressive Klang des knatternden Generators und der unregelmässige Nachtwind, der Türen zuschlägt und an Dächern rüttelt, konkurrieren mit dem leeren Geblöke der Rinder und Kamele, dem Kreischen der Affen, dem Kraxeln undefinierbarer kleiner Tiere und dem Heulen der Hyänen, vermutlich nur ein paar Meter von unseren Zelten entfernt. Das Kreischen einiger meiner eher empfindlichen Kollegen dringt regelmässig durch die Nacht und ist ein Zeichen dafür, dass sie Fledermäusen oder grossen giftigen Skorpionen und Spinnen begegnet sind, die über den Plastikboden der Zelte krabbeln. Von den nahen verkrüppelten Bäumen fallen Hülsen auf die Zelte, sobald der Wind zu wehen beginnt. Unsere lokalen muslimischen Kollegen stehen morgens um 5 Uhr auf um zu beten. Ich warte ab 5.30 Uhr auf den zischenden Klang der schlagenden Flügel der „Jurassic Park“ ähnlichen Geier, die tief über unsere Zelte hinweg fliegen und dabei die kleinen Nestvögel alarmieren, mit ihrem morgendlichen Gezwitscher zu beginnen. Ich bin einige Nächte extra wach geblieben, um das Brüllen eines Löwen zu hören, bisher leider ohne Erfolg. 

Im Moment besteht unser Team aus einem australischen und einem französischen Logistiker, einem österreichischen Arzt, einer kenianischen Krankenschwester, einem französischen Verwalter und zwölf halb somalischen, halb kenianischen Mitarbeitern (sechs medizinische Kräfte, zwei Logistiker, drei Fahrer und einem Liaisonmitarbeiter) und mir. 

Wir haben genug Wasser, um jeden Tag duschen zu können. Das Essen ist sehr einfach und langweilig, aber es hat genug. Einer meiner französischen Kollegen ist tatsächlich einmal beim Essen in Tränen ausgebrochen - nach Brot und Käse schmachtend. Die Köche sind grossartig: Sie machen das Beste aus dem wenigen, was wir haben. Wir aus dem Westen sind viel zu verwöhnt. 

Ein anderer Tag im März 

Zwei Warzenschweine sind vorbeigetrottet. Wir haben eine grosse Schlange mit dem Durchmesser einer Colaflasche in einer Latrine gefunden. Zwei Kollegen haben eine andere Schlange zwischen den Zelten gejagt. 

Abubakar, unser Liaisonmitarbeiter, hat mit mir eine Frau im Lager besucht, von der wir gehört haben, dass sie zwei verwaiste Kinder bei sich hat. Wir haben erfahren, dass sie und ihr Ehemann im somalischen Militär gearbeitet haben. Die Milizen haben zweimal versucht, sie zu töten. Beim zweiten Mal ist sie mit den Kindern aus dem Fenster geflohen. Sie ist mit ihnen weggelaufen und konnte auf einen Lastwagen aufspringen, mit dem sie vor drei Monaten die Grenze zu Kenia überquert hat. Sie weiss nicht, was mit ihrem Ehemann passiert ist. Die Angreifer waren zwischen 13 und 15 Jahren alt. Ihre Tochter war mit dem zweiten Kind schwanger. Sie wollte nach der Geburt nicht im Lager bleiben und ist nach Somalia zurückgegangen. Sie hat das Baby und ihr zweijähriges Kind bei der Grossmutter gelassen. Diese hat aber selber drei Kinder. Sie hat aus Stöcken und einer Plastikplane für sich und die Kinder eine vorläufige Unterkunft errichtet. Einige Kinder müssen draussen schlafen, da nicht alle Platz finden im Innern. Die Unterkunft schützt ein wenig vor der Sonne, wird aber nutzlos, wenn der Regen kommt. 

An einem anderen Tag hat ein Kollege einen anderen Flüchtling sagen gehört: „Ich sollte nach Mogadischu zurückgehen. Dort sterbe ich wenigstens schnell und sieche nicht langsam dahin wie ich es hier tue.“ 

Frieden,
Donna in Dagahaley

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