05.02.2011 - Niger

Im therapeutischen Ernährungszentrum liegen Trauer und Freude nah beieinander

Awras Majeed ist Ärztin aus dem neuseeländischen Wellington und das erste Mal auf Einsatz mit MSF. Seit sieben Monaten arbeitet sie in der Region Zinder im Niger wo sie in einem therapeutischen Ernährungszentrum akut mangelernährte Kinder behandelt. Mit diesem Bericht gibt sie uns einen Einblick in ihre Arbeit im Niger während der „Hungerzeit“.
Niger, Zinder, 2010
Dr Awras Majeed untersucht ein Kleinkind im intensiv-therapeutischen Ernährungszentrum in Zinder. Niger, 2010
Wo ist das?
Niger
Dieser Inhalt ist...
Der Autor / Die Autorin
Awras Majeed

Ich arbeite für MSF in einem therapeutischen Ernährungszentrum in Zinder, im südlichen Niger. Wir pflegen hier jeweils bis zu 400 akut mangelernährte Kinder, die medizinische Behandlung benötigen. Angekommen bin ich im Juli 2010, kurz vor dem Höhepunkt der jährlich wiederkehrenden Ernährungskrise. Obwohl wir diese „Hungerzeit“ erwartet und uns darauf vorbereitet hatten, hat sie uns in ihrem Ausmass dennoch überrumpelt: im Vormonat waren in Niger fast 17 Prozent der Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt. In der am meisten gefährdeten Altersgruppe – Kinder zwischen 6 Monaten und zwei Jahren – litt sogar jedes vierte Kind unter akuter Mangelernährung.

Mein Tag beginnt

Mein Tag beginnt jeweils mit einem halbstündigen Spaziergang zum Ernährungszentrum. Ich freue mich sehr über diese Momente, in denen ich mich unter die Menschen mischen kann. Dadurch lerne ich eine andere Seite des Lebens hier kennen. Das Ernährungszentrum selber besteht aus einer Anzahl dauerhaft errichteter Zelte aus Plastikplanen, die für die unterschiedlichen Phasen der Ernährungsbehandlung in verschiedene Abteilungen aufgeteilt sind. Im Hochsommer klettern die Temperaturen in den Zelten durch die pralle Sonne und die Plastikplanen schnell auf über 40 °C. Das ist nicht einfach.

Ich bin hauptsächlich für die Intensivstation zuständig. Dort werden diejenigen Kinder eingeliefert, die in sehr schlechtem gesundheitlichen Zustand sind und durchgehender und intensiver Betreuung bedürfen. Meine Arbeit hat zwar traurige Seiten, aber ich verspüre auch eine tiefe Befriedigung, ein Gefühl dessen ich niemals überdrüssig werde.

Mangelernährung und Malaria

Während den regulären Visiten werde ich oft in die Notaufnahme gerufen um Kinder, denen es besonders schlecht geht, zu untersuchen und gegebenenfalls in die Intensivabteilung zu überweisen. Ich habe oft das Gefühl, in Stücke gerissen zu werden, wenn ich viele Kinder gleichzeitig untersuchen und behandeln muss.  Nicht nur der Grad der Erkrankungen ist erdrückend, sondern auch deren Ausmass: In der Hungerzeit haben die Kinder bereits mit der Mangelernährung zu kämpfen, aber da der Höhepunkt der Hungerzeit auf die Regenzeit fällt und während der Regenzeit die Malaria erbarmungslos wütet, wird es dann noch viel schlimmer. Die mangelernährten Kinder, die wir behandeln, leiden fast alle an Malaria. Ausserdem können Atemwegsinfektionen, Hautinfektionen und Magen-Darm-Erkrankungen auftreten, die für mangelernährte Kinder lebensbedrohlich sein können.

Wenn ich die Patienten hier mit denen zu Hause vergleiche, ist der alarmierendste Unterschied eindeutig der Schweregrad der Erkrankungen: Eine Magen-Darm-Entzündung bei uns zu Hause ist zwar unangenehm, aber so gut wie nie lebensbedrohlich. Hier hingegen kann ein Kind an Durchfall sterben, wenn es nicht früh genug und behandelt wird.

Lebensgeschichten

Ich frage die Mütter oft nach ihrer Geschichte, um besser zu verstehen, wieso die Kinder hier nicht dieselben Überlebenschancen haben wie die Kinder zu Hause. Es ist jedoch nur schwer zu verstehen und ich suche noch immer nach einer Antwort. Es zerreisst mir das Herz wenn ich Mütter im unserer Klinik sehe deren Kinder sterben: gegen aussen zeigen sie nicht viele Emotionen, beinahe so, als wäre der Verlust normal. Nicht selten nehmen wir Kinder auf, die das letzte überlebende von ehemals sieben oder acht Geschwistern sind. Was müssen diese Familien bereits durchgemacht haben wenn der Tod zur Routine wird?

Die zweite Behandlungsphase

Wenn sich der Zustand eines Kindes stabilisiert hat, gehen zur nächsten Phase der Ernährungsbehandlung über. Dort  konzentrieren wir uns auf Kalorienzufuhr und Gewichtszunahme. Da sich die Situation seit Januar am beruhigen ist, können wir uns nun ausserdem darauf zu konzentrieren, Trainingsmaterial für das nigrische Pflegepersonal zu entwickeln, um neu gewonnene Kenntnisse über die hier vorherrschenden Krankheiten zu vermitteln. Ich hoffe, dass ich dadurch auch nach meiner Abreise noch von Nutzen sein werde.

Fortschritte und Erfolge

Ich freue mich immer, wenn ich die Abteilung der letzten Phase vor der Entlassung  besuche und ich die Fortschritte der Kinder mit eigenen Augen sehen kann, insbesondere wenn der Weg dahin sehr schwierig war. Da stark unterernährte Kinder durch die schwachen Backenmuskeln und die hervorstechenden Wangenknochen ihre unschuldigen Gesichtszüge verlieren, habe ich oft das Gefühl, wir nehmen alte  Menschen auf und entlassen sie als junge Kinder wieder. Manchmal erkenne ich die Kinder kaum wieder, nur durch ihre Mütter weiss ich dann wer sie sind. Das sind wahre Glücksmomente, diese Erfolgsgeschichten sind etwas ganz Besonderes.

Jedes Kind hat das Recht darauf, genügend Nahrung zu erhalten um bis zu seinem fünften Lebensjahr überleben zu können – mit ausreichend Energie versorgt zu sein, damit sich das Gehirn, der Körper und das Immunsystem richtig entwickeln können, und genügend Nahrung zu haben um spielen zu können und ganz einfach nur Kind zu sein.

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