17.12.2010 - Niger

Ein vergessener Tod namens Hunger

Niger, ein Binnenstaat in Westafrika, leidet erneut unter einer schweren Ernährungskrise. Dr. Fergus Glynn, der soeben von einem zehnmonatigen Einsatz im MSF Kinderspital von Zinder zurückgekehrt ist, erzählt die Geschichte von einem seiner kleinen Patienten.
Dr Fergus Glynn, Niger, 2010
Dr Fergus Glynn auf Einsatz in Niger. 2010.
© Claude Mahoudeau/MSF
Dr Fergus Glynn, Niger, 2010
Dr Glynn und sein Kollege Soumana vor der Klinik in Zinder. Niger 2010.
© Claude Mahoudeau/MSF
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Dr. Fergus Glynn

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Sein Name war Mourtala. Später habe ich herausgefunden, dass er damals zwanzig Monate alt war, aber er war so klein, dass ich dachte, er wäre höchstens sechs Monate alt. Als ich die Notaufnahme betrat, fiel er mir wegen seines schlechten Gesundheitszustands sofort auf. Er war gerade mit seiner Mutter auf der Ladefläche einer unserer gedeckten Jeeps angekommen. In dieser improvisierten Ambulanz hatten noch neun weitere Mütter mit Kindern in kritischem Zustand zwei Stunden lang ausgeharrt, während das Fahrzeug über die von der Überschwemmung zerstörten Strassen Richtung Spital holperte.

An diesem Morgen, noch lange vor Sonnenaufgang, hatte Mourtalas Mutter ihr Dorf verlassen und die 17 Kilometer zum nächsten Ernährungszentrum zu Fuss in Angriff genommen; ihr Baby in ein farbiges Tragetuch auf den Rücken gebunden. In diesen Ernährungszentren, die MSF zusammen mit einer Partner NGO betreibt, können Kinder mit schwerer Mangelernährung, aber ohne Komplikationen, ambulant behandelt werden. Die komplizierten Fälle werden direkt ans Spital überwiesen, wo wir sie stationär, manchmal auch auf der Intensivstation versorgen.

Mourtala erfüllte an diesem Morgen jeden Punkt auf meiner mentalen Checkliste, die aufgrund meiner Erfahrung mit den Tausenden von Kindern in ähnlichem Zustand entstanden war. Zusammen mit Mahamadou, unserem unerschütterlichen Pflegefachmann auf dem Notfall, untersuchte ich rasch die anderen Neuankömmlinge. Uns war sofort klar, dass Mourtala als Erster unsere Aufmerksamkeit benötigte: Seine Lebenszeichen wurden zusehends schwächer und er würde bald sterben, wenn wir nicht sofort etwas unternahmen.

Mourtala schwebt in Lebensgefahr

Mit der Hilfe eines einheimischen Kollegen, der den Dialekt der Mutter beherrschte, fanden wir heraus, dass das Kind in den vergangenen vier Monaten immer wieder krank gewesen war. Er hatte schon länger einen trockenen, quälenden Husten, der trotz der vielfältigen Behandlungen des Dorfschamanen nicht weggehen wollte. Sein Zustand war beunruhigend, denn er atmete schwerer als am Vortag. Ausserdem hatte er heftigen Durchfall und konnte nicht einmal kleine Flüssigkeitsmengen behalten, was in der gnadenlosen Hitze der Halbwüste kein gutes Zeichen ist.

Die unruhigen, eingesunkenen Augen von Mourtala nahmen mich kaum wahr – mich, diesen seltsamen weissen Riesen mit Sommersprossen, dessen Anblick bei anderen Kindern meistens irgendeine Reaktionen auslöste. Seine Haut war trocken und spannte sich über den geblähten Bauch und die mageren Glieder. Er befand sich nicht nur in einem Zustand extremer Austrocknung, sondern leidete auch an einer fortgeschrittenen Blutvergiftung. Sein Immunsystem war durch die Mangelernährung derart geschwächt, dass sein Körper nicht einmal mehr eine erhöhte Temperatur hervorbringen konnte, wie ich das von den fiebrigen Kindern zuhause in Irland kenne. Einzig sein sich schnell hebender und senkender Brustkorb verriet, dass er um sein Leben rang. Ich fragte mich, wo ich nur beginnen sollte.

In solchen Situationen ist es das Beste, auf Autopilot zu schalten und genau den Protokollen zu folgen, die MSF im Umgang mit Notfällen bereitstellt. Ich trug den praktisch gewichtslosen Körper hinüber in den Wiederbelebungsraum der Intensivstation. In seine eingefallenen Venen würde ich keine Infusion legen können, und so war meine einzige Option, eine metallene Kanüle in seinen Schienbeinknochen zu setzen, damit wir mit der Infusion der hoffentlich lebensrettenden Medikamente beginnen konnten.

Überleben

In den zwölf Tagen nach seiner Aufnahme kämpfte Mourtala immer wieder verzweifelt gegen den Tod namens Hunger. Schliesslich, und zu meiner grossen Überraschung, gewann er die Oberhand und erholte sich wieder. Mourtala war so dankbar für seinen Sieg, dass er sich gleich zur nächsten Eroberung aufmachte –  der unserer Herzen. Als ob er uns alle, die sich um ihn gekümmert hatten, dafür tadeln wollte, dass wir an seinem Überleben gezweifelt hatten. Von seinem ersten strahlenden Lächeln an, stolz darauf, seine erste therapeutische Zusatznahrung selber gegessen zu haben, wickelte er uns alle um seinen kleinen Finger – und wir wehrten uns nicht.

Etwa vier Wochen nach seiner Ankunft in der Notaufnahme machten sich Mourtala und seine Mutter wieder auf den Weg zurück in ihr Dorf, im Gepäck eine Wochenration Zusatznahrung. Diese speziell entwickelten Produkte sind reich an Kalorien und Nährstoffen wie etwa Vitamine, Minerale und vor allem tierische Eiweisse, damit Kinder wie Mourtala möglichst schnell ihr Sollgewicht erreichen und ihr Immunsystem wieder gestärkt wird. Jede Woche bringt die Mutter Mourtala zur Kontrolle in ein stationäres Ernährungszentrum, wo sie die nächste Ration therapeutischer Zusatznahrung erhält. Mourtala wird weiter beobachtet und ernährt, bis er sein Sollgewicht erreicht hat und seine Behandlung zur Erleichterung aller Beteiligten abgeschlossen werden kann.

Ein glückliches Ende

Ich bin sehr dankbar, dass Mourtalas Geschichte ein glückliches Ende nahm. Bei den meisten der unzähligen Kinder, die ins Spital von Zinder kommen, ist dies der Fall. Und trotzdem gab es während meinem zehnmonatigen Einsatz immer noch zu viele Kinder, die in kritischem Zustand zu uns kamen und für die alle Hilfe zu spät war. Sie starben an den Komplikationen einer Mangelernährung. Oder einfacher gesagt: Sie starben an Hunger. Und dies obwohl sie von ihren Eltern genauso geliebt und umsorgt werden wie bei uns in Irland. In Afrika kommt es zwar häufiger vor, dass ein Kind vor dem Erreichen des fünften Altersjahres stirbt, doch es ist deshalb nicht weniger tragisch. Jeder Tod löste in mir Gefühle von Frustration und Verzweiflung aus, die natürlich nicht zu vergleichen sind mit der traumatischen Erfahrung, welche die Eltern dieser Kinder immer wieder durchmachen müssen.

2009 behandelten die medizinischen Teams von MSF insgesamt 86'000 Kleinkinder mit schwer akuter Mangelernährung. Im Jahr 2010 hat MSF bereits über 100'000 Kinder behandelt und weitere 150'000 mit Zusatznahrung versorgt.

MSF arbeitet mit der Regierung von Niger zusammen, um den Teufelskreis der Mangelernährung zu durchbrechen, die das Land Jahr für Jahr heimsucht. Wir verteilen therapeutische Zusatznahrung für Kinder, damit diese nicht in einen Zustand der Mangelernährung verfallen. Durch den verbesserten Zugang zu einer hochqualitativen Gesundheitsversorgung für die Ärmsten, und die Reaktion auf medizinische Notsituationen wie etwa Cholera-, Masern- und Meningitis-Epidemien, versuchen wir die Nahrungsmittelkrise im Niger einzudämmen. Damit gelingt es uns immerhin, auch ausserhalb der Mauern unseres Spitals mehr junge Leben zu retten.

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