25.06.2011 - Libyen

„Lieber sterbe ich in Libyen, als hier zu verenden.“

Abdul (23) verliess die Elfenbeinküste im Jahr 2008. Bevor der Krieg ausbrach, lebte er viele Monate in einem libyschen Gefängnis.
Shousha, Tunesien, 01.06.2011
Ich lebe seit vier Monaten im Lager von Shousha. Wir leben hier wie Landstreicher.
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MSF-CH-Financial Report-2005-FR

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Flüchtlingslager Shousha, Tunesien, 01.06.2011
Die Schiffbrüchigen von Shousha
28.06.2011
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„In meinem Land habe ich zu viele Tote gesehen. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr lebe ich auf der Strasse. Über mein Leben damals in der Elfenbeinküste kann ich nicht reden. Nicht einmal meine Freunde kennen meine Geschichte.

2008 habe ich die Elfenbeinküste verlassen. Ich bin durch viele Länder gereist, um meine Heimat hinter mir zu lassen.

Als ich in Libyen ankam, wurde ich vom Militär verhaftet und mitten in der Wüste ins Gefängnis gesteckt. Wir waren mehrere hundert Personen. Jeden Tag starben einige.

Ich war drei Monate und dreissig Tage im Gefängnis. Sie schlugen mich jeden Tag. Drei Wochen lang konnte ich nicht aufstehen. Meine Verletzungen machen mir noch immer zu schaffen. Ich musste sieben Menschen begraben, darunter auch drei schwangere Mädchen. Wenn man sich weigerte, wurde man lebend mit in die Grube zu den Leichen geworfen.

Manchmal bekamen wir nur fünf Liter Salzwasser für Hunderte von Gefangenen. Jeder bekam nur einige Tropfen. Wir hatten nicht genug zu essen. Aber wir durften uns nicht beschweren. Unsere Krankheiten mussten wir verstecken, sonst schlugen sie uns noch mehr. Wir hatten nicht einmal genügend Platz zum Schlafen und wurden in einen viel zu kleinen Raum gesteckt. Eine Toilette gab es nicht.

Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe

Ich dachte, ich würde das Tageslicht nie mehr sehen. Ich sah Menschen sterben, Brutalität, Gewalt. Ich habe auf mein Ende gewartet.

In einer Nacht gab es einen Sandsturm. Die Decke des Gefängnisses bebte. Wir schafften es auszubrechen. Polizisten jagten uns mit Geländewagen und Hunden, doch ich konnte entkommen und lief drei Tage lang durch die Sahara.

Einen der Gefangenen werde ich nie vergessen, einen Mann aus Gambia. Er hatte einen gebrochenen Fuss und konnte nicht fliehen. Er schrie um Hilfe. Doch es ging um Leben und Tod und jeder versuchte, sein eigenes Leben zu retten.

Als ich in der Stadt Sabah ankam, traf ich einen anderen Ivorer. Er half mir. Monatelang konnte ich nichts tun. Ich war krank und hatte Albträume. Mein Zustand war kritisch.

Das Leben in Libyen war hart. Wir wurden mehrmals ausgeraubt. Sie brachen unsere Tür auf, stahlen unsere Papiere. Wir hatten keine Rechte. Es ist ein gesetzloses Land.

Jetzt bin ich seit vier Monaten im Lager von Shousha. Bei den Zwischenfällen im Mai 2011 wurden mehr als 15 Personen im Lager verletzt, einige starben. Ich wurde durch eine Tränengaspatrone am Fuss verletzt. Auch hier fühle ich mich nicht sicher.

Wir leben hier wie Landstreicher. Einige von uns sind an die Elfenbeinküste zurückgekehrt. Andere sind nach Libyen zurück. Ich kann nicht nach Hause. Wenn ich könnte, würde ich auch gehen. Lieber sterbe ich in Libyen, als hier zu verenden. Ich bin bereit zurückzukehren – und wenn es mich das Leben kostet.“

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