09.06.2011 - Kenia

Ein Brief aus Dadaab: Dr. Gedi Mohamed

“Ich kann mir nicht vorstellen, in meiner Karriere mehr zu erreichen als das hier: in Bezug auf die Hilfe, die ich Patienten leisten kann und die spezielle Beziehung, die ich zu ihnen habe.“
Dadaab, Kenia, Marz 2011
Das ist Dadaab: Vor zwanzig Jahren erbaut, um 90'000 Flüchtlinge aus dem kriegsgebeutelten Somalia zu beherbergen, leben heute über 350'000 Personen im Lager.

Dr. Gedi Mohamed ist Leiter des gut ausgelasteten Allgemeinspitals im Flüchtlingslager Dagahaley nahe der Ortschaft Dadaab. Er ist der erste kenianisch-somalische Arzt im Lager seit MSF hier die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung übernommen hat. Der Arzt ist der Ansicht, dass die sprachlichen und kulturellen Wurzeln, die er mit seinen vorherrschend somalischen Patienten teilt, den Erfolg seiner Arbeit massgeblich beeinflussen.

In den vergangenen Monaten ist das Spital mit der Ankunft von Tausenden weiteren Flüchtlingen aus Somalia zunehmend unter Druck geraten. Das Spital verzeichnet eine Kapazitätsauslastung von 110 Prozent. Auf dem Gelände wurden deshalb zusätzlich Zelte zur Unterbringung all der kranken und mangelernährten Kindern errichtet. Dr. Gedi erzählt, was ihn nach Dadaab geführt hat und wie MSF die gegenwärtige Krise bewältigt.

“Ich bin 130 Kilometer nördlich von Dadaab, in der Ortschaft Wajir, zur Welt gekommen. Wir sind kenianische Somalier. Meine Eltern sind gewöhnliche Leute, aber meine Grossmutter kümmerte sich um meine Schulbildung und mein Cousin, selber ein Apotheker in Nairobi, ermutigte mich, Medizin zu studieren. Mein Bruder übernahm die Studiengebühren. Mit der Unterstützung meiner Familie ging ich nach Uganda an die Makerere-Universität, der ältesten Universität in Ostafrika, wo ich ein fünfjähriges Medizinstudium absolvierte. Darauf folgte ein Jahr im Spital von Embu in Zentralkenia. Ich muss ehrlich sagen, das war das härteste Jahr meines Lebens, aber es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin und es war eine gute Vorbereitung für die Arbeit in Dadaab. 

Als ich Anfang 2010 für MSF zu arbeiten begann, war ich der erste somalische Arzt im Spital. Genau genommen war ich eine Zeit lang der einzige Arzt überhaupt im Spital, jetzt sind wir acht. In diesem ersten Jahr war ich überwältigt von der enormen Arbeitsbelastung. Zu dieser Zeit hatte MSF erst damit angefangen, das chirurgische Programm aufzubauen. Da die Chirurgie mein Spezialgebiet ist, beschloss ich zu bleiben. Seit September 2010 bin ich Leiter des Dagahaley Spitals. 

In Dadaab zu arbeiten ist unglaublich herausfordernd. Es ist ein raues Arbeitsumfeld, und wir arbeiten hart – wir nehmen nur zwei Tage frei pro Monat. Andererseits ist das Resultat unserer Arbeit sichtbar und jeden Tag kann man jemandem helfen. Wenn ich zum Markt gehe, kommen ständig Leute auf mich zu, um mir zu danken. „Ich war Ihr Patient,“ sagen sie. Das gibt uns die Motivation weiterzumachen. Ich kann mir nicht vorstellen, in meiner Karriere mehr zu erreichen als das hier: in Bezug auf die Hilfe, die ich Patienten leisten kann und die spezielle Beziehung, die ich zu ihnen habe.

98 Prozent der Lagerbevölkerung kommen aus Somalia. Da ich die somalische Sprache beherrsche, können die Patienten zu mir kommen und direkt mit mir reden. Über einen Übersetzer geht vieles verloren, das wichtig ist. Es geht jedoch um viel mehr als nur um die gemeinsame Sprache. Ich kenne die Kultur, die Religion, das Lebensumfeld, aus dem die Leute kommen. Ich habe einen unmittelbaren Bezug zu ihnen. Wenn es Probleme gibt, zum Beispiel, wenn ein Patient die Behandlung verweigert, kann ich das aus einer religiösen Perspektive erklären. Unsere gemeinsame Kultur macht das mir und den Patienten leichter. 

Die Herausforderungen, mit denen sich das Spital konfrontiert sieht, sind unterschiedlich, je nachdem ob es sich um Langzeit-Flüchtlinge oder um Neuankömmlinge handelt. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen, was von uns unterschiedliche Herangehensweisen erfordert. In Somalia fiel unter anderem auch das Gesundheitswesen dem Bürgerkrieg zum Opfer. Die Neuankömmlinge haben keine Erfahrung mit konventioneller medizinischer Versorgung. Deshalb müssen wir diesen Leuten alles sehr genau erklären. Wir müssen sie davon überzeugen, dass bestimmte kritische Zustände behandelbar sind, und dass die Patienten, wenn sie uns etwas Zeit geben, nicht sterben müssen. Diese Leute haben eine andere Vorstellung von Gesundheit als jemand, der schon seit 20 Jahren im Lager lebt.

Die grösste Herausforderung hat gegenwärtig allerdings weniger mit verschiedenen Auffassungen von Gesundheit zu tun, sondern ist rein zahlenmässiger Natur. Wir versuchen, die Tausenden von neuen Flüchtlingen, die hier jeden Monat ankommen, zu versorgen. Bis vor kurzem betrug die Belegungsquote ungefähr 80 Prozent, aber nun sind wir schon zu 110 Prozent ausgelastet. Dies wirkt sich massiv auf die Qualität aus, da zum Beispiel Personal, das vorher für eine Station von rund 20 Patienten zuständig war, sich nun um doppelt so viele Kranke kümmern muss.

Letzten Monat hatten wir 361 Neuzugänge auf der Entbindungsstation – zwei Mal so viele wie vor einem Jahr – und die Anzahl kranker und mangelernährter Kinder nimmt weiter stark zu. Wir haben permanent zwischen 40 und 50 stark mangelernährte Kinder mit medizinischen Komplikationen im stationären Ernährungszentrum. Daneben erhalten viele weitere Kinder, die an Mangelernährung leiden, ambulante Behandlung. Auf dem Gelände wurden zu diesem Zweck vier zusätzliche Zelte errichtet, da die Stationen komplett überbelegt waren. Falls dieser Trend anhält, planen wir noch weitere Gebäude. Ausserhalb des Spitals führen wir fünf Gesundheitsposten, wo laufend neues Personal eingeführt wird sowie eine weitere Station, die gerade eröffnet wurde und speziell auf die Bedürfnisse der Neuankömmlinge ausgerichtet ist. 

Unsere grösste Sorge ist, dass sich die Lage noch weiter verschärft. Noch kann MSF genügend dazu beitragen, dass die Gesundheitsindikatoren die kritische Grenze nicht überschreiten. 

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