30.03.2011 - Kenia

Comics aus Kenia - 23. Februar, Dagahaley

Dagahaley/Dadaab, Kenia, 23.02.2011
Dagahaley/Dadaab, Kenia, 23.02.2011
© Andrea Caprez - Christoph Schuler
Dagahaley/Dadaab, Kenia, 23.02.2011
Dagahaley/Dadaab, Kenia, 23.02.2011
© Andrea Caprez - Christoph Schuler
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Frühmorgens fahren wir zusammen mit Ärzten, Hebammen und Pflegerinnen zum Spital, das zehn Autominuten entfernt liegt. In einem halboffenen Bungalow findet die morgendliche Sitzung des medizinischen Personals statt, die Geschehnisse des vergangenen Tages und der Nacht werden rekapituliert, der heutige Tag geplant. Andrea skizziert die Gesichter der Anwesenden mit ein paar schnellen Strichen, ich versuche, die Gespräche zu notieren, von denen ich nur wenig verstehe, weil sie mit einer Menge medizinischer Ausdrücke gespickt sind. Jemand reicht eine Flasche herum, in der sich ein gut zwanzig Zentimeter langer Wurm ringelt, der einem Kind aus dem Darm geholt worden ist.

In der Maternité bedecken bunte Tücher die Betten, Schnüre durchziehen den offenen Raum, an denen grüne Moskitonetze und Infusionen befestigt sind, an der Decke hängen nackte Neonröhren und langsam rotierende Ventilatoren. Sahara Mohamed, die Chefpflegerin, führt uns durch den einen grossen und die drei kleinen Räume, aus denen die Maternité besteht, und gibt geduldig Auskunft, obwohl sie ununterbrochen von allen Seiten bestürmt wird. Es wird Andrea erlaubt, sich in eine Ecke zu setzen und zu zeichnen, später dürfen wir gar fotografieren. Ich traue mich nicht, über Mohammed, unseren Dolmetscher, eine der Mütter anzusprechen, so entrückt scheinen sie mir; die einen auf ihre Niederkunft wartend, die anderen bereits mit einem Neugeborenen an der Brust. Als Mann fühle ich mich hier fehl am Platz, doch wird unsere Anwesenheit mit Gleichmut hingenommen. Weil wir MSF-Hemden tragen und damit als „Neutrale“, als Mediziner durchgehen? Männer werden in der Maternité nämlich nicht geduldet, obwohl es immer wieder Familienangehörige gibt, die sich am unbestechlichen Türhüter vorbei in den Raum zu drängen versuchen.

In der pädiatrischen Abteilung fällt es mir einfacher, mit den etwas gelangweilt auf ihren Betten sitzenden Müttern über ihre persönlichen Schicksale und die Krankheiten ihrer Kinder zu sprechen. Die Frauen erzählen bereitwillig, die Abwechslung scheint ihnen ganz gelegen zu kommen. Julien knipst mit seiner imposanten Kamera – das Objektiv allein ist grösser als die meisten Kinder hier – ununterbrochen Fotos aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven; Fotos, die bei unserer Arbeit ein wichtiges Hilfsmittel sein werden.

Haben wir uns das Flüchtlingslager so vorgestellt, wie es nun tatsächlich ist? Eigentlich hatten wir Schlimmeres erwartet. Es gibt keine schreienden Menschenmassen, die sich auf die Fahrzeuge der Hilfswerke stürzen, auf der verzweifelten Suche nach Lebensmitteln. Niemand verdurstet am Strassenrand, es werden keine blutigen Kämpfe um Essen und Zelte ausgefochten. Das Schreckliche des Flüchtlingsdaseins zeigt sich nicht so offen, wie wir glaubten. Das liegt auch daran, dass die Menschen, die es bis hierher schafften, und die das Schlimmste, nämlich die eigentliche Flucht aus Somalia, die Bedrohungen und Misshandlungen durch bewaffnete Marodeure aller Art, überlebt haben, sich nicht gern daran erinnern und nur ungern darüber sprechen. Mehr als zwei, drei Sätze wollen sie nicht über ihre Flucht verlieren, als wäre sie Teil einer langen zurückliegenden Vergangenheit, an die sie nicht erinnert werden möchten.

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