01.06.2006 - Honduras

"Ich will weg von der Strasse"

"Zum dritten Mal kommst du mich im Drogenentzugszentrum besuchen. Ich langweile mich hier. Jeden Tag ist es das gleiche. Fünfmal am Tag haben wir Gruppensitzung und dauernd erzählt man uns von Religion...
010
"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative means of expression to child...

Ja, ich glaube an Gott, aber das ist trotzdem bemühend.

Ausserdem ist das Essen schlecht hier. Immer das gleiche: Reis und rote Bohnen.

Und man wagt es nicht, einen Scherz zu machen. Alles ist immer ernst. Gut, andererseits bin ich froh, mit dem Leim schnüffeln und Crack rauchen aufgehört zu haben.Ich bin mir bewusst geworden, dass mir das schadet und dass ich nicht so weitermachen kann. Deswegen bin ich überzeugt, dass ich jetzt das Richtige tue.

Und deshalb habe ich entschieden, hier zu bleiben, obschon meine beiden Freunde ihren Aufenthalt hier abgebrochen haben und gegangen sind.

Und nun sagst du mir, dass meine Freundin dich nicht begleiten wollte, um mich hier zu besuchen? Weisst du, ich bin nicht besonders enttäuscht. Ich habe ihr nie vertraut. Sie kam nur zu mir, wenn sie Probleme mit ihrem Mann hatte. Ausserdem hat das zwischen uns nur drei Monate gedauert, bis ich hier in die Entzugsstation gekommen bin. Nein, es erstaunt mich nicht, dass sie und ihr Mann wieder zusammengefunden haben. Wie ich dir schon gesagt habe, unsere Beziehung war nicht wichtig, weder für sie noch für mich...

Jemand muss mich abholen, wenn ich hier rauskomme. Können wir über Guaimaca fahren? Das ist ein Dorf nur wenige Kilometer von der Hauptstrasse entfernt. Warum? Weil ich dort eine Zeit lang mit meiner Mutter gewohnt habe. Ich glaube, meine Mutter ist immer noch da. Sie ist Rektorin einer Schule. Seit über zwei Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Ich bin jetzt 22 Jahre alt.

Eigentlich bin ich gar nicht sicher, ob ich sie wieder sehen will. Ich denke ja, aber ich bin mir wirklich nicht sicher. Sie hat mich nie akzeptiert. Als ich ganz klein war, lebte ich bei meiner Grossmutter. An diese Zeit habe ich gute Erinnerungen. Ich bin der jüngste von sieben Brüdern und Schwestern. Nur ein Bruder ist mit mir bei meiner Grossmutter aufgewachsen. Er ist der einzige aus meiner Familie, zu dem ich noch Kontakt habe. Meine Grossmutter ist schon vor langem gestorben.

Nachdem ich das erste Schuljahr abgeschlossen hatte, sind meine grossen Brüder zu meiner Grossmutter gekommen und haben mich zu meiner Mutter geholt. Ich verstand nicht ganz warum. Ich war froh, sie endlich kennenzulernen. Aber ich wusste nicht, dass ich bleiben musste und nicht zu meiner Grossmutter zurückkehren würde. Das war hart.

Meine Mutter war eine Unbekannte für mich.

Ich fühlte mich nicht wohl bei ihr. Sie kritisierte mich andauernd und bestrafte mich für Dinge, derentwegen meine Grossmutter nichts gesagt hätte. Manchmal schloss sie mich gar während Stunden in einem Zimmer ein. Und sie schlug mich. Sie schlug mich oft, bis zu dreimal täglich, nach jeder Mahlzeit. Sie sagte furchtbare Dinge zu mir wie: "Ich anerkenne dich nicht als meinen Sohn". Einmal ging ich in die Schule, an der sie unterrichtete. Meine Kleider waren schmutzig, weil ich mich mit anderen Jungen geschlagen hatte. Sie schrie mich an: "Verschwinde sofort aus dieser Klasse, schmutziger Bengel, ich kenne dich nicht."

Während Stunden sass ich vor der Schule und weinte.

Nach einigen Monaten begann ich von zu hause auszureissen. Ich wusste, welchen Bus ich nehmen musste, um in die Stadt zu fahren. In der Stadt streunte ich während Tagen ziellos umher. Wenn ich nach hause wollte, ging ich auf einen Polizeiposten. Ich verlangte eine Polizistin, die mich kannte. Sie wohnte in der Nähe meiner Grossmutter und wenn sie ihre Arbeit beendet hatte, nahm sie mich mit.

Ich blieb dann ein paar Tage bei meiner Grossmutter bis es meine Brüder und meine Mutter herausfanden und mich holen kamen. Und jedes Mal gab es viele Schläge. Man schlug mich wie wild. Meine Mutter band mich tagelang neben dem Bett fest, damit ich nicht entkommen konnte. Aber wenn immer ich konnte, floh ich von neuem. Ich ging in die Stadt, dann zur Polizei, die mich zu meiner Grossmutter brachte. Dann begann alles von vorne.

Dann blieb ich auf der Strasse

Eines Tages entschied die Polizistin, mich nicht mehr mitzunehmen, weil ich immer wieder auf der Strasse landete. Dann blieb ich auf der Strasse. Ich traf Leute einer Organisation. Weil ich wirklich verzweifelt war, erzählte ich ihnen, ich sei Waise. Sie brachten mich in ein privates Waisenhaus. Dort fühlte ich mich wohl. Es gab viel zu Essen, die Leute waren nett zu mir. Ich konnte im Heim zur Schule gehen. Ich blieb dort mehrere Monate. Sie begannen sogar, eine Adoption durch ein Ehepaar in den USA zu organisieren. Die Vorstellung dorthin zu gehen, weit weg von allem, machte mich glücklich.

Aber plötzlich stand meine Mutter im Waisenhaus. Sie brachte mich direkt in eine Jugendstrafanstalt, dabei war ich kaum acht Jahre alt. Das war sehr hart. Ich ass schlecht, es war so ekelhaft. Ich hatte dauernd Durchfall. Und wir mussten hart arbeiten. Neben der Schule hatten wir viele weitere Arbeiten zu erledigen.

Ich blieb dort zwei Jahre. Als ich rauskam, ging ich trotzdem zu meiner Mutter zurück. Aber bei ihr war es noch schlimmer als im Jugendgefängnis. Entweder schlug sie mich oder meine Brüder taten das gleiche. Ich weiss nicht, weshalb sie einen solchen Hass auf mich hatte. Vielleicht wegen meinem Vater. Ich habe ihn nicht kennengelernt. Ich weiss nichts über ihn und meine Mutter weigerte sich, über ihn zu sprechen. Ich trage den gleichen Nachnamen wie meine Brüder, aber ich glaube nicht, dass ich den gleichen Vater habe wie sie. Ich sehe anders aus, ich habe nicht den gleichen Teint. Und dieser Vater, ich habe ihn nie gesehen, nie gekannt, ich weiss nicht mal seinen Namen.

Nach und nach bin ich auf die Strasse zurückgekehrt. Ich war zehn, elf Jahre alt. Ich begann Leim zu schnüffeln wie die anderen Strassenkinder. Aber das Leben auf der Strasse ist hart für die Kleinen. Die Grossen schlagen uns und es ist schwierig, etwas zu essen und Schutz vor der Kälte zu finden.

Das war keine richtige Familie für mich

Als ich von der Casa Alianza gehört hatte, ging ich sofort hin. Es war mir wirklich lieber, in diesem Haus zu sein, als weiter auf der Strasse zu leben. Aber aus meiner Erfahrung hatte ich grosse Angst, dass meine Mutter herausfinden würde, wo ich war. Also habe ich während Jahren gelogen und immer gesagt, ich hätte überhaupt keine Familie. Aber letztendlich war das gar keine richtige Lüge, weil meine Mutter und meine Brüder nie eine echte Familie für mich waren.

In der Casa Alianza konnte ich die Schule fortsetzen bis zum Ende der siebten Klasse. Dann packte mich die Lust wieder, ohne Regeln zu leben und ich kehrte auf die Strasse zurück. Ich war grösser und stärker geworden und wurde somit auch mehr respektiert.

Aber jetzt habe ich es satt. Ich will nicht mehr so leben. Die kleinen Gelegenheitsarbeiten, das Stehlen, die Gewalt, sich niemals irgendeiner Sache sicher sein - ich kann nicht mehr. Deshalb habe ich mich entschieden in dieses Zentrum hier zu kommen. Es ist nicht sehr angenehm aber immer noch besser als auf der Strasse. Siehst du, in einem Monat habe ich schon zugenommen.

Ich kann es trotzdem nicht erwarten, in drei Wochen aus dieser Isolation, aus dieser Disziplinierung und aus dieser Eingeschlossenheit herauszukommen. Es erinnert mich dermassen an die Jugendstrafanstalt. Das Essen war am Anfang auch schlecht, aber dann haben wir gestreikt und jetzt ist es besser.

Zehn Tage nach seiner Entlassung aus der Entzugsanstalt geht er immer noch regelmässig zur Arbeit als Maurergehilfe

Ende September verlässt Wilmer das Zentrum, da er den Entzug beendet hat. Es ist vorgesehen, dass er im Kinderhort eines katholischen Paters wohnt. Dort hätte er essen und in einem Zimmer neben dem Wachmann schlafen können. Dieses Heim liegt in einem entfernten Aussenquartier von Tegucigalpa, fast schon auf dem Land.

Leider wird es für Wilmer schwierig, an diesem Ort zu bleiben. Zwei Stunden nach seiner Ankunft nimmt er den Bus ins Stadtzentrum. Da er nicht eine einzige Nacht im Heim des Paters verbracht hat, weigert sich dieser, ihm weiter zu helfen. Hingegen hält er sein Versprchen, ihm bei der Suche nach einer Stelle als Maurer zu helfen.

Médecins Sans Frontières hat sich entschieden, ihm ein Zimmer zu mieten, bis er seinen ersten Lohn erhält und einen Teil der Miete zurückzahlen kann.

P.S. Zum Schutz der beschriebenen Jugendlichen in diesem Artikel sind alle Namen geändert worden.

Publizieren
Newsletter
Newsletter abonnieren
Immer informiert bleiben

abonnieren