01.02.2006 - Honduras

Ich will nach Hause

Es gibt sie, die Solidarität zwischen den Jugendlichen die auf der Strasse leben. Oft macht sie ihnen die Existenz am Rand der Gesellschaft erträglicher. Manchmal tut sie aber auch das Gegenteil. Sie kann sie ermutigen, ein normales Leben zu führen, z.B. durch die Rückkehr nach Hause. So geschehen im Fall von Elias, einen Jugendlichen, «der nicht für die Strasse gemacht ist», wie sein Freund José sah. Er tat alles, um ihn zu seinen Eltern zu bringen.
07
Projet enfants des rues, Tegucigalpa, Honduras, 2005.

José begleitete Elias, als dieser unser Therapiezentrum zum ersten Mal besuchte. Er erklärte sofort, dass der fünfzehnjährige Elias noch nicht lange auf der Strasse sei. Wir schafften es, ihn von einem Besuch beim Psychologen zu überzeugen.

Diesem erzählte Elias sogleich von seinen Eltern, die ihn nicht verstehen wollen, ihn sogar zurückwiesen, wie er betonte. Mehr als einmal habe er sich gar gefragt, ob seine Eltern, wirklich seine Eltern seien. Dann sind da diese Gerüchte, die ihm zugetragen wurden: sie stammen von aufgeschnappten Unterhaltungen zwischen seinen Eltern und Freunden, in denen von Adoption die Rede war.

Während der letzten Monate hatte er sich gegen die strengen Regeln seiner Eltern aufgelehnt, indem er immer mehr Zeit auf der Strasse verbrachte. Zuerst war er nur tagsüber auf der Strasse, mehr und mehr blieb er auch über Nacht draussen. Er fand schnell Freunde gefunden und natürlich begann er, Resistol zu konsumieren, den Leim, den die Jugendlichen auf der Strasse inhalieren. Schnell ging es abwärts, vor kurzem ist er auf Kokain umgestiegen.

Den Eltern entging das natürlich nicht und sie bestraften ihn. Sie liessen ihn nicht mehr aus dem Haus, schlossen ihn in seinem Zimmer ein. Elias floh, wann immer er konnte. Er verliess die Schule, um seine neuen Freunde von der Strasse zu treffen. Und obschon er, kleingewachsen wie er ist, oft von anderen Jugendlichen misshandelt wurde, trotz allem, ging er immer wieder dorthin, um dem Druck seiner Eltern zu entfliehen.

Diese waren immer verzweifelter und entschieden, Elias in ein Drogenentzugszentrum für Jugendliche zu schicken, das sich eine Autostunde von der Stadt entfernt befand. Dort traf er José, ein Bursche von 23 Jahren, der seit Jahren auf der Strasse lebt. Dieser prostituierte sich am Anfang. Dann wurde er am Bein angeschossen und ist seither an den Rollstuhl gefesselt. Er verkauft kleine Mengen Crack, gerade genug, um ein kleines Hotelzimmer zu mieten, sodass er nicht in seinem Rollstuhl auf der Strasse schlafen muss.

Zu naiv für die Strasse

Irgendwann hatte José entschieden, von den Drogen loszukommen. Er bat MSF, ihn ins Entzugszentrum zu begleiten. Dort aber kam er auf seine Entscheidung zurück und dachte nur noch daran zu fliehen.. Elias seinerseits ertrug die Regeln des Entzugszentrums nicht. Wenig überraschend waren sie noch strikter als jene bei ihm zu Hause.

José hatte Elias unter seinen Schutz genommen. Es war ihm ein Leichtes, ihn zu überzeugen, ihm bei der Flucht zu helfen und mit ihm wieder auf der Strasse zu leben. José wusste alles über die Strasse, aber er sass im Rollstuhl. Elias wusste nichts, aber er war stark genug, um ihn zu schieben.

Sie schafften es, aus dem Zentrum zu fliehen. Nach einer guten halben Stunde Fussmarsch erreichten sie die nächste Bushaltestelle und fuhren von da in die Hauptstadt Tegucigalpa.

An einer Strassenecke im Stadtzentrum liessen sie sich nieder. José fühlte sich dort wie zu Hause und zusammen schliefen sie in seinem kleinen Hotelzimmer. José brauchte nicht lange, um zu realisieren, dass Elias viel zu jung und naiv für das Leben auf der Strasse war. Als verantwortungsvoller Anführer brachte er ihn zu uns ins therapeutische Tageszentrum von MSF.

Elias war völlig erschöpft von dieser Woche auf der Strasse, er konnte nicht mehr. Er war sehr ängstlich und fürchtete sich davor, was ihm passieren konnte. Er hatte viel Gewalt gesehen, Betrunkene, Drogenabhängige, Prostituierte. Das Abenteuer hatte sich in einen Albtraum verwandelt. Er bat uns, ihm zu helfen, den Kontakt zu seinen Eltern wieder herzustellen. Sein Zuhause und seine Eltern fehlten ihm.

Drohung mit dem geschlossenen Heim

Als wir anriefen ging seine sehr beunruhigte Mutter ans Telefon. Mit seinem Vater hatte sie überall nach ihm gesucht, als sie von seinem «Entkommen» aus dem Entzugszentrum gehört hatte. Der Vater hatte tagelang mit dem Wagen die Dörfer um das Zentrum durchkämmt.

Als der zwei Stunden später im therapeutischen Tageszentrum ankam, war er rasend vor Wut. Er wollte Elias zur Strafe sofort ins geschlossene Heim «21. Oktober» bringen. Wir erklärten ihm, dass dieses Heim eine Art Gefängnis für zwölf- bis achtzehnjährige Burschen sei und dass sie dort auf engstem Raum eingeschlossen seien. Sie können dort nichts tun und kaum zur Schule. Es gibt nur einen winzigen Hof, in dem sie ein bisschen Fussball spielen können. Das Gebäude ist auf fünfzig Burschen ausgelegt, beherbergt aber immer viel mehr. Die Nahrung, die der Staat liefert, ist trotzdem nur für fünfzig Insassen berechnet.

Wir erzählten ihm von Elias' Problemen, erklärten ihm, dass nach unserer Meinung eine solche Strafe ihn nicht weiterbringen würde. Würde er in ein solches Heim gebracht, würde er mit Sicherheit wieder fliehen und in der Welt der Strasse landen, die er offensichtlich hinter sich lassen wollte. Wir rieten ihm, die Gelegenheit zu nutzen und Elias nach Hause mitzunehmen, jetzt, da dies sein Wunsch war. Wir bestanden darauf, dass es sicher nicht eine weitere Strafe war, die er nötig hatte und auch kein staatliches Gefängnisheim, sondern vielmehr ein Zuhause und die Wärme seiner Familie.

Elias weiss von nichts

Schliesslich wollte sich der Vater uns anvertrauen und nahm uns bei Seite: «All diese Probleme, die Elias hat», erklärte er mit etwas Scham in der Stimme, «sie kommen sicherlich davon, dass Elias ein Adoptivkind ist.» Der Vater fügte an: «Er ist so anders als sein grosser Bruder, unser einziger leiblicher Sohn. Der ist so ruhig und vernünftig. Elias weiss von nichts.»

Wir schlugen ihm vor, wieder zu kommen, um mit uns und seiner Frau über dieses Thema zu sprechen. Am Ende der Diskussion akzeptierte der Vater unseren Vorschlag. Überzeugt hatte ihn vor allem die Tatsache, dass wir professionelle Psychologen sind. Es muss gesagt sein, dass ihm alle seine Nachbarn in guter Absicht geraten hatten, Elias einzusperren zu lassen - eine andere Art, sich Elias' Zukunft anzunehmen, weit mehr auf Repression als auf Psychologie bauend. Glücklicherweise entschied sich der Vater, unseren Rat zu befolgen und mit Elias nach Hause zurückzukehren. Elias war so erleichtert, dass er seinem Vater spontan um den Hals fiel. Dieser konnte seine Emotionen ebenfalls nicht verstecken.

Nach einem Hausbesuch kehrte die Sozialarbeiterin sehr überrascht zurück. Noch nie hatte sie in einem solchen Haus eine Visite gemacht. Es ist aufgeräumt, hat fliessend Wasser, Strom und steht in einem recht ruhigen Quartier. Der Vater hat Arbeit und einen fixen Lohn. Die familiäre Situation ist aussergewöhnlich gut, verglichen mit den Familien anderer Jugendlicher auf der Strasse.

Einige Tage später kamen die Eltern in unser Zentrum, um über Elias zu sprechen. Wir waren zwei Psychologen, die uns ihrer annehmen. Die Eltern sind sehr religiös und gehören einer evangelischen Kirche an. Elias weigert sich seit mehreren Jahren, in diese Kirche zu gehen. Die Adoptiveltern waren überzeugt, dass Elias' Probleme von einigen seiner leiblichen Verwandten kommen, die Alkoholiker oder gar drogenabhängig seien.

Wir wollten sie dafür sensibilisieren, dass sich Elias in einer sehr destabilisierenden Situation befand. Wenn er auch nicht die ganze Wahrheit über seine Herkunft kannte, so vermutete er doch stark, dass man ihm nicht alles über seine Geburt gesagt hatte. Das war für ihn schwer zu ertragen. Wir bestanden darauf, dass es Zeit sei, ihm die Wahrheit zu sagen und ihn von der quälenden Ungewissheit zu befreien. Im ersten Moment würde das sicher sehr hart für ihn, aber mit der Zeit könnte er, in Kenntnis der Ursachen, wieder Selbstvertrauen aufbauen. Wenn er die Wahrheit selber herausfände, dann wären die zukünftigen Beziehungen in der Familie nicht mehr viel wert. Das Argument überzeugte nicht.

Ein langer Weg

Die Eltern kamen noch einmal zur Sprechstunde. Sie erzählten uns, dass der Pfarrer ihrer Kirche dasselbe sagte wie wir: dass sie sich darum bemühen sollen, dass Elias zu Hause bleiben, die Schule fortsetzen oder eine Arbeit suchen kann. Die Eltern schienen endlich überzeugt, dass es besser sei, ihr Kind bei sich zu haben, als es in einer Anstalt einzuschliessen. Aber sie zweifelten immer noch, dass es richtig sei, Elias die Wahrheit zu sagen. Schwierig, damit umzugehen.

Elias blieb drei Wochen bei seinen Eltern, dann riss er wieder aus. Einige Tage später kam er in unser Zentrum. Wir riefen die Eltern an, die holten ihn ab. So geschah das noch zwei Mal.

Heute lebt Elias bei seinen Eltern. Er nimmt keine Drogen mehr und besucht ein staatliches offenes Zentrum für Drogenprobleme (IHADFA). Dort nimmt er an Gruppensitzungen teil und macht mit seinen Eltern eine Familientherapie. In einer mechanischen Werkstatt hat er eine Lehre begonnen.

P.S. Um die Jugendlichen in dieser Geschichte zu schützen, wurden alle Namen geändert.

Publizieren
Newsletter
Newsletter abonnieren
Immer informiert bleiben

abonnieren