01.12.2005 - Honduras

"Ich halte es so nicht mehr aus..."

Im MSF-Tageszentrum in Tegucigalpa betreut ein Psychologe Jugendliche und hört sich ihre Geschichten an, die manchmal so traurig sind, dass sie dem Pflegepersonal bitter aufstossen. Wie kann man diesen Jugendlichen helfen, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Selbstzerstörung auszubrechen? Darauf gibt es nie eine einfache Antwort, insbesondere wenn Drogenkonsum die Opfer noch weiter an den Rand der Gesellschaft treibt.
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"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative means of expression to child...

Oscar(1) betritt die Praxis des Psychologen. Er senkt die Augen. Eine breite, rote Narbe zeichnet seinen Hals. Er erzählt seine Geschichte beinahe ohne Unterbruch. Es ist klar, dass er völlig am Ende ist:

«Ich halte es so nicht mehr aus. Es hat keinen Sinn, ich weiss nicht mehr was tun, so geht es nicht weiter. Gestern Abend versuchte ich mich umzubringen. Bei einem Freund zu Hause machte ich ein Seil an einem Dachbalken fest, knüpfte einen Knoten und versuchte, mich aufzuhängen. Ich hatte schon fast das Bewusstsein verloren, als mein Freund zurückkehrte. Er schrie "was machst du da?" und hat mich abgehängt.

Ich hatte vorher einen schrecklichen Streit mit meiner Freundin Wendy. Sie hat mir gesagt, sie würde mich verlassen, wolle nichts mehr von mir wissen, unsere Geschichte sei zu Ende. Aber sie ist die einzige, die ich auf der Welt habe, seit meine Grossmutter gestorben ist. Ich verstand mich gut mit meiner Grossmutter. Ich konnte immer zu ihr gehen. Obwohl sie alt war, kümmert sie sich gut um mich und fand mir sogar immer etwas zu essen. Aber jetzt bin ich 23 Jahre alt und habe nur noch Wendy. Sie ist drei Jahre jünger als ich. Seit vier Jahren leben wir zusammen auf der Strass

Fünf Messerstiche

Vorher hatte ich Arbeit, ich war Kontrolleur und Beifahrer in einem Bus. Das ist harte Arbeit. Man muss ständig aussteigen und das Fahrziel schreien, dem Fahrer Zeichen geben, wenn er manövriert, zurücksetzt oder durch eine enge Kurve fährt. Man muss auch kontrollieren, dass wirklich alle Passagiere bezahlen. Es war harte Arbeit, aber wenigstens verdiente ich mir damit meinen Lebensunterhalt. Nicht besonders gut, der Lohn hing von der Zahl der Passagiere ab, aber es reichte. Bis zum Tag, an dem der Bus überfallen wurde. Es dunkelte bereits, wir hatten schon fast Feierabend. Sie waren zu fünft, ungefähr in meinem Alter. Wir waren schon fast an der Endstation angekommen. Im Bus sassen nur noch zwei Passagiere, ein älteres Ehepaar. Aber sie rührten sich nicht. Der Chauffeur auch nicht. Aber ich, ich habe mich verteidigt. Ich wollte ihnen nicht einfach so die Einnahmen des ganzen Tages überlassen. Ohne nachzudenken begann ich auf sie einzuschlagen. Aber sie hatten Messer und eine Pistole. Ich bekam fünf Messerstiche und mehrere Kugeln ab. Hier am rechten Ellbogen und an vier Stellen im Bauch. Hier siehst du eine Narbe, hier eine andere, und hier noch eine. Mein ganzer Bauch ist voller Narben.

Sie haben mich ins Spital gebracht, wo ich zwei Wochen lang im Koma lag. Ich musste sehr lange dort bleiben. Als ich endlich entlassen wurde, war es unmöglich, wieder Arbeit zu finden. Der Busfahrer hatte für mich einen Ersatz gefunden, einen Knaben, der jünger ist als ich. Und er meinte, ich sei ja doch zu schwach, um die Arbeit wieder aufzunehmen. Ich hatte kein Geld mehr und niemanden, der mir helfen konnte(2). Meine Grossmutter war zu arm und es gab bei ihr zu wenig Platz, deshalb konnte ich nicht dort leben. Ich konnte aber auch keine Miete bezahlen. So bin ich auf der Strasse gelandet.

 

Erneut auf der Strasse

 

So begann ich Leim zu schnüffeln, Resistol. Die anderen Strassenkinder hatten es mir gezeigt. Damit vergass ich am Abend all meine Probleme. Aber am nächsten Morgen waren sie wieder da. Ich nahm auch Marihuana, Kokain und Crack. Und während ein paar Monaten sogar Heroin. Dann begleitete ich einen Freund in die USA. Als ich dort ankam, fing ich mit Heroin an, ich habe es mir sogar gespritzt, diese Droge war sehr stark... Die Polizei hat mich erwischt, und da ich mich dort illegal aufhielt, haben sie mich zuerst ins Gefängnis gesteckt und dann hierher nach Tegucicalpa ausgeschafft. So landete ich erneut auf der Strasse.

Ich will nicht...

Alles wäre anders, wenn nur meine Mutter noch lebte. Ich erinnere mich nicht an meinen Vater, er starb, als ich kaum ein Jahr alt war. Er wurde während eines Streites erschossen. Eine Frauengeschichte, nehme ich an.
Darauf lebte meine Mutter mit einem anderen Mann zusammen, aber dieser hatte Aids. Sie steckte sich an und wurde krank. Als sie starb, war ich erst acht Jahre alt. Und dann ist auch einer meiner Halbbrüder an Aids gestorben. Er war so klein, nur vier Jahre alt.

Deshalb ist meine Freundin Wendy so wichtig für mich. Sie ersetzt meine Familie. Ausserdem ist sie jetzt schwanger. Das sagt sie jedenfalls. Ein anderes Mädchen von der Strasse hat mir gesagt, das sei nicht wahr, Wendy würde das behaupten, damit ich sie nicht mehr schlage. Ich weiss nicht... Es stimmt, dass ich sie oft schlage. Aber ohne sie fühle ich mich ganz allein auf der Welt, obwohl ich noch eine fünfjährige Tochter habe, die Kimberley heisst. Sie lebt bei ihrer Mutter, die vor Wendy meine Freundin war. Ich sehe sie von Zeit zu Zeit und möchte nicht, dass ihr die selben Dinge zustossen wir mir. Ich mag sie gut und will nicht, dass sie ohne ihren Vater aufwächst...

 

(1)Zum Schutz der Betroffenen wurden alle Namen geändert.
(2)Der honduranische Staat leistet keinerlei Hilfe an Gewaltopfer.

Tragische Anmerkung:
Leider müssen wir über den Tod von zwei Jugendlichen berichten, die unser Tageszentrum besuchten. Der vierzehnjährige Kelvin wurde von einem Mann erstochen, den er um ein Lempira (knapp zehn Rappen) gebeten hatte. Die einundzwanzigjährige Diana ist zwei Tage nach ihrer Spitaleinweisung einer schweren Lungentuberkulose erlegen.

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