01.03.2006 - Honduras

"Ich habe das Heim verlassen und alles verloren"

"Anfang 2005 bin ich aus der Casa Alianza ausgerissen. Ich brauchte Resistol, ich hielt es nicht mehr aus."
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"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative means of expression to child...

Nun habe ich alles verloren. Wenn ich daran denke, dass ich bereits ins Programm der Selbständigen integriert war! Sieben Jahre in der Casa Alianza. Ich machte Fortschritte in der Berufsschule und ich war ein guter Schüler. Ich liebe Computer, weisst Du. Ich hab's dir das letzte Mal gezeigt. Du hast gesehen, wie ich drauskomme mit den verschiedenen Schriften und mit dem Zeichnen.
Spielen und Arbeiten am Computer, das fehlt mir und all das habe ich, aufgegeben, verloren. Ich bin neunzehn Jahre alt. Aber wie bin ich bloss soweit gekommen?

Ich bin das sechste von sieben Kindern. Geboren bin ich in Juticalpa, drei Stunden mit dem Bus von Tegucigalpa entfernt. Mein Vater starb, als ich noch ganz klein war. Mama zog dann in die Hauptstadt und hat hier meinen Stiefvater kennengelernt. Der war eine Bestie, er schlug mich die ganze Zeit. Ich riss mehrmals von zuhause aus, kehrte aber jedes mal zurück.

Eines Tages, ich war acht oder neun Jahre alt, ging ich für meine Mutter einkaufen. Ein paar Jugendliche, die auf der Strasse lebten, kamen auf mich zu und stahlen mir das bisschen Geld, das ich dabei hatte. Ich hatte schreckliche Angst, nach hause zurückzukehren. Ich fürchtete, mein Stiefvater bringe mich um. Zu Fuss ging ich bis zur Endstation der Busse nach Carrizal. Ich war verzeweifelt, ich setzte mich in eine Ecke und begann zu weinen. Eine Frau, die Tortillas verkaufte, kam zu mir heran und fragte mich, was mir passiert sei. Ich hatte solche Angst, nach hause zu gehen, dass ich ihr erzählte, ich hätte keine Familie. Diese Frau nahm mich zu ihr nach hause mit. Sie gab mir zu essen und ich konnte einige Monate lang bei ihr schlafen. Man kann sagen, dass sie mich fast adoptiert hat.
Tagsüber half ich ihr, die Tortillas zuzubereiten und an der Busstation zu verkaufen. Aber mein Stiefvater entdeckte mich. Mit Gewalt nahm er mich mit nach hause, denn ich wollte nicht zurück. Er fesselte mich ans Bett und schlug mich mit einem Stromkabel. Er schlug und schlug. Noch Tage später konnte ich kaum aufrecht gehen.

Sobald ich konnte, ging ich zurück auf die Strasse. Aber ich hatte Probleme, da zu leben, denn ich wusste nicht wie stehlen. Zudem musste ich als Kleiner die Schläge der Grossen einstecken. So ist das auf der Strasse. Um das alles auszuhalten, begann ich, kaum zehn Jahre alt, Resistol zu inhalieren.

In der Zeit erfuhr ich, dass es die Casa Alianza gab und ging zum ersten Mal hin. Aber wegen meiner Leimsucht brauchte ich einige Zeit, um mich an die Regeln zu gewöhnen. Am Anfang ging ich nur ab und zu hin und blieb nicht lange. Schliesslich schaffte ich es doch, mich aufzufangen und blieb sieben Jahre.
Ich begann, mich für die Schule zu interessieren. Ich war gut in der Schule. Das stärkte mich und gab mir etwas Selbstvertrauen. Meinen Lehrer am Morgen, Roberto, mochte ich sehr. Ich schaffte es, die acht Schuljahre abzuschliessen.

Dann wurde ich für die Ausbildung als Schreiner eingeschrieben. Aber weil man da mit Leim arbeitete, war ich natürlich den ganzen Tag berauscht. Das ging so, bis es die Verantwortlichen merkten, aber da war ich dem Duft des Leims schon wieder erlegen.

Als ich die Vorfälle meiner Mutter erzählte, glaubte sie mir nicht. Ich hatte sogar das Gefühl, es interessiere sie gar nicht. Das hat mich sehr enttäuscht. Ich sagte nichts mehr und liess alles über mich ergehen.

Ich liebte die Arbeit am Computer. Wir hatten eine sehr nette Lehrerin, Wendy. Sie zeigte uns unzählige Möglichkeiten. Ich begann, meine ganze Zeit vor dem Computer zu verbringen. Ich sonderte mich von meinen Freunden ab. Nur einen traf ich noch regelmässig. Mit den anderen war es schwierig. Manchmal stahlen sie mir meine Sachen. Jene, die mit mir das Zimmer teilten, kümmerten sich nicht darum, wenn das Zimmer schmutzig war. Wenn nicht ich putzte, dann putzte niemand. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich nicht akzeptierten. Sie sagten mir «Wer alleine lebt, wird alleine sterben» und solche Sachen. Ich kapselte mich ab und las ein Buch ums andere.

2004 lernte ich in der Casa Alianza Flor kennen. Sie ist ein Jahr jünger als ich. Wir sahen uns im Haus und tauschten kleine Botschaften aus. Ich liess mir sogar eine kleine Tätowierung machen mit meinem Anfangsbuchstaben P. und ihrem, F, und einem kleinen Herz. Du siehst es hier auf meinem Arm.
Sie verliess die Casa Alianza Ende Dezember 2004, um auf die Strasse zurückzukehren. Nach einem Monat ohne sie konnte ich nicht mehr widerstehen und ging auch auf die Strasse. Natürlich began ich wieder Leim zu schnüffeln. Flor suchte ich überall, ich rief an jedem denkbaren Ort an - nichts. Ich habe sie noch immer nicht wiedergefunden.

Während all dieser Zeit schlief ich irgendwo auf der Strasse. Eines Nachts schlugen mich zwei Männer brutal zusammen - zwei Wochen Spital. Ich wurde wieder in der Casa Alianza aufgenommen, unter der Bedingung, dass ich einen Drogenentzug machte. Ich hätte die Schule aufgeben müssen. Die Entziehungskur hätte ich in einer streng religiösen Anstalt machen müssen. Dort muss man die ganze Zeit beten. Da wollte ich nicht hin. Also musste ich die Casa Alianza wieder verlassen.

So fand ich mich ein weiteres Mal auf der Strasse wieder. Aber ich halte dieses Leben nicht mehr aus. Ich würde gerne in die Casa Alianza zurückkehren. Aber ich schäme mich. Was werden die anderen sagen? "Peter, was für ein Idiot. Er, der fast ein Vorbild war, der Klassenbeste. Er war so dumm, alles aufzugeben und wieder auf die Strasse zu gehen." Ich schäme mich dafür, wie ich aussehe. Meine Kleider sind ganz schmutzig. Früher hatte ich immer saubere Kleider, Ich konnte mich wirklich zeigen. Aber jetzt - ich schäme mich so!

Unter einer Autobahnbrücke oder in einer Ruine zu schlafen wird immer schlimmer. Da ist "el negro" (der Schwarze). Er macht mir Angst. Wenn er mich sieht, schlägt er mich. Manchmal wirft er mit Steinen nach mir. Er ist verrückt. Er ist 24 Jahre alt, älter als ich. Vor allem ist er gross und sehr stark. Wenn er getrunken hat, schlägt er jeden. Ich bin ein einfaches Opfer, weil ich mich nicht wehre, sondern zu fliehen versuche. An einem Abend verfolgte er mich bis zum Fluss. Um ihm zu entkommen musste ich ins eiskalte Wasser steigen.

Was für eine Dummheit, die Casa Alianza zu verlassen! Da hatte ich wenigstens ein Dach über dem Kopf, regelmässig warme Mahlzeiten, saubere Kleider und ich konnte lernen. Ich bereue es und nehme es mir übel, weggegangen zu sein.

Du sagst, es lohne sich, zu versuchen dorthin zurückzukehren? Ja, vielleicht hast du Recht. Ich werde hingehen, mich und meine Kleider waschen und versuchen mit jemandem zu sprechen. Vielleicht darf ich wieder ins Programm einsteigen."

Ein paar Tage später geht Peter in die Casa Alianza, begleitet von einem Sozialarbeiter. Er fragt, ob er wieder eintreten darf. Aber weil er mittlerweile neunzehn Jahre alt ist, während die Alterslimite bei achtzehn Jahren liegt, wegen seinem Rückfall in die Drogensucht und wegen anderer Fakten, von denen wir nichts wissen, bleiben für ihn die Türen dieser Institution geschlossen.

Danach war Peter völlig völlig entmutigt und machte eine depressive Phase durch. Er sah keine Zukunft mehr. Er hatte Angst, auf der Strasse zu bleiben und suchte ein paar mal Unterschlupf bei den Eltern von Jugendlichen, die er kannte, ein paar mal auch bei der Freundin seines Bruders. Dort schliefen sie zu fünft in einem kleinen Zimmer. Aber kurze Zeit später fand er sich auf der Strasse wieder.

Er hat dieses Gedicht geschrieben:

Warum soll ich mein Schicksal akzeptieren?
Würde ich bloss versuchen, die Leere in meinem Herzen zu füllen!
Und dieser Traum wird sich verflüchtigen, wenn die Ungerechtigkeit meiner Zeit ein Ende macht.
Was danach kommt, ist klar.
Ich bin wenig Wert in dieser Gesellschaft von heute.

Es besteht die Möglichkeit, dass Peter in ein Projekt einer spanischen NGO eintreten kann. Dort hätte er ein Zimmer, in einer von Freiwilligen betreuten Wohnung.

PS: Zum Schutz der zitierten Jugendlichen sind alle Namen geändert worden.

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