01.03.2007 - Honduras

Ich bin zu alt für die Strasse

Die Strasse ist eine Falle für Jugendliche, die verunsichert sind durch eine Kindheit ohne Regeln, ohne Liebe. Sie ist den Heranwachsenden aber auch ein Versteck vor sich selbst, vor ihren eigenen Schwächen, ihren Ängsten, vor denen sich viele in die Drogen flüchten.
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Projet enfants des rues, Honduras, 2005.
© Jaime A. Rojas
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Projet enfants des rues, Honduras, 2005.
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Gefahren lauern überall und gehen auch von jenen aus, die für Ordnung sorgen sollten. Die Strassen von Tegucigalpa hinterlassen in jedem Fall Spuren. Die Polizisten, lauter Delinquenten!

«Und dann brachten sie mich mit Gewalt auf den Polizeiposten von Almendarez. Dort filzten sie mich. Ein Polizist wollte mich weiter schlagen, aber der Chef hielt ihn zurück. Sie stahlen mir alles Geld, das ich hatte: 60 Lempiras (ungefähr 3 Euro). Was werden sie mit diesem Geld machen? Sie werden es sicher für sich behalten. Die Polizisten sind alle Delinquenten!
Und dann, stell dir vor, haben sie auch meinen Papiere in den Papierkorb geworfen, darunter meine Geburtsurkunde. Sie sagten mir gar, das sei eine Fälschung. Wenn ich daran denke, wie oft ich auf die Staatskanzlei musste, um diese Papiere zu erhalten... Diese Bastarde!!!
Sie hielten mich drei Stunden lang auf dem Polizeiposten fest, bevor sie mich gehen liessen. Den folgenden Tag, den Weihnachtstag, verbrachte ich mit zweien meiner Onkel, die im Quartier San Lorenzo wohnen. Zum Glück hat mir ein Kumpel Geld für den Bus gegeben.
Der eine Onkel arbeitet als Tapezierer. Der andere ist ein katholischer Pfarrer. Bei ihnen ist auch eine Frau von der Kirchgemeinde, die sich um meinen Onkel, den Pfarrer kümmert.
Ich gehe gerne zu ihnen. Wenn ich während der Woche genug verkaufe, gehe ich sonntags zu ihnen. Wenn ich unter der Woche zufälligerweise genug Geld habe, um den Bus zu nehmen, gehe ich auch an anderen Abenden dorthin, um eine ruhige Nacht zu verbringen.»

Es gefällt mir nicht mehr auf der Strasse

«Es gefällt mir nicht mehr, Tag und Nacht auf der Strasse zu sein. Es ist wirklich hart.
Ich werde zu alt für die Strasse, 24 Jahre, niemand gibt mir mehr Geld, wenn ich bettle. Im Gegenteil, jeder hat Angst vor mir. Wirklich, ich verstehe die Leute. Ich war früher oft aggressiv. Du weisst es, du erinnerst dich, als das Tageszentrum von MSF eben erst aufgemacht hatte, letzten März, April. Wie oft habt ihr mir verboten ins Zentrum zu kommen, weil ich so gewalttätig war und die anderen schlug.
Ja, aber jetzt habe ich mich beruhigt, nicht? Siehst du die Pflegerin zum Beispiel, jene, die solche Angst vor mir hatte. Jetzt hat sie meine Einladung angenommen zur Weihnachtsfeier meiner Jugendgruppe, wo jeder eine Person mitbringen konnte.
Jetzt verbringe ich viel Zeit im Tageszentrum von MSF. Hier habe ich meine Ruhe. Wenigstens hier belästigt mich die Polizei nicht, wie sie das auf der Strasse tut. Ich kann spielen, mich waschen, viele Dinge lernen und sogar zum Arzt gehen oder, wie jetzt, zum Psychologen.»

Früher stahl ich

«Im Moment verkaufe ich abends Utensilien fürs Auto. Aber ich muss aufpassen, dass sie mir nicht gestohlen werden. Im Stau am späten Nachmittag, wenn die Leute an der Kreuzung nicht mehr weiterkommen, kaufen sie mir diese Dinge ab.
Bevor ich mit dem Verkaufen angefangen hatte, stahl ich. So hatte ich genug Geld, um Crack zu kaufen, zusätzlich zum Resistol, dem Leim, den ich ununterbrochen schnüffle und zum Marihuana, das mich über Nacht beruhigt. Ja, du weisst, dass ich das tun muss, weil mir das Resistol optische Halluzinationen gibt, die mir solche Angst machen, dass ich Mota (Cannabis) brauche, um mich zu beruhigen. Und dann, bis letztes Jahr trank ich am Samstag viel Alkohol, vor allem Guaro (Branntwein). Ich trank davon so viel, bis mir schlecht wurde und ich mich übergeben musste. Jeden Samstag.
Ich war schon in allen Zentren für Strassenkinder der Stadt, mehrmals in der Casa Alianza, aber auch im Gefängnis in Jalteva. Ich bin auch durch alle Zentren für Drogenentzug gegangen wie das Proyecto Victoria, Remar und El Buen Pastor. Ich kenne alle diese Institutionen in Tegucigalpa und Umgebung. Aber in keinem dieser Orte fühlte ich mich wohl. Immer floh ich nach einer gewissen Zeit.»
Johnny scheint am Ende. Er ist den Tränen nah. Plötzlich sagt er uns, was er auf dem Herzen hat, tief vergraben und was ihn offensichtlich erschüttert.
«Ich habe nie bei meiner Mutter gelebt, ich kenne sie nicht. Wer mein Vater ist weiss ich nicht. Ich wurde als Sohn eines unbekannten Vaters registriert. Ich bin bei der Frau meines Grossvaters mütterlicherseits aufgewachsen. Sie war nett, aber ist sehr früh gestorben. Ich war kaum sechs Jahre alt. Da fand ich mich auf der Strasse wieder.»

Auf der Strasse habe ich gelernt, mich zu verteidigen

«Ich bin nie zur Schule gegangen, ich kann weder schreiben noch lesen. Auf der Strasse habe ich gelernt, mich zu verteidigen, zu schlagen, bevor ich geschlagen werde und zu stehlen.
Ich war schon 20 Jahre alt, als mir ein katholischer Pfarrer die Möglichkeit gab, als Maurergehilfe zu arbeiten. Neun Monate hielt ich durch. Aber ist das wirklich ein Leben? Den ganzen Tag für einen Hungerlohn zu arbeiten, der kaum reicht, um die Miete zu bezahlen, den Bus und das Essen? Zigaretten zu kaufen, kam gar nicht erst in Frage.
Aber es stimmt, es gibt so viele Menschen hier, die so leben, mit dem Minimum. Aber ich wollte nicht. Nach neun Monaten ist ein Maler auf die Baustelle gekommen. So fing ich an, Lösungsmittel zu inhalieren. Sofort, noch am gleichen Abend, nahm ich wieder Leim, gab die Stelle auf und mein Zimmer, das ich gemietet hatte und kehrte auf die Strasse zurück.
Das ist auch hart. Aber hier fühle ich mich freier. Dennoch ist klar, dass ich zu alt bin für die Strasse.  Aber was soll ich tun?»

P.S. Um die Jugendlichen in dieser Geschichte zu schützen, wurden alle Namen geändert.

Anstelle eines Schlusswortes

Dieser Bericht von Johnny beendet die Serie von «Lebensgeschichten», die wir vor mehreren Monaten begonnen haben. In dieser Zeit funktioniert das Tageszentrum von MSF weiter und empfängt die Verlorenen von der Strasse, die Habitués und die Neulinge.
Heute wissen wir etwas mehr über das Unglück, das diese Jugendlichen von der Strasse in Tegucigalpa erdulden, weil wir ihre Irrfahrten verfolgen oder weil ihr Weg, zwischendurch oder am Ende aller Möglichkeiten in unseren Hafen führt. Hier akzeptieren sie gewisse Regeln des Zusammenlebens, besonders Drogen und falls möglich Gewalt in der Garderobe abzulegen. Trotzdem fragt man sich, was man machen könnte, um ihnen noch mehr zu helfen, ihr Leben und sich selber in Ordnung zu bringen und die Strasse hinter sich zu lassen und ebenso das Leben in der Dunkelheit und am Rand der Gesellschaft.
Wir kennen die Antwort nicht und unsere Organisation hat nicht zum Ziel, Patentrezepte anzubieten. Aber indem wir ihnen das Wort geben, teilen wir unseren Wunsch mit, dass ihnen dieses humanitäre Engagement in Tegucigalpa wenigstens ein paar Wege aufzeigt, das Elend hinter sich zu lassen.

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