01.12.2006 - Honduras

Eine schwierige Suche nach sich selbst

Die marginalisierten Jugendlichen, die in Tegucigalpa auf der Strasse leben und das Zentrum von MSF aufsuchen, besitzen oft keinerlei Ausweise.
"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative mea...
© Tegucigalpa street children
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"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative mea...
© Tegucigalpa street children
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Sie überleben ohne jegliche Mittel und sind mit den Problemen bei der Suche nach Papieren überfordert, mit denen sie ihre Identität beweisen können. Gezwungenermassen führen sie ein Leben am Rande der Gesellschaft.
Elin lebt auf der Strasse und erwartet ein Kind. Sie möchte die Geburt ihrer Tochter eintragen lassen, verfügt aber selber über keinerlei Papiere. Mit dem Personal des Zentrums begibt sie sich auf die Suche nach ihren Dokumenten und ihrer Identität. Die Suche nach sich selbst ist alles andere als einfach.

Über die Gründe, die sie nach Tegucigalpa und somit in die Stadt geführt haben, schweigt sich Elin lieber aus. Sie erzählt, sie sei im kleinen Dorf Curaren im Süden des Landes geboren und ins Tageszentrum von MSF gekommen, nachdem sie ihre Schwangerschaft bemerkt und beim Roten Kreuz festgestellt habe, dass sie HIV-positiv sei. Die Psychologin des honduranischen Roten Kreuzes wusste, dass sie in ihrem Zustand dort zumindest ärztliche und sogar psychologische Hilfe finden würde.

Elin fällt es nicht leicht, über sich selber zu sprechen: "Meine Mutter starb, als ich sieben Jahre alt war. Später starb auch mein Vater. Ich weiss, dass ich drei Schwestern und einen Bruder habe. Aber nach dem Tod unserer Eltern wurden wir alle auseinander gerissen." Sie sei bei einer Tante aufgewachsen und ein bisschen zur Schule gegangen. Später habe sie auf den Feldern und anschliessend auf dem Markt gearbeitet. Dann habe sie genug von diesem Leben gehabt und sei gegangen.
Sie lebte auf der Strasse und riss aus den Heimen aus. Sie wurde bedroht und hatte Angst vor den Schlägen ihres Freundes. Nun ist sie schwanger und leidet unter ihrer Einsamkeit.

Am Anfang kam sie regelmässig ins Zentrum, wo man sich der Schwangeren annahm. Trotzdem konnte man sie nur schwer davon überzeugen, dass sie zum Schutze ihres ungeborenen Kindes weniger Leim inhalieren sollte. Sie war ständig am Schnüffeln. Man brachte sie in einem Haus für junge Frauen von der Strasse unter, die ein Kind erwarteten oder schon Mütter waren. Die Frauen leben mit ihren Kindern zu dritt oder zu viert in einem Zimmer. Dort haben sie zumindest ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Elin geht nun auch regelmässig in die Kirche und findet, dass ihr dies gut tut.

Im letzten Schwangerschaftsmonat begann sie eine Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten. Ende Juni gebar sie ein kleines Mädchen - ein vaterloses Kind mit einer Mutter, die selber keinen Ausweis besitzt. Unmöglich also, die Geburt eintragen zu lassen.

Mit 22 Jahren auf der Suche nach Papieren und einer Identität

Gemeinsam mit den Krankenschwestern des Escuela-Spitals fand unsere Krankenschwester heraus, dass Elin unter zehn verschiedenen Identitäten in den Spitaldossiers eingetragen war. Sie wusste offensichtlich selbst nicht mehr, wer sie überhaupt war. Sie war auf der Suche nach Papieren, hatte aber keine Ahnung, ob und wo ihre Eltern sie hatten eintragen lassen.

Wir gingen also nach Curaren, um nach ihrer Geburtsurkunde zu suchen. Leider war das Büro geschlossen und auch ein zweiter Besuch brachte keinen Erfolg. In den Registern der Gemeinde fanden sich keinerlei Hinweise auf Elin.

Elin erinnerte sich an ihre Tante, die damals am Rand von Tegucigalpa wohnte und sie grossgezogen hatte. Wir beschlossen, dorthin zu fahren. Wir verliessen die Teerstrasse, die in die Slums führte, und fuhren auf einer Strasse voller Schlaglöcher weiter.
Schliesslich liessen wir den Wagen stehen und gingen zu Fuss zwischen den baufälligen Häusern aus Holz und rostigem Blech weiter. Diese verfügten weder über Wasser, noch über Elektrizität oder sanitäre Anlagen. Endlich kamen wir am Ziel an.

Unter dem Stück Plastik, welches die Küche ausserhalb der Hütte schützte, knurrte ein Hund. Er teilte sich den Platz mit einigen Hühnern und drei Schweinen. Hier hatte man eher das Gefühl, sich in den Bergen als am Rande einer Grossstadt zu befinden. Kein Verkehrslärm, nur das Rauschen eines Flusses und der Schritt der Leute, die diesen durchquerten. Von hier kamen die Männer und Frauen, die wir vor unserer Ankunft wie Maulesel bepackt angetroffen hatten. Die grossen Wasserkanister dienten zur Versorgung ihrer Häuser.

Die Tante erkannte Elin sofort: "Hast du dich aber verändert! Du warst schon so lange nicht mehr bei uns, über zwei Jahre. Deinen ältesten Sohn sehe ich oft, er lebt bei Doña Maria." Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir, dass Elin nicht nur einen inzwischen neunjährigen Sohn, den sie als Vierzehnjährige geboren hatte, sondern auch eine siebenjährige Tochter und einen vierjährigen Sohn hatte. Die Kinder werden von verschiedenen Institutionen betreut.

Die Identitätssuche Elins erwies sich als eine schmerzvolle Rückkehr zu sich selbst.

Elins Tante sprach weiterhin von der Vergangenheit: "Deine Schwester wohnt hier. Sie wird dir mehr über den Ort sagen können, wo ihr eingetragen worden seid. Sie weiss auch, wo die restliche Familie wohnt. Gehen wir sie besuchen."

Nach einer Wanderung durch die Slums auf den Hügeln kamen wir bei einem kleinen, baufälligen Haus an, das am Rand eines Abhangs gelegen war. Auf der Türschwelle sassen eine junge Frau und vier Kinder im Schatten. Die Tante stellte die beiden einander vor: "Das ist deine Schwester Teresa. Teresa, das ist deine Schwester Elin."

Kein Zweifel - angesichts der Ähnlichkeit musste es sich um Elins Schwester handeln. Trotzdem erkannten sich die beiden nicht. Sie hatten sich seit rund fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Sie waren sich fremd und hatten Mühe, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Teresa lebte seit einigen Monaten mit ihrem Mann in dieser Notunterkunft. Er ging jeden Morgen um fünf Uhr zur Arbeit, was zwei Stunden zu Fuss und mit dem Bus bedeutete. Wenn er am Abend heimkehrte, war es schon Nacht. Teresa war fast den ganzen Tag allein in ihrer Ecke am Ende der Welt. Zum Glück hütete sie die drei Kinder ihrer Nachbarin und kümmerte sich um ihr Baby. Ihre Magerkeit sowie ihre müde und traurige Art waren schwer zu ertragen. Wir wussten nicht einmal, ob sie sich überhaupt über den Besuch freute. Es war eher eine Überraschung. Sie selber hatte auch keine Ausweispapiere, erzählte uns aber von einem Onkel, der in einem anderen Quartier lebte.

Es war eine traurige Begegnung für Elin, die bitter und etwas grausam meinte: "Ich hatte meine Schwester als hübsches Mädchen in Erinnerung. Dabei ist sie bereits völlig verlebt."

Nach mehreren Begegnungen mit unbekannten Verwandten Elins in verschiedenen entfernt gelegenen Quartieren fanden wir in den Archiven einer Kirche endlich ihre Taufurkunde. Dank diesem Dokument und der Hartnäckigkeit des ganzen Teams waren unsere Bemühungen bei der Verwaltung schliesslich von Erfolg gekrönt.

Inzwischen verfügt Elin über ihre eigene Geburtsurkunde und freut sich sehr darüber: "Ich konnte nie Geburtstag feiern, da ich mein Geburtsdatum nicht kannte. Nun kann ich meinen 24. Geburtstag fast nicht erwarten." Am Wichtigsten ist für sie aber, dass sie die Geburt ihrer Tochter eintragen lassen kann. Jede zehnte Person in Honduras hat diese Möglichkeit nicht. Dies erschwert das Leben dieser Leute beträchtlich und sie laufen Gefahr, ausgebeutet und marginalisiert zu werden.

Die Suche von Elin geht weiter. Dank ihrer Tochter hat sie den Mut, sich auf diese Reise in die Vergangenheit zu begeben. Sie fühlt sich stark genug, das Leben wirklich anzugehen, und möchte von der Strasse wegkommen.

P.S. Um die Jugendlichen in dieser Geschichte zu schützen, wurden alle Namen geändert.

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