15.06.2006 - Honduras

Der Tod von Katrin

In diesem Text aus Tegucigalpa hat nicht ein Strassenkind das Wort. Er erzählt einfach die tragische Geschichte einer jungen Frau, die auf der Strasse lebte, ihre Kinder bei sich behalten wollte und schliesslich daran starb, dass ihr das nicht gelang.
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"Me devuelves una sonrisa" was a joint project of MSF and the Honduran association "Libre Expresión" that teaches photography as a creative means of expression to child...

Wir lernten Katrin kennen, als sie als Schuhputzerin auf der Sechsten Avenue arbeitete. Sie war 23 Jahre alt und schlief auf der Strasse. Ihre Haut war bernsteinfarben, sie war schlank und attraktiv. Sie hielt sich mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern - einem vierjährigen Knaben und einem zweijährigen Mädchen - in einem Winkel des Marktes auf. Nachts versteckte sie sich hinter einem der hölzernen Marktstände, hängte Säcke auf, um nicht von Passanten gesehen zu werden und schlief auf dem Boden; für ihre zwei Kinder spannte sie unter dem Stand eine Hängematte auf.

Nach ein paar Kontakten auf der Strasse brachten wir sie dazu, zu Psychotherapie-Sitzungen zu kommen um zu sehen, wie sie ihr Leben und das ihrer Kinder verbessern könnte. Wir schlugen auch vor, mit ihr eine geeignete Krippe für ihre Kinder zu suchen, damit diese den Tag nicht auf der Strasse verbringen müssten und sie besser arbeiten könnte. Wir versicherten ihr, dass sie ihre Kinder jeden Tag sehen könne.

Katrin vertraute uns nicht. Ihr ältester, neunjähriger Sohn lebte in der Institution eines katholischen Priesters, seit er klein war. Katrin hatte zwar versucht, ihn aus der Institution und zu sich zu nehmen, aber der Priester war damit nicht einverstanden. Er fürchtete, das Kind würde wieder auf der Strasse landen.

Seit dieser Trennung misstraute Katrin allen und allem. Sie wollte nichts davon hören, dass ihren Kindern geholfen werden könne.

Die Kinder werden in einer nächtlichen Aktion der Strasse entrissen

Im Dezember 2004 zeigten die Nachbarn Katrin bei den Behörden an, das heisst beim IHNFA (dem honduranischen Institut für die Kindheit und die Familie). IHNFA-Mitarbeiter erschienen ohne Vorankündigung mitten in der Nacht in Begleitung der Polizei. Sie entfernten die Säcke, welche die «Unterkunft» von Katrin und ihren Kindern schützten. Dann rissen sie die Kinder, die sich vergeblich an ihre Mutter zu klammern versuchten, aus ihrer Hängematte. Darauf tauchte der Vater der Kinder mit ihren Grosseltern auf und es gab eine regelrechte Strassenschlacht zwischen Katrin, dem Vater der Kinder und seiner Familie sowie einigen Freunden auf der einen Seite und den Polizisten auf der anderen Seite. Es gelang dem vierjährigen Knaben, sich zu befreien und sich an seine Grossmutter zu klammern. Die Polizisten überwältigten die Grossmutter und entrissen ihr das Kind von neuem.

Schliesslich gewannen die Polizisten und nahmen die Kinder im Auto mit. Katrin, ihr Freund und seine Familie waren plötzlich ganz allein auf der Strasse.

Am nächsten Tag kam Katrin zu uns, um mit uns zu reden. Sie empfand grosse Wut, Verzweiflung und Machtlosigkeit. Ihr schlimmster Albtraum hatte sich verwirklicht. Die Trennung war äusserst gewaltsam erfolgt, ein brutaler und schmerzhafter Verlust. Alle, die sich den Polizisten entgegengestellt hatten, waren mehr oder weniger verprügelt worden.

Katrin hatte alles daran gesetzt, dem IHNFA die Tatsache zu verbergen, dass sie auf der Strasse lebte. Aus diesem Grund wollte sie ihre Kinder auch nicht in die Krippe schicken, die ihr MSF empfohlen hatte, doch vergeblich. All ihre Anstrengungen waren umsonst, man nahm ihr ihre Kinder.

Was tun, um das Sorgerecht wieder zu bekommen?

Die Sozialarbeiterin und die Psychologin konnten Katrin schliesslich davon überzeugen, im IHNFA zu fragen, wie sie das Sorgerecht für ihre Kinder zurückbekommen könnte. Als sie die Verantwortliche traf, liess man ihre Kinder per Zufall in dasselbe Büro, um sie dort zu registrieren. Sobald die Kinder ihre Mutter sahen begannen sie zu weinen und zu schreien. Katrin ebenfalls. Sie umarmten einander und die Trennung war erneut äusserst schmerzhaft.

Es war sehr schwierig, Katrin davon zu überzeugen, ein zweites Mal zum IHNFA zu gehen. Der Ort war mit zu vielen schmerzhaften Erinnerungen belastet. Sie vertraute niemandem mehr, auch wenn sie von der Sozialarbeiterin und der Psychologin von MSF begleitet wurde. Sie fühlte sich machtlos und entmutigt, als sie begriff, dass sie ihre Kinder nur dann zurückbekommen könnte, wenn sie die Strasse verlassen und ein Dach über dem Kopf finden würde.

Immer depressiver

Sie versuchte es trotzdem und begann wieder zu arbeiten, als Putzfrau in einer Klinik. Aber wenn sie am Abend allein auf der Strasse war, nahm sie Drogen. Sie wurde immer depressiver und krank. Nach und nach vergass sie die Tage, an denen sie ihre Kinder sehen durfte, und ihre Termine im therapeutischen Tageszentrum von MSF.

Da sich die Lage verschlimmerte, schlugen ihr die Psychologin und die Sozialarbeiterin von MSF vor, in ein Heim zu ziehen und darum zu bitten, dass ihre Kinder in einer Krippe in der Nähe untergebracht würden.

Sie war damit nicht einverstanden und sagte, sie wolle auf der Strasse leben, wie sie es gewohnt sei.

Quartierbewohner, die uns bei unseren Besuchen auf der Sechsten Avenue vorbeikommen sahen, erzählten, dass es jetzt Katrin sei, die in der Hängematte unter dem Marktstand schliefe. Ihre Kommentare waren hart: «Aber schaut sie an. Es ist immer noch besser, dass ihre Kinder im IHNFA untergebracht sind, statt mit dieser Drogenabhängigen auf der Strasse zu schlafen.»

Erschossen

Katrin und ihr Freund versanken immer mehr im Drogensumpf: Marihuana, Guaro (honduranischer Schnaps), Crack, ständiges Leimschnüffeln. Doch Katrin kam noch eine Zeitlang zu uns ins Zentrum.
Und dann wurde ihr Freund Marlon im April 2005 erschossen.

Die Familie von Marlon glaubte, das sei Katrins Fehler. Sie duldeten sie nicht mehr in ihrer gewohnten Ecke und vertrieben sie von dort.
Katrin wechselte von der Sechsten auf die Siebte Avenue, den Ort, wo Prostituierte auf Kunden warten. Sie begann sich ebenfalls zu prostituieren. Sie magerte immer stärker ab und wurde immer kränker. Sie hatte immer mehr Narben auf ihrem Körper und kam kaum noch ins Zentrum, nur manchmal um ihre Kleider zu waschen und zu duschen. Sie wollte nicht mit der Psychologin sprechen und sagte jedes Mal freundlich, sie würde nächste Woche kommen um zu reden.

Aber sie kam nicht mehr

In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 2005 wurde sie von zwei Männern erstochen. Gerüchte sprachen davon, es sei um Drogen und Geld gegangen. Sie hatten ihr das Gesicht mit einem Dolch zerstochen.

So hat man sie gefunden. Tot, auf dem Trottoir liegend, von ihren Freundinnen und anderen jungen Menschen umgeben, die auf der Strasse leben. Eine Sammlung erlaubte es, einen Sarg aus Karton zu kaufen, der mit Klebestreifen verstärkt werden musste.

Am Nachmittag ihres Begräbnisses begleiteten sie die auf der Strasse lebenden jungen Menschen solidarisch im Bus bis auf einen ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof.

Wir wissen nicht ob ihre Kinder - der neunjährige Sohn, der in einer katholischen Institution lebt, und die zwei vier und zwei Jahre alten Kleinen, die in einem Heim der IHNFA leben, vom Tod ihrer Mutter erfahren haben.

Unsere Sozialarbeiterin wird das IHNFA kontaktieren. Da beide Eltern gestorben sind, wäre es besser, wenn sie in ein privates Waisenhaus kämen, das durch Spenden aus dem Ausland finanziert wird und wo man die Probleme von Verwahrlosung und Missbrauch gut kennt, als dass sie weiter von einem Heim des IHNFA ins nächste gereicht werden.

Da "Nuestros Pequeños Hermanos" ihnen ein würdigeres Leben bieten könnte, werden wir versuchen, den Wechsel der Institution zu organisieren.

P.S. Zum Schutz der beschriebenen Jugendlichen in diesem Artikel sind alle Namen geändert worden.

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