01.10.2009 - DR Kongo

Nach Hause

Christine Haller, Krankenschwester aus Basel, war im Sommer und Herbst 2009 auf Einsatz in der Demokratischen Republik Kongo.
HEI 0126 (150)
© Christian Wyss
Christine Haller.
© MSF
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Dies wird wahrscheinlich mein letzter Brief sein, bevor ich den Kongo endgültig verlassen werde… Ich habe es bereits gesagt, ich bin eine der vielen, die hier für sehr kurze Zeit herkommen, einen oberflächlichen Eindruck gewinnen und dann wieder nach Hause gehen.

Ich bin, denke ich, an meine seelischen und körperlichen Grenzen gekommen, und ich nehme an, dass ich einfach eine Woche lang in meinem eigenen Bett, in meiner kleinen Höhle an der Lower East Side, durchschlafen werde. Schwer vorstellbar im Moment.

Ich werde Patrice, meinen engen Kollegen, vermissen. Er hat mir während dieser für mich verrückten Zeit immer treu beigestanden. Ein smarter und fatalistischer, ruhiger und zynischer Kongolese. Ein guter Vater, ein Frauentyp mit der schönsten „belle femme“ der Stadt zur Frau. Die Leute heiraten hier nämlich oft nicht, weil sie sich eine Hochzeit nicht leisten können, und so leben sie zusammen, wie wir das tun, und haben Kinder und trennen sich, wie wir auch.

Es war ziemlich ruhig hier in der letzten Zeit, aber weiter im Norden werden die Leute noch immer angegriffen, entführt, eingeschüchtert, und es gibt keine grossen Bewegungen zurück zu ihren Städten und Feldern. Die Leute bleiben Flüchtlinge und Vertriebene und ihre fruchtbare Erde liegt brach… Ich kann gar nicht oft genug wiederholen, wie sinnlos diese Armut im Kontrast zu den ausgiebigen Ressourcen ist. Die Landwirtschaft allein würde diese Region zum Zentrum des Umlandes machen. Die Leute sind hier zu arm, zu weit hinter dem Rest der Welt zurück. All unsere verrückten Gadgets sind im Vergleich Wahnsinn – Krieg der Sterne. Es ist einfach nicht recht, dass diese Kinder nicht einmal zur Schule gehen und nicht einmal ihren Namen schreiben lernen können.
Ich kenne diesen prächtigen kleinen Jungen, der mein Herz im Sturm gewonnen hat. Er wurde von einem Hund gebissen und ich musste ihm vier Impfungen geben, trotzdem mag er mich… Er hält meine Hand, wenn ich zu Sergios Haus hinüber gehe, und er wartet auf mich, beobachtet mich, wenn ich in der Sprechstunde bin, möchte Dinge für mich tragen, wortlos und mit einem Strahlen in seinem schönen Gesicht. Er geht nicht zur Schule, hat keinen Vater und hat seine Mutter nie gesehen. Er kann die Gebühren, die Schulbücher nicht bezahlen, wird nicht schreiben lernen, wird keine Arbeit haben können, bei der er lernt und weiter kommt… und doch steckt das alles in ihm. Er wird aufwachsen und sich vielleicht an die „Mondele“, die weisse Frau, erinnern, an unsere Spaziergänge und unsere Freundschaft. Das werde ich auch. Aber mir stehen so viele Möglichkeiten offen. Bei vielen  Babys, die ich im Arm hielt, habe ich mich gefragt, was wohl aus ihnen wird. Nicht dass ich ihre Kultur verändern will, nein, es ist eine reiche Kultur. Aber das Leid, die Unsicherheit, die Ressentiments sind zu mächtig. So ist das. Wie ich in meinem ersten Brief berichtet habe, sind die Gesichter der Kinder oft matt. Aber wenn sie lächeln, ist es wie purer Sonnenschein und es kommt ganz plötzlich, aus dem Nichts. Ich liebe diesen Ort wegen der Kinder.

Ich will euch nun nicht länger aufhalten. Ich bin an meiner absoluten psychischen Grenze angelangt, es ist fast komisch… Die Impfaktion ist vorbei, fast 16’000 Kinder wurden gegen Masern geimpft, Tage des Kreischens und des Lachens… Ich kann euch versichern, dass selbst für mich als ehemaliger Besucherin der lautesten Konzerte in diesen Tagen das Geschrei sechsjähriger Kinder, die geimpft wurden, eine Herausforderung für die Trommelfelle war.
Neben der schweisstreibenden Arbeit in den Kliniken werde ich an diesem Wochenende mein letztes grosses Treffen mit unseren agents communautaires haben, den Abschlussbericht über meinen Einsatz schreiben, die Übergabe machen, zusammen mit den anderen Mitgliedern hier den Aktionsplan für 2010 fertig stellen und ein Fussballspiel der Mitarbeiter organisieren. Alles so genannte Feldarbeit; Körper und Seele, Muskeln und Gehirn, alles arbeitet zusammen. So ist das.

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